Von allen Süchten, die ich losgeworden bin, fiel mir der Alkohol am schwersten. Nikotin ging, Koffein ging, Zucker war nicht einmal gekommen. Aber der Alkohol fing mich immer wieder. Er roch nach verdient.
Ich kam erst raus, als ich verstand, was ich für meinen Charakter gehalten hatte. Eine Entzündung. Was ich für Persönlichkeit hielt, war der Aggregatzustand meiner Darmflora. Was ich für Willensschwäche hielt, war eine durchtrennte Leitung. Und was ich für mich hielt, war ein Symptom.
Jeder Mensch.
Ein Protein namens Delta FosB.1 Bei jedem Rausch, jedem Zuckerstoß sammelt es sich in den Zellkernen der Neuronen. Es wird nicht abgebaut. Es bleibt. Für immer. Es schreibt meine Gene um, verwandelt Nervenzellen physisch, um sie empfänglich zu machen für das, was mich zerstört. Eine wachsende Narbe.
Warum trinke ich dieses Zeug?
Jedes Mal, als ich nachgab, wurde sie tiefer, die Narbe. Die nächste Niederlage wahrscheinlicher. Das Verlangen ist kein psychisches Problem. Bei niemandem. Der präfrontale Kortex, direkt hinter deiner Stirn, ist die Instanz, die Nein sagen kann. Bei fortgeschrittener Sucht ist die Leitung zwischen diesem Kortex und dem Belohnungszentrum gekappt. Ich weiß, ich sollte das nicht trinken. Ich trinke es trotzdem.
Das bin nicht ich.
Das ist das, was von mir übrig ist, wenn die Infrastruktur für Entscheidungen weggebrannt ist. Wille ist eine neuronale Verbindung.
Alkohol unterbricht sie.
Alkohol tötet den inneren Beobachter. Er betäubt exakt die Instanz, die bemerkt, wenn etwas schiefläuft. Du hältst dich für entspannt, dein Körper wird taub. Du hältst dich für authentisch, in Wahrheit regredierst du. Interozeption, diese Verbindung nach innen, gekappt. Du spürst nicht mehr, dass der Magen voll ist. Du spürst nicht mehr, dass du erschöpft bist. Du spürst nicht mehr, dass du dich umbringst.
Aber weil der Stress für einen Moment aussetzt, hältst du Taubheit für Erholung.
Dieses gottverdammte Feierabendbier.
Fünf Tage ohne einen Tropfen Wasser. — Kein Problem.
Fünf Minuten mit dem Wissen, dass heute kein Bier kommt. — Unerträglich.
Was wir als Entspannung auslegen, ist die Linderung eines Entzugs, den wir nicht mehr als solchen erkennen. Der Alkohol vom Vortag hat dein Nervensystem in Unruhe versetzt. Das Bier stellt das Defizit auf null, das es selbst erschaffen hat.
Biologische Geiselnahme, als Ritual verkleidet. 1516 und so.
Alkohol entspannt nicht.
Alkohol drückt Glutamat runter, fährt GABA hoch. Das Gehirn versucht das zu kompensieren. Mehr Glutamat, weniger GABA. Ohne Alkohol ist es dann dauererregt. Das Gegenteil von Entspannung. Alles ist plötzlich Stress. Sogar Urlaub. Sogar Nichtstun. Selbst die Stille schreit.
Für meinen Mitbewohner, der täglich eine Flasche Wein leerte, war alles immerzu Stress. Es war praktisch unmöglich, ihn irgendwie mal nicht gestresst zu sehen. Substanzinduzierte Allostase. Als seine besten Freunde in die Stadt kamen, und sie sich täglich trafen — Stress. Er seufzte, als er es aussprach. Samstagnachmittag, nichts zu tun für ihn — Stress. Abends in die Bar — wie viel Stress das wieder ist. Sein versoffenes Nervensystem konnte nicht unterscheiden zwischen Bedrohung und Entspannung. Er lebte in einem Körper, der permanent Alarm schlug.
Der Alarm kam vom Wein.
Er wusste es nicht. Er dachte, das sei er. Dann kippte er sich das nächste Glas. Gegen den Stress, versteht sich.
Sobald Alkohol im System ist, stoppt auch die Fettverbrennung. Der Körper stuft ihn als Gift ein, den Alkohol — absolute Priorität. Alles, was du in diesem Zustand isst, wird unverzüglich eingelagert.
Gleichzeitig zerfrisst der Alkohol die Darmzotten. Wie Schleifpapier reißt er sie ab. Durchlässig wird die Schleimhaut, die dich schützen soll. Gifte, Bakterien, unverdauter Nahrungsmüll dringen in den Blutkreislauf. Das Immunsystem läuft heiß. Die Leber verfettet. Die Zellen ertrinken in Fett und verhungern gleichzeitig, weil der zerstörte Darm keine Nährstoffe mehr aufnehmen kann.
Vierzig Supplemente hatte ich genommen, bevor ich mit dem Alkohol aufhörte.
Vergeblich.
Und das viszerale, angesoffene Fett ist nicht bloß ein ästhetisches Problem. Es ist ein endokrines Organ. Warum weiß das jeder Mediziner, aber sonst niemand? Es produziert ununterbrochen Tumornekrosefaktor Alpha. Ein böser Stoff, den dein Bierbauch macht, der durch dein Blut wandert und dein Gehirn krank macht. Er und andere Botenstoffe überwinden die Blut-Hirn-Schranke. Dein Gehirn entzündet sich.
Du brauchst keine Psychopharmaka zu nehmen. Du brauchst Ursachenbeseitigung.
Nebel im Kopf. — Mein Mitbewohner trank darauf immer Monster Energy. Depressive Verstimmungen. — Manche kaufen sich ein Buch von Stefanie Stahl. Kognitiver Verfall. — Es ist das Alter. Sagen sie.
Bauchfett macht übrigens dumm. Und jetzt geh mal in den Supermarkt und schau dich um, wer da rumläuft. Freiluft-Hospiz mit Einkaufswagen.
Und Bauchfett macht traurig. Bauchfett schreibt deine Gedanken. Und nein, deine Gedanken sind keine abstrakten Glühwürmchen. Sie schweben nicht, sie pumpen — zäh wie dein versulzenes Blut. Dein Selbstmitleid ist ein Fettsäure-Ester.
Ich hatte dreißig Kilo abgenommen. Der Fettabbau hat Altlasten in meinen Blutkreislauf gespült. POPs, persistente organische Schadstoffe. Industriechemikalien, Mikroplastik, Pestizide, eingelagert über Jahrzehnte. Die Speicher lösten sich auf, der Körper wurde mit seinem eigenen Gift überschwemmt.
In dieser Panik suchte er einen Notausgang. Fettige salzige Kost. Ich habe Osteopenie, wahrscheinlich hat mein Körper ohnehin ein Natriumproblem. Kauen aktiviert ein uraltes Sicherheitsprogramm im Stammhirn. Deswegen die Nüsse immer.
Man isst nicht, weil es zieht im Magen. Man isst, um sich biochemisch ruhigzustellen.
Ich aß, um zu verschwinden.
Menschen vegetieren bei vierzig Prozent und nennen das ich. Der Rest wäre da. Aber er würde bedeuten, keine Ausrede mehr zu haben. Menopause und so. Also entfolgen sie mir, wenn ich kritisch über Body Positivity schreibe. Der Spiegel bleibt beschlagen.
Menschen definieren sich über ihre Defekte. Reizbarkeit, Antriebslosigkeit, Nervosität.
So bin ich halt. Ich brauche halt meinen Kaffee. Es gibt sogar eine ganze Palette positiver Wirkungen von Kaffee. Nachgewiesen, peer-reviewed.
Natürlich nicht nachgewiesen und peer-reviewed. Aber man weiß ja mittlerweile um die segensreichen Wirkungen. (Schrumpfendes Gedächtniszentrum. Dreißig Prozent weniger Blutfluss im Gehirn. Kein Tiefschlaf mehr. Erhöhte Feindseligkeit. Segensreich.)
Süchtiges Gehirn mit Waschzwang.
Ich bin halt jemand, der Geselligkeit liebt. Ich bin ein Genussmensch.
Die Substanz hat gelernt, wie Identität klingt.
Glaubst du ernsthaft, das bist du selbst, der da spricht?
Du verteidigst ein Gefängnis. Du bist ein Biocomputer.
Ein riesiger Teil dessen, was du für deinen Charakter hältst, ist das Resultat eines entgleisten Stoffwechsels. Einer entzündeten Darmflora. Verbrannter Rezeptoren. Du verteidigst keine Persönlichkeit.
Und insgeheim weißt du das.
Aber du willst nicht frei sein. Weil Freiheit verpflichtet, Eigenes zu leben und auszudrücken. Schön zu sein.
Body Positivity nennt Kümmerexistenz »Selbstliebe«. Gemeint ist damit so etwas wie Fürsorgemord. Wenn Übergewicht ein chronisch entzündlicher Zustand ist, der Menschen systematisch Intelligenz und Lebenszeit raubt, dann ist seine ästhetische Normalisierung ein Akt der Verhinderung. Wer eine tödliche Krankheit feiert, weil man sie jetzt »Diversität« zu nennen beliebt, tötet. Mit Applaus. Die Leichen sind nur langsamer als der Jubel.
Die Psychotherapie hat eine Lösung. Das innere Kind. Jedenfalls solange sich Menschen Bücher darüber kaufen und die Sitzungen bezahlen.
Bei akuter Sucht ist dieses Konzept ein Mittäter. Wer bei massiver Abhängigkeit in seiner Kindheit gräbt, Traumata streichelt, Gefühle visualisiert, statt toxische Biochemie zu stoppen, sucht Vokabeln für die Fortsetzung. Die Therapie liefert die Sprache, der Konsum liefert die Erleichterung. Dein inneres Kind ist ein Junkie. Es will nicht geheilt werden. Es will seinen Stoff. Vom Arzt oder vom Späti. Und es hat gelernt, dass in Deutschland die Kasse fürs Reden zahlt, nicht fürs Aufhören.
It’s money, stupid.
Das Gehirn eines Süchtigen im Entzug lügt. Es lügt mit der Stimme der Vernunft. Es liefert die logischsten Gründe, warum genau heute der Tag ist, an dem man dieses eine Glas verdient hat.
Diese innere Stimme, die sagt, man wolle ein Bier trinken, ist nicht die eigene. Es ist das Geschwür der Sucht, das gelernt hat, genauso zu klingen. Ich habe die Maschine gefüttert, bis sie gelernt hat, mich zu imitieren.
Was für eine Maschine? — Egal. Wo ist mein Stoff?
Der Moment, als ich erkannte, dass diese innere Seelenstimme eine einzige Lüge ist. Dass nichts davon wahr ist, und dass sie nicht von mir kommt, sondern von der Substanz, die mich leer trinken will statt umgekehrt — das war der Moment, als es aufhörte.
Das fühlt sich an wie Sterben. Weihwasser auf Schlammschatten. Müdigkeit, Zittern, Panik, Nebel. — Säure, die das süchtige, jämmerliche, erbärmliche Ich auflöst, das immer schon ein anderer war.
Dieses innere Geschrei, dieser somatosensorische Impuls, loszugehen und sich das Zeug zu kaufen, ist der Beweis, dass der Körper anfängt, sich zu reparieren. Die Wahrheit, die aus dem Schlamm auftaucht, ist der einzige Weg raus aus der Schleife.
Wer diesen Schmerz betäubt, beginnt von vorn. Zerhackstückt seinen Tiefschlaf.
Ohne Tiefschlaf reinigt sich das Gehirn aber nicht. Das glymphatische System transportiert die toxischen Proteine nur nachts ab. Wer auf Droge ist, mag lange schlafen, schläft aber nicht tief.
Er hat dann einen präfrontalen Kortex ohne Ladung. Der Impuls triumphiert. Physik schneidet sich die Arme auf und nennt das Wille.
Die eigentliche Befreiung ist nicht in Wochen oder Monaten oder Jahren, wenn der Abfall nicht mehr im Körper klebt. Sie ist der Moment, da ich aufhöre, meinen Gedanken und Gefühlen zu glauben.
Hier und jetzt brennt heller als Glühwürmchen.
Die Therapie-Industrie lebt davon, dir beizubringen, auf dich zu hören. Aber diese Stimme, auf die du hören sollst, hält Zwänge aufrecht. Sie versucht dich umzubringen, weil sie ein Nachbild dessen ist, was war, nicht dessen, was sein könnte.
Selbstfürsorge, richtig verstanden, heißt Kopfschuss.
Wer glaubt, gelegentlich Bier zu wollen, soll sich mal anschauen, wie sein Gehirn darauf eigentlich reagiert, wenn er das trinkt. Es entzündet sich, es atrophiert. Es will das Bier nicht. Die anderen Organe auch nicht. Das Gehirn wehrt sich dagegen. Deine Muskeln, deine Nerven verkrampfen. Das Gegenteil von Entspannung, das Gegenteil von Lust.
Aber das verkauft sich nicht so gut wie die kollektive Psychose, die wir Alltag nennen. Wie Kaffee. Wie Bier. Und all der andere Abfall, den du im Supermarkt kaufen kannst. Niemand sperrt den Tatort ab. Wir hören auf zu leben und glauben, das seien wir. Und weil die anderen ja auch fast alle bei vierzig Prozent faulen, fällt das auch kaum auf.
Man erkennt eine Zivilisation an den Krankheiten, die sie für Identität hält.
Die Trauerrede wird authentisch sein.



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Ich verzichte in diesem Text bewusst darauf, die vielen Nachweise abermals aufzuführen. Die biologischen Zusammenhänge sind in meinen früheren Essays und ausführlich in meinem Buch Kreativer Suizid belegt.









