Dreimal sank ich unter die Wasserlinie des Lebens. Die Ärzte sagten, ich würde »dumm und behindert«. Sie hatten mich aufgegeben. Pharmakoresistente Grand-Mal-Epilepsie nannten sie es. Autoimmun-Enzephalitis.
Worte wie Quecksilber.
Im Januar 2024 riss es mich am tiefsten. Der Schmerz war weiß. Nerven blitzten wie Sterne im Öl. Krämpfe sickerten über Gehirn und Rückenmark. Es hörte nicht auf.
Ich suchte im Schwarz nach dem Inbild. Aber da war nichts. Trüb war die Welt. Ich suchte weiter, aber der Geist war verschwunden. Kein Gedanke, kein Nachbild.
Du musst einen Weg finden. Du musst dein Gehirn reparieren.
Ich spürte meine Hände nicht. Die Welt schwamm verkehrt. Im Wasser suchte ich meinen Namen. Ich fand ihn nicht. Nur Æther. Und gerade genug Kraft, die Finger zu bewegen. Ein dunkler, stiller Raum, in dem ich gefangen war. Ich tastete mich die Wände entlang, suchte einen Ausgang. Es gab keinen.
Dann ein Impuls.
War ich das?
Es reichte einen Wimpernschlag. Eine winzige Bewegung. Ich nahm den Stift, als wäre er ein Atemrohr. Punkte. Striche. Tropfende Buchstaben. Ein klarer Satz würde den Raum füllen.
Du musst einen Satz schreiben.
Es kam nichts.
Wach bleiben.
Zeitfenster. Erst für Sekunden, dann Minuten.
Stift halten. Über das Papier beugen.
Silbe für Silbe schrieb ich mich von Körperzelle zu Körperzelle. Wochen vergingen. Papier am Bett wie weiße Haut. Synapsen wie Fäden im Riff. Es waren zarte Fäden. Ich musste gegen die Entzündung anschreiben. Sätze finden, die mich zurückbringen. Einen Satz, der mich neu baut. Monate vergingen so. Immer wieder zog es mich ins Schwarz. Schwindel füllte meinen Kopf. Die Schwerkraft war ein Angebot. Ich versuchte mich nach oben zu arbeiten.
Irgendwann hatte ich eine Handvoll Sätze. Wie Holz. Langsam tauchte ein Ich aus dem Nichts. Umrissehaft. Ich schrieb weiter — baute ein Floß.
Das war vor einer Stunde.
Ich erinnerte mich.
Das war vor einem Tag.
Ich erinnerte mich nochmal.
Wie Sauerstoff flossen die Worte. Eines Tages hatte ich mir Kraft erschrieben, mich aufzurichten. Ein paar Schritte zu gehen. Feuchte Erde unter meinen Füßen.
Die Entzündung ebbte ab. Für die Ärzte bin ich eine Anomalie — ich lebe noch. Sie diagnostizierten mir Sterben. Ich schrieb weiter. Mit vierzehn schrieb ich zum ersten Mal einen Satz, der stärker war als der Impuls, den Notausgang zu wählen. Heulend vor einer Schreibmaschine im Keller erschrieb ich mir, buchstäblich, jeden Atemzug.
Aber Atmen ist kein Verdienst. Leben ist ein chemischer Vorgang. Wille ist das Wort, das wir benutzen, wenn wir nicht verstehen wollen, warum wir längst verloren haben. Dopamin tropft wie Gold zwischen Reiz und Reaktion. Rezeptoren öffnen ihren Schoß, lutschen an schmierigen Münzen. Der Geschmack von Ich macht die Zunge taub. Ich bekomme keine Luft.
Aber die Tür öffnet sich nicht.
Eine Frau steht auf. Sterbenskrank, die Ärzte gaben ihr Stunden. Sie steht auf. Geht nach Hause. Regelt, was sie regeln muss. Geht zurück ins Krankenhaus. Legt sich hin. Stirbt.1
Sie hatte kein Recht dazu. Und trotzdem nennen zerstörte Gehirne ihre Kinder plötzlich beim Namen. Kein Algorithmus wehrt sich, wenn die Berechnung sagt, es ist vorbei. Aber Menschen tun das. Selten. Fast nie.
Und doch bin ich hier.
Epilepsie war nicht mehr. Rauchen schon. Noch anderthalb Jahre rauchte ich aus Pflicht zur Selbstzerstörung.
Dann hörte ich auch damit auf. Irgendwo zwischen Kapitel drei und vier. Ich schrieb mich durch die Eingeweide der Hölle, und die Hölle schrieb zurück.
Und dann kam der Alkohol.
1 Rasierklingenschaum
Saufen ist sozialverträgliche Selbstverstümmelung. Der einzige Unterschied zum Ritzen ist das Ansehen. Eine ganze Zivilisation hat beschlossen, ihr Nervengift Kulturgut zu nennen, ihr Organversagen Genuss und ihre Abhängigkeit Freiheit. Der Staat verdient mit, die Industrie liefert nach, und wer aufhört, gilt als der mit dem Problem.
Wer das benennt, ist der Spielverderber. Wer daran stirbt, hatte halt Pech. Und was es mit dem Körper macht, interessiert erst, wenn er kollabiert. Erst verstümmelt es die Wahrnehmung. Dann die Organe. Dann die Jahre. Am Ende sitzt ein Mensch da, der aussieht wie fünfzig, denkt wie fünfzehn und sich erinnert wie achtzig.
Ich hörte auf zu rauchen. — Ich hörte auf zu rauchen und fing an zu ertrinken. Damit habe ich nicht gerechnet. Zehn Jahre zuvor hatte ich schon einmal aufgehört. Damals trank ich Brennnessel-Smoothies, Kokoswasser und Zitronensaft.
Jetzt war ich plötzlich alkoholabhängig. Bier war das Einzige, das ich wollte. Wein trank ich nicht. Schnaps trank ich nicht. Alkoholfrei trank ich nicht. Als hätte mein Körper eine Getränkekarte, auf der genau ein Punkt nicht durchgestrichen war. Nach dem Rauchstopp trank ich täglich. Ich arbeitete, ich sprach, ich erledigte Dinge. Ich trank dabei oder ich trank danach. Wenn ich nicht trank, kratzte ich mir die Hände blutig.
Nach sieben Jahren nahm ich meinem Gehirn sein falsches Normal weg. Rauchen war mein ausgelagerter Neurotransmitter geworden — »als hätte jemand [meine] Organe in den Raum gehängt«2. Der Stopp riss sie herunter. Nikotin hob das Dopamin an3 — Antrieb, Fokus, es geht irgendwie. Acetylcholin für Aufmerksamkeit. Noradrenalin für Wachheit.4 Stressachsen gedämpft — scheinbar. Das eigene Dopamin sackte auf den Grund der Hölle.5
Mein Gehirn hatte gelernt: Das muss ich nicht selbst herstellen, das kommt von außen.
Dann zog ich ihm die Krücke weg.
Okay, wo ist mein Zeug.
Nirgends.
Dopamin im Keller, Serotonin dysreguliert, Stresssystem hoch, Belohnungssystem stumm. Das ist Entzug.6 Ich hörte mit Nikotin auf, ohne zu wissen, was danach kommt. Mein Körper suchte Ersatz und schraubte sich ein Notstromaggregat in den Kopf, das genau das Haus anzündete, das ich gerade reparieren wollte.
Ich trank nicht aus Lust. Mein Nervensystem hatte nur verlernt, ohne Nikotin zu funktionieren. Das Gehirn will keine Freiheit. Es will Ruhe. Bier war mein neues Nikotin. Manchmal leerte ich täglich fast so viele Flaschen wie vormals Zigaretten.
Na gut, ganz so viele vielleicht nicht. Aber fast.
Das ging Monate so.
Bier ist Alkohol mit Tarnkappe und Tempo. Ein pharmakologischer Vorschlaghammer. Dazu flüssige Kohlenhydrate, die Dopamin und Insulin hochtreiben.7 Die perfekte Einstiegsdroge für Leute, die glauben, keine Drogen zu nehmen. Niemand nennt sich »bierabhängig«. Niemand denkt: Ich saufe.
— Ich betreibe Akutmedizin.
Was Bier unterscheidet: es schmeckt. Zigaretten schmecken scheußlich. Kokain schmeckt nach Chemie (habe ich gehört). Bier schmeckt nach Belohnung. Hochgenuss und Tod — im selben Schluck.
Das kann nur Bier.
Bier enthält Purine, die der Körper zu Harnsäure abbaut.8 Im Blut hielt man sie lange für schützend. In der Zelle greift sie von innen an. Gefäßwände altern vorzeitig. Zellen hören auf, sich zu teilen, sitzen fest, vergiften ihre Umgebung mit Entzündungsstoffen.9 Das ist nicht Gicht, sondern messbarer Zellverfall.
Das Gehirn balanciert auf zwei Neurotransmittern. Glutamat ist der Strom im Nervensystem. Er feuert. GABA ist die Sicherung. Sie dämpft. Alkohol greift beides an. Er blockiert die NMDA-Rezeptoren, die wichtigsten Glutamat-Empfänger. Die Reizweiterleitung wird langsamer, die Gedächtnisbildung stockt, dann bricht sie zusammen.
Ein Blackout ist kein Filmriss. Er ist ein Speicherausfall. Der Hippocampus kann nichts mehr schreiben. Die Rezeptoren, die er braucht, sind blockiert. Das Erlebte findet statt und wird nirgendwo abgelegt. Ein Abend, der nie existiert hat. Alkohol drückt die GABA-Rezeptoren auf. Alkohol vervielfacht jedes Bremssignal, löscht die Signale und überflutet die Dämpfung. Was sich anfühlt wie Entspannung, ist eine pharmakologische Notabschaltung.10
Das Gehirn steuert gegen, dreht die Spannung hoch. Mehr Glutamatrezeptoren, empfindlicher eingestellt. Die Leitungen glühen. Weniger GABA-Rezeptoren, stumpfer geschaltet. Die Sicherungen brennen durch. Das Gehirn baut sich eine Normalität, in der Alkohol eingeplant ist (allostatischer Zustand). In der Praxis bedeutet er: chronische Übererregung. Spannung am Anschlag, Sicherungen durch.
Irgendwann trinke ich nicht mehr, um mich zu entspannen. Ich trinke gegen die Spannung, die der Alkohol selbst erzeugt hat. Im MRT zeigen Trinker niedrigere GABA-Spiegel in der Hirnrinde. Besonders im frühen Entzug. Die durchgebrannten Sicherungen sind sichtbar.
2 Der angenehme Teil
Ich nahm mir Stabilität und nannte es Runterkommen. Ein Bier ist nichts. Zwei Bier sind Geselligkeit. Fünf Bier sind immer noch kein Problem (solange niemand zählt). Doch der Unterschied zu Schnaps ist am Ende bloß ästhetisch. Bier ist Alkoholismus mit Schaumkrone und Steuermarke. Jede Dosis hebt kurz über Null, danach fällt die Grundstimmung tiefer.11
Was Alkohol im Körper bewirkt, ist Notruf auf Zellebene. Organe schreien. Zellen sterben. Ich könnte genauso gut meinen Kopf gegen die Wand schlagen. Danach ist mir genauso schwindlig wie nach fünf Bier. Wer betrunken ist, genießt kein Leben. Er stirbt ratenweise — messbar.
Alkohol ist ein Nervengift, das sich als Lebensart tarnt. Es betäubt die Systeme, die mich schützen sollen: Urteilskraft, Impulskontrolle, Erinnerungsbildung. Ich trank, um mich zu regulieren — und merkte nicht, dass ich genau das System zerstörte, das den Schaden hätte bemerken müssen. Alkohol ist ein Schlafmittel, das den Schlaf frisst. Er drückt mir die Augen zu und reißt sie vier Stunden später wieder auf. Der Boden ein weiteres Stück tiefer. Hungernd bei vollem Magen. Stress aufgestaut, als hätte mir die Nacht gegen den Schädel getreten.
Die Dosis macht das Gift. Und das Gift macht die Ausrede.
Enthemmt zuerst, entleert dann, entwürdigt am Ende.
Wir haben gelernt, dass es Genuss sei, sein Hirn zu vergiften. Sich dumm, alt und hässlich zu saufen. Die gesellschaftliche Akzeptanz von Alkohol ist eine kollektive Psychose. Aufhören ist schwerer als bei anderen Drogen. Ich kämpfe nicht nur gegen die eigene Neurochemie, sondern gegen eine kulturell verbriefte Gehirnwäsche. Wenn ich sagte, ich trinke keinen Alkohol mehr, kamen Nachfragen. Ich musste mich rechtfertigen, wenn ich nicht vergiftet sein wollte. Hätte ich Crystal Meth gesagt, hätte man möglicherweise Verständnis gehabt.
Ich hatte einen Mitbewohner, der täglich mindestens eine Flasche Wein leerte. Er erzählte mir, er sei früher Alkoholiker gewesen — während er sich das nächste Glas einschenkte.
Nun denn.
Er sprach vom Alkoholismus wie von einer überwundenen Grippe. Nebenbei kiffte er noch. Was bei Traumafolgestörung bekanntlich so schlau ist, wie eine Brandwunde mit Kerosin zu kühlen. Und er machte eine Psychotherapie. (Weil er an einer Traumafolgestörung litt.)
Er nannte sich Nichtraucher, kaute aber Nikotinkaugummis und dampfte. Dieselbe Dosis, anderes Vehikel. Als ich einmal über Designerdrogen scherzte, reagierte er ernsthaft. MDMA sei auch ganz gut. Er bedaure das schlechte Image von MDMA. Als sei es ein verkanntes Kulturgut.
Das war mein Mitbewohner.
Alkohol brennt sich in mein Gehirn wie das Gesicht eines Menschen, den ich liebe. Wenn der Drang kam, klang er wie Wahrheit. Das Verlangen fühlte sich an wie Hunger. Eine Forderung mit gefälschter Unterschrift.
Ich muss. Es geht nicht anders.
Nüchtern sein war wie barfuß über ein Minenfeld. Nüchtern bedeutete Gefahr.
Also Bier. Sofort.
Normal wurde zum Fenster zwischen zwei Abstürzen. Was letzte Woche zwei Bier waren, waren heute vier. Was letzte Woche abends war, rutschte nachmittags rein, dann vormittags. Weniger trinken ging nicht.
Ohne das Zeug überlebe ich den Tag nicht.
Die meisten Säufer hält tagsüber noch etwas über Wasser. Stresshormone. Aufgaben. Soziale Kontrolle. Restdopamin aus Bewegung und Gesprächen. Oft auch andere Drogen. Kaffee zum Beispiel. Abends will das Gehirn nur noch Ruhe. Cortisol sinkt. Dopamin ist leer. Das System kippt. Der Körper verhandelt nicht.
Wenn Alkohol wegfällt, liegt offen, was er maskiert hat. Ein überaktives Glutamatsystem trifft auf ein geschwächtes GABA-System. Spannung bis zum Kurzschluss. Übererregung feuert. Angst, Reizbarkeit, Schlaflosigkeit. Herzrasen, Tremor, Schweiß. Krampfanfälle. Tod. Dann Anhedonie. Nichts fühlt sich mehr gut an. Nicht einmal Essen. Nicht einmal Sex. Nicht einmal Ruhe.
Das Gehirn hat verlernt, irgendwas zu fühlen.
Jeder Entzug macht den nächsten schlimmer (Kindling). Wo beim ersten Entzug leichtes Zittern war, steht beim fünften ein Grand-Mal-Anfall. Das Gehirn vergisst nichts. Es quittiert. Ich weiß, wie sich Grand Mal anfühlt. Alkoholentzug baut es nach. Wer mehrfach aufhört und wieder anfängt, trainiert sein Nervensystem auf schnelleren Zusammenbruch. Wie beim Rauchen, wo die Chance auf Erfolg mit jedem Versuch ebenso sinkt. Nur eben in lebensgefährlich.
Ich hatte eine Sucht beendet, ohne das System neu aufzubauen. Mein Körper griff zur nächstbesten Substanz.
Dann das Gewicht. Gewichtszunahme, Alkohol und Rauchen sind Zahnräder derselben Schuldenmaschine. Ohne Nikotin esse ich mehr.12 Mit Alkohol esse ich noch mehr. Ich esse nicht, weil ich Hunger habe. Ich esse, weil ich es nicht aushalte, nichts zu essen. Dopaminmangel schreit nach Fett und Salz, also esse ich Dopamin in Lebensmittelverpackung.
Alkohol stoppt die Fettverbrennung komplett. Was ich esse, während Alkohol wirkt, lagert der Körper ein. Eine Handvoll Nüsse reicht. Er packt alles weg, als wüsste er, dass bald Krieg kommt. Der Krieg kommt auch. Er heißt Leberverfettung. Ich bin gleichzeitig müde, leer und fett.13 Ich wache auf und bin hungrig. Das ist kein Widerspruch. Das ist Alkohol. Dünn aussehen und innerlich verfetten.14 Oder fett sein und auf Mikronährstoff-Niveau verhungern.15
Jahre, die nicht stattgefunden haben. Nüchternheit erzwingt die Bilanz. Wer aufhört zu trinken, sieht, dass sein Leben in einer Zeitschleife verschwunden ist. Dieselben Abende, dieselben Gespräche, dieselbe Leere. Der Körper altert im Zeitraffer, die Persönlichkeit bleibt infantil.
Jeder kennt sie, diese Leute, die seit zwanzig Jahren dahinvegetieren und immer dasselbe reden. Alkoholgeschwätz. Am selben Platz, am selben toten Punkt, nur älter, dicker und dümmer.
3 Etwas, das man wegwerfen sollte
Alkohol macht dumm und vergesslich gewiss. Vor allem aber macht er unschön. Wer regelmäßig trinkt, wird anstrengend. Das ist schlimmer als gefährlich. Die Persönlichkeit kocht weich, die Kontur löst sich auf, und der Betroffene glaubt, er sei endlich er selbst. Die traurigste Verwandlung, die Alkohol produziert, ist nicht der Penner mit der Bierdose in der U-Bahn. Es ist der nette Kerl in der Eckkneipe, der nicht merkt, dass er eklig geworden ist.
Der Unterschied zwischen denen, die trinken, und denen, die es nicht tun, ist immer körperlich zuerst. Die Haut ist teigig, porös, wie von innen aufgeweicht. Der Schweiß riecht süßlich und chemisch. Acetaldehyd, ein Abbauprodukt, das der Körper über die Haut ausschwitzt. Es riecht nach überreifem Obst. Die Augen sehen aus, als hätte jemand das Licht runtergedreht. Ich habe nie das Gefühl, ihnen wirklich zu begegnen. Verrottete Gesichter, durch die niemand mehr durchsieht. Alles wirkt gekünstelt, erzwungen, aufgesetzt. Auch wenn sie lachen oder freundlich sind.
Nichts davon ist gespielt. Das ist das Schlimme. Es sind nicht sie. Es ist der Alkohol, der sie aushöhlt, bis sie Schatten ihrer selbst sind, lange bevor sie es bemerken.
Wer regelmäßig trinkt, wird klebrig. Er steht zu nah, redet zu lange, lacht zu laut, fasst zu viel an. Die Grenzen verschwinden aus der Wahrnehmung, bevor sie überschritten werden.16 Das ist Mikro-Enthemmung in Serie. Kein einzelner Ausrutscher. Ein Dauerzustand leichter Grenzenblindheit.17
Der orbitofrontale Cortex, die Region, die soziale Feinabstimmung leistet, schrumpft bei regelmäßigem Alkoholkonsum messbar.18 Diese Hirnregion entscheidet, wie nah ich stehe, wann mein Witz nicht mehr lustig ist, ob mein Lachen noch passt. Die Kalibrierung verschwindet nicht. Sie wird unscharf. Sie lesen andere genauso schlecht, wie andere sie lesen.19 Der Mensch funktioniert noch. Aber er funktioniert einen halben Millimeter daneben. Immer. Und diesen halben Millimeter spürt das Gegenüber als Ekel.
Ein enthemmter Mensch ist nicht frei. Er ist undicht. Und Enthemmung, die freundlich lächelt, ist die widerlichste Form von Übergriff, weil man sich nicht wehren kann, ohne als humorlos zu gelten.
Dazu die chronische Restvergiftung als Grundton. Wer jeden zweiten Tag trinkt, ist nie betrunken und nie klar.20 Er lebt in der Dämmerung und hält sie für Tageslicht.
Der häufigste Blutalkoholwert in Deutschland ist nicht null und nicht betrunken. Er ist: knapp darunter. Gerade genug, um am Morgen nicht aufzufallen. Gerade genug, um innerlich auf Sandpapier zu laufen. Wenn mein Mitbewohner nicht betrunken war, war er matschig. Ein Aggregatzustand, für den es kein Wort gibt, weil niemand zugibt, dass er existiert. Müde, reizbar, dünnhäutig, ungeduldig. Der Schlaf ist schlecht, die Regulation schlechter. Und das sieht man.21 Affekte werden größer, Steuerung kleiner. Zu schnell beleidigt, zu schnell rührselig, zu viel von allem und zu wenig Form. Ein Mensch, der ständig leicht aus der Kontur kippt. Eine Persönlichkeit, die ausläuft.
Das ist anstrengend. Und anstrengend ist das Gegenteil von anziehend.
Die zweite Kraft ist die Infantilisierung. Regelmäßiges Trinken macht geistig zurückgestellt. Bei jedem Windhauch überfordert. Nichts Unbeugsames, nichts Erwachsenes, nichts Reifes. Stattdessen Opfer von Beruf und bedürftiges Kind, das nichts alleine auf die Kette bekommt.
Der Mechanismus ist nicht moralisch. Erwachsensein bedeutet Spannung halten können. Warten, Unlust aushalten, Komplexität tragen. Regelmäßiger Alkohol trainiert das Gegenteil. Unlust wird sofort weggeschaltet. Das Gehirn lernt die Logik eines Zweijährigen. Jetzt. Sofort. Mach weg. Die Frustrationstoleranz bricht weg, systembedingt. Wenn der Schlaf fragmentiert ist und das Nervensystem auf Alarmstufe läuft, fühlt sich jeder Alltag an wie Überforderung. Dann kommt das kindische Muster von selbst. Jammern, Ausweichen, Schuld verschieben, klammern, passiv werden.
Der infantilisierte Trinker merkt nicht, dass er infantil ist. Er merkt nur, dass die Welt jeden Tag schwieriger wird. Dass alle anderen irgendwie mehr aushalten. Dass er für Dinge kämpfen muss, die andere nebenbei erledigen. Er hält sich für sensibel. Er ist das Gegenteil. Alkohol infantilisiert wie eine Entscheidung, die jeden Tag neu getroffen wird, aber aussieht wie Schicksal.
Alkohol amputiert das Organ für jede Belohnung, die nicht Alkohol ist. Arbeit verliert an Wert, Sport, Gespräche, Projekte. Übrig bleibt das, was zuverlässig knallt.22 Ein Mensch, reduziert auf die Verwaltung seines nächsten Zustands. Das Bier kommt, der Mensch geht.
Wer jahrelang trinkt, wird zum Parasiten mit Manieren. Höflich genug, um eingeladen zu werden. Zu kaputt, um irgendetwas beizutragen. Alkohol macht aus Menschen etwas, das biologisch lebt und sozial schimmelt.
Und das Umfeld passt sich an. Weniger Reibung, weniger Konflikte, weniger Anforderungen. Lass ihn, heute nicht, sonst kippt es. Die ehrlichste Beschreibung eines funktionierenden Alkoholikers: Ein Mensch, dessen Anwesenheit man toleriert, weil man sich an den Ekel gewöhnt hat. So werden alle zu Eltern eines Erwachsenen, der aufgehört hat, einer zu sein. Alkohol infantilisiert nicht einen Menschen. Er verwandelt jede Beziehung, in der dieser Mensch steht, in ein Betreuungsverhältnis. Menschen, die ganz anders waren, liebenswürdig, die die Welt gebraucht hätte, verwandeln sich in eine Betreuungsaufgabe, die niemand übernehmen wollte.
Die härteste Strafe für regelmäßiges Trinken ist der Moment, in dem andere anfangen, einem aus dem Weg zu gehen, und man nicht versteht, warum.
Dann trinkt man weiter, um nicht sehen zu müssen, was das Trinken aus einem gemacht hat.
Ich hatte einen Nachbarn, der täglich im Innenhof saß und rauchte. Als ich auch noch rauchte, saß ich manchmal dabei. Er erzählte, er besäße ein Boot, hätte früher einen Rolls-Royce gefahren, als Bühnenbildner an der Oper in Potsdam gearbeitet und überlege jetzt, die Luxuswohnung zu kaufen, die sie uns aufs Dach gesetzt hatten. Fotos hatte er keine. Freunde auch nicht. Er torkelte nur ständig. Und manchmal fiel er um. Wohnte im Seitenflügel in einer Ein-Zimmer-Wohnung und bekam natürlich Bürger-Hartz.
Alkohol macht aus erwachsenen Menschen bedürftige Kinder mit Leistungsbescheid.
Solche Lebenslügner gibt es überall.
Irgendwann ist der Mensch weg und der Bedarf übrig. Die Freunde werden zu Krankenpflegern, die nicht wissen, dass sie welche sind. Die Familie wird zum Hospiz für jemanden, der noch lebt. Der Vater dieses Nachbarn war häufiger zu Besuch. Er sah aus, als würde er selber saufen. Und als hätte er einfach keine Lust mehr.
Wer zu lange im Delirium lebt, erfindet sich eine Gegengeschichte. Um die Wahrheit nicht sehen zu müssen. Dass man sein Leben verpfuscht hat. Dass man alt ist. Und dass es zu spät ist.
4 Der blinde Spiegel
Schriftsteller lauschen einem Akkord, der sich nicht benennen lässt. Sie tasten sich Satz für Satz vor, prüfen am eigenen Leib, ob das Wort trägt.
Trifft das? Braucht es ein anderes Wort?
Sie wissen nicht, was sie suchen, bis sie es gefunden haben. Dieses körperliche Wissen, das vor der Sprache da ist und sie erst möglich macht23 — Alkohol löscht es aus. Die Sätze funktionieren noch. Aber sie leben nicht mehr.
Ein halber Millimeter daneben ist in der Literatur gleichbedeutend mit Nichtexistenz.
Ich wusste das. Und trank trotzdem. Es gibt ein Paradox, das ich lange nicht verstanden habe. Warum gab es da wider Wissen ein Gefühl, das mir sagte, es ginge auch mit Alkohol? Warum war Alkohol schwerer loszuwerden als Nikotin?
Die Antwort steht seit Jahrzehnten in den Fachzeitschriften.
Sie hat es nie herausgeschafft.
Weil man danach nicht mehr trinken kann.
Subjektiv fühlt sich Alkohol an wie: Jetzt bin ich endlich ich selbst, ruhiger, wahrer, authentischer. Objektiv, von außen und später gesehen, ist es Enthemmung, Vereinfachung, Grobheit, Verlust von Timing, Peinlichkeit, Abwesenheit. Bei Alkohol ist die subjektive Sicherheit, bei sich zu sein, stärker als bei fast allen anderen Drogen.
Alkohol zerstört nicht mich zuerst, sondern das in mir, das merkt, wenn etwas nicht stimmt. Er fügt nichts hinzu. Er schaltet ab. Den Moment, in dem ich merke, dass mein Lachen zu laut ist. Den Impuls, der mich mitten im Satz stoppen lässt, weil der Ton nicht stimmt. Das Zögern vor dem nächsten Glas. Alkohol betäubt nicht das Ich, sondern den inneren Beobachter des Ichs.24 Deshalb fühlt es sich nicht an wie Ich bin weg, sondern wie Endlich ist das Rauschen weg. Nur dass dieses Rauschen ich war.
Warum sich das wie nach Hause kommen anfühlt, wird selten ehrlich ausgesprochen. Was Alkohol herstellt, ist ein Rückfall in ein früheres Selbstniveau. Er macht mich einfach, und er macht mich unfrei. Weniger Differenzierung, weniger Ambivalenz, weniger innere Spannung, weniger Verantwortung. Alkohol senkt Aktivität im präfrontalen Kortex, reduziert Konfliktverarbeitung, glättet Widersprüche.25 Das Ergebnis fühlt sich an wie: So war ich, bevor alles kompliziert wurde. Nichts Spirituelles oder Wahres ist daran. Es ist nur Regression.
Nikotin erzeugt eine klar spürbare Dysregulation — man merkt, ich brauche etwas, um wieder normal zu sein. Koffein ist Übersteuerung — man merkt, ich bin getrieben. Cannabis ist Bewusstseinsverschiebung — man merkt, das ist nicht mein Normalzustand. Alkohol dagegen erzeugt eine Illusion von Normalität.26 Man merkt nicht, dass man sich entfernt hat. Alkohol ist so tückisch, weil er normal simuliert, während er normal zerstört.
Alkohol lässt den Beobachter weiter existieren, aber leiser. Und genau das fühlt sich an wie Ruhe. Alkohol erzeugt keine Nähe zu mir. Er erzeugt die Gewissheit, bei mir zu sein, indem er mir die Fähigkeit nimmt, das Gegenteil zu bemerken.27
Die Substanz allein reduziert Selbstbeobachtung, reduziert Konfliktsignale, reduziert Fehlergefühl.28 Die Kultur liefert die Gehirnwäsche: Entspannung, Echtheit, Feierabend. Romantische Metaphern wie Urquell, Klostergold, Heimat. Substanz plus Narrativ ergeben die perfekte Selbsttäuschung.
Das Gefühl, man selbst zu sein, ist kein Beweis dafür, man selbst zu sein. Alkohol trennt Gefühl und Realität und verkauft diese Trennung als Authentizität. Selbstgewissheit ist kein Wahrheitskriterium. Sich richtig anfühlen kann biologisch produziert sein.29 Alkohol programmiert mein Gehirn so um, dass er sich anfühlt wie die einzige Wahrheit, die mein Körper noch kennt. Ich verschwinde. Und es fühlt sich an wie Ankommen.
Rauchen hielt mich ruhig, gab mir einen Takt, machte alles flacher. Als es wegfiel, stand ich ohne Schutz da. Alkohol übernahm. Er machte es still. Und wer es gewohnt ist, allem zuzuhören, verwechselt Stille mit Wahrheit.30
Die Hand, die mich immer hochzog: meine eigene. Als mein Gehirn zu Säure wurde, war da nichts mehr, das Ich sagte. Nur ein Gefäß, voll mit weißem Schmerz.
Ich sah das Fleisch, wie es lag, aber ich konnte es nicht mehr sein. Nur Zustand war. Und ein wortlos beobachtendes Etwas, das irgendwie immer dabei war. Der Blick war freundlich, unaufgeregt und liebevoll.
Ich konnte ihn auf meiner Haut spüren. Es blickte herab auf das Ende.
Beweg deinen Zeigefinger. Schau auf deinen Finger.
Ich sah ihn. Die Wand war Strom, als ich sie berührte. Diese Wand zwischen dem, was möglich, und dem, was unmöglich scheint.
Wie komme ich da durch? Wie komme ich in diesen Körper zurück?
Und es kribbelte wie Strom auf einer Grenze. Wie Aufbäumen gegen das physisch Unmögliche. Als fixierte man mich auf einem Krankenhausbett. Ich wehre mich. Aber es gibt keinen Ausweg. Der Beobachter trägt mich Stück für Stück, er löst die Fesseln, millimeterweise. Aber nur wenn ich ihn ansehe, so wie er mich ansieht. Nur solange die Verbindung nicht abreißt, die Ausrichtung gehalten wird. Sobald die Verbindung abbricht, ist die Wand wieder da. Und der Schmerz ist wieder weiß.
Ich kam durch. Langsam. Und es war still. Aber etwas war bei mir, obwohl ich nicht mehr war. Als würde Licht durch Wasser brechen. Oder Wasser durch Gestein.
Ohne diesen Blick hätte ich den Stift nicht greifen können. Ich hätte nicht zurück in meinen Körper gefunden. Ich hätte mich nicht mehr erinnern können, dass ich war und dass die Welt war.
Ich war weg, und ich habe mich zurückgeholt, weil ich nie nur ich bin, sondern immer auch das, was mich ansieht. Es ist die Quelle, aus der die Kraft fließt, mehr zu sein als ich bin. Ich bin die Arche, der Kapitän und die Taube mit dem Ölzweig.
Du musst dich aufrichten.
Versuche, dich auf die Bettkante zu setzen.
Über Maria Callas erzählte Marina Abramović, wie sich Callas auf der Bühne verwandelte. Wenn Callas sang, war sie eine unsagbar starke Frau. Und sobald sie zu singen aufhörte, sobald die Darbietung zu Ende war, fiel sie in sich zusammen wie ein kleiner kranker Vogel.31 Als wäre Callas zum Zeitpunkt der Ausführung selbst gar nicht anwesend. Oder genauer: als wäre sie es dort zum ersten Mal gewesen. Als würde etwas durch Callas hindurchtönen, als sie sang.
»Noch niemand hat gewagt dies auszusprechen: Doch weiß ich, wie die Seelen aller Großen zuweilen durch uns ziehn, und wir in ihnen aufgehn und nicht sind. Nichts sind als ihrer Seelen Widerschein. … Es ist, als glühte tief in uns ein Ich als eine klare Sphäre, als gegossnes Gold, das irgendeine Form anfliegt. … Und wie der leere Raum nicht ist, wenn eine Form ihn in sich fasst, so hörn wir alle auf zu sein, für eine Weile, und sie, die Seelenfürsten, leben dann.«32
Die Gabe, mich selbst zu beobachten, macht mich durchlässig. Es ist alles, das ich habe, um mich und die Welt, in der ich bin, zu erneuern. Meine Gedanken, meine Gefühle, meine Empfindungen sind Boten der Vergangenheit. Sie tragen weiter, was war. Trauma, Hass, Unterdrückung, Schmerz. Alles, was mir angetan wurde, lebt in meinen Reaktionen fort. Wer sich nur innerhalb seiner Gefühle bewegt, sie verwaltet, sie für Wahrheit hält, bewegt sich in einem Gefängnis, das aussieht wie Freiheit.
Die Möglichkeit, Neues und Schönes in die Welt zu bringen, verdanke ich meinem Beobachter. Er ist das Einzige an mir, das nicht aus der Vergangenheit stammt. Das Hindurchtönende, das sieht, was ist, ohne es zu wiederholen. Dort beginnt, was ich noch nicht bin. Verwandlungsfähigkeit. Durch Ausrichtung auf etwas, das größer ist als mein Zustand.
Alkohol tötet genau das. Vor dem Körper. Vor den Organen. Er tötet die einzige Instanz, die mich je über meine eigene Geschichte hinausgehoben hat. Was übrig bleibt, ist auf Reize reagierendes Ungeziefer. Ein Sklave gieriger, hässlicher Hunde. Ein Wesen, das frisst, flieht und seinen Affekt für Persönlichkeit hält. Ein Biocomputer, der Trauma in Endlosschleife abspielt und es Gefühlstiefe nennt. Süchtige, die Gold gegen Blei tauschen und den Verlust mit Vitalität verwechseln.
Das ist der messbare Zustand eines Menschen, der sich den Beobachter herausgeschnitten hat. Dieselbe Reaktivität, die eine ganze Kultur für Sensibilität hält, belegt, dass niemand mehr hinsieht. Ein narzisstisch verirrter Schwarm vermeintlicher Individuen im Affektrausch, die ihre Reizbarkeit für Tiefe halten. Und ihre Betäubung für den Ausweg. Alkohol ist die Gebrauchsanweisung für diesen Zustand. Wer trinkt, übt, nie wieder etwas mit sich anfangen zu können.
Jede Gabe ist zugleich ein Auftrag. Wenn ich meine Talente verkümmern lasse, stelle ich mich gegen das, was mich zu einem Menschen macht, den andere brauchen. Das ist keine Ego-Sache. Das Talent gehört nicht mir. Es fließt durch mich hindurch, und meine einzige Aufgabe ist, den Kanal offen zu halten. Wer ihn verstopft, mit Alkohol, mit Betäubung, mit der Verwaltung seines eigenen Zustands, verwandelt den Seismografen in ein taubes Gerät, das noch ausschlägt, aber nichts mehr registriert. Callas’ Autoimmunerkrankung33 zerstörte ihr Instrument von außen. Alkohol zerstört es von innen. Das Ergebnis ist dasselbe. Wenn Begabung Verpflichtung ist, ist Alkohol Desertion. Ich habe nicht nur mich selbst betrogen, sondern das, was durch mich hindurchtönt.
Weltklasse-Pianisten sehen sich selbst spielen. Als wäre da jemand, der zuschaut und gleichzeitig die Tasten trifft.34 Wenn Menschen sich an besondere Momente erinnern, sehen sie sich von außen. Als würde das, was uns eigentlich ausmacht, über die Grenzen der Epidermis hinausreichen. Als hätte ein Beobachter die Szene archiviert.35
Ich brauche das, wenn ich mehr sein will als ein Reiz-Reaktions-System. Wenn ich nicht essen will, auch wenn ich Hunger habe. Wenn ich nicht saufen will, auch wenn meine Gedanken es anweisen. Wenn ich glänzen will, wenn ich schön sein will, wenn ich leben will.
Was bleibt, wenn ich den Beobachter abziehe. Ein Alptraum. Ein sich selbst abspulender Film, den niemand sehen will. Und wofür niemand leben will.
Es ist nicht der Beobachter, der Klavier spielt, singt, schreibt. Er steuert nicht direkt. Er richtet mich aus, lässt mich nach etwas streben. Julian Jaynes nannte das Struktion — die Fähigkeit, sich ein Ziel zu geben, das in der physischen Welt noch gar nicht existiert, und sich darauf zuzubewegen.36
Wahrheitserkenntnis geschieht im Vollzug. Der Beobachter vermag sie nur zu empfangen. Aber ohne Empfänger existiert sie nicht. Ein Mensch ohne Ausrichtung ist ein nutzlos schmarotzender Apparat. Ein Fäulnisprozess, der geistig wie körperlich seine Umgebung vergiftet. Er stirbt als Passagier, nicht als Kapitän. Er hat einen Kurs, aber es ist nicht der seinige. Und nicht der, den seine Mitwelt braucht. Er vertritt nichts, er stellt nichts dar. Er ist ein Parasit, nichts weiter. Wenn ich glaube, ich sei meine Gedanken und meine Gefühle, und nicht das, was auf ihnen segelt, bewege ich mich geradeaus auf den Abgrund zu. Mein Sturz ist nur eine Frage der Zeit. Aber noch wichtiger: er ist bedeutungslos.
Weil niemand mich vermissen wird.
Der Beobachter braucht das Gehirn, aber er wohnt dort so wenig wie ein Lied in der Kehle wohnt.37 Als mein Gehirn vom Netz war, war er noch da. Epilepsie konnte ihn nicht auslöschen.
Alkohol schon.
Wie Zimmer in einem Haus, die eines nach dem anderen dunkel werden.
Man kann einem Menschen die Bewegung nehmen, die Sprache, das Gedächtnis, die Würde. So wie man mir die Würde genommen hat, als man mich misshandelte, verprügelte, mir eine Pistole mit Kugel in der Kammer an den Kopf hielt. Als man mich im Krankenhaus krepieren ließ. Als man mich und meine Arbeit verleumdete.
Solange mein Beobachter da war, baute ich mich zurück. Verschwindet der Beobachter, verschwindet die innere Quelle — die alle Menschen teilen. Dann gibt es kein Zurück. Und niemanden, der es wollen könnte.
Hull und seine Kollegen haben gemessen, was davon übrig bleibt. Probanden bekamen Wodka oder Placebo und sollten über sich selbst sprechen. Die Forscher zählten Ich-Pronomen. Die Alkoholgruppe sprach messbar seltener von sich, obwohl das die Aufgabe war. Die Placebogruppe sprach weiter von sich.38
Wörter, die mich betreffen, brenne ich tiefer ein. Der Stempel betrifft mich funktioniert wie ein Verstärker. Unter Alkohol fiel er aus. Selbst bei hochintrospektiven Probanden sank die Gedächtnisleistung für selbstbezogene Inhalte auf das Niveau von Menschen, die sich ohnehin selten beobachten. Alkohol löscht nicht die Erinnerung. Er löscht die Markierung, dass sie mich betrifft. Ich erlebe weiter. Aber nichts davon wird als meins gespeichert.
Le Berre machte den chronischen Schaden sichtbar. Trockene Alkoholiker überschätzten systematisch ihr eigenes Gedächtnis (»Das merke ich mir«) und scheiterten. Immer wieder. Im Hirnscanner war die Diskrepanz sichtbar. Die rechte Insula (zuständig für den Abgleich zwischen Selbstbild und Realität) war unteraktiv. Der Spiegel funktionierte noch. Aber das Glas war von innen beschlagen. Wie ein Auge, das noch offen steht, aber nicht mehr sieht. Oder wie ein Toter, der nicht weiß, dass er tot ist, weil ihm niemand den Puls fühlt. Neue Informationen über sich selbst kamen nicht mehr an. Was Alkohol akut dämpft, friert er chronisch ein. Der Beobachter bleibt einfach stehen. In einer Version von mir, die es längst nicht mehr gibt.39
Steele und Josephs nannten das Alkoholmyopie. Kognitive Kurzsichtigkeit. Was direkt vor der Nase steht, existiert, was Kontext, Abwägung, Hemmung erfordert, verschwindet. Die zugehörige Metaanalyse über Dutzende Studien ergab eine volle Standardabweichung in Konfliktsituationen. Das ist der Unterschied zwischen einem Menschen, der die Faust ballt und sie wieder öffnet, und einem, der zuschlägt. Derselbe Mensch. Dieselbe Situation. Nur Alkohol dazwischen. Ohne Konflikt war der Unterschied zwischen betrunken und nüchtern fast null. Alkohol macht nicht aggressiv. Er macht blind. Für alles, was bremsen könnte.40
Fechner suchte 1860 nach der Schwelle, ab der ein Körpersignal zum Gefühl wird. Er vermutete eine Instanz zwischen Materie und Bewusstsein, die das eine ins andere verwandelt.41 Die Psychologie hat ihn hundert Jahre lang ignoriert. Die Interozeptionsforschung gibt ihm heute recht. Was er suchte, war die Schnittstelle, die Alkohol zerstört. Alkohol lässt den Körper weiter registrieren, aber kappt die Leitung nach oben. Wer trinkt, spürt noch. Er versteht nur nicht mehr, was er spürt.
Innen ein Beobachter, der aufgehört hat zu archivieren. Ein Selbstbild, das sich nicht mehr korrigiert. Außen ein Mensch, der nur noch sieht, was direkt vor ihm steht. Der halbe Millimeter daneben. Und wer lange genug trinkt, verliert nicht die Fähigkeit zu funktionieren. Er verliert die Instanz, die ihn je über sich selbst hinausgehoben hat. Das Einzige, was ihn aus dem Schwarz zurückgeholt hätte.
Wochenlang war das so. Ich nehme mir vor, weniger zu trinken. Am Ende trinke ich doch. Ich nehme mir vor, weniger zu essen. Am Ende esse ich doch. Ich starte neu. Ich breche ab. Ich wiederhole das.
Ich rede mir Sätze ein. Es ändert nichts.
Das Haus brennt immer noch.
Ethik ist präfrontaler Luxus. Der Hirnstamm kennt nur Angebot und Nachfrage. Der Körper will Regulation. Woher, ist ihm egal. Man kann sich nicht aus einem brennenden Haus herausdenken. Willenskraft gegen Entzug ist wie Höflichkeit gegen Stromschlag. Ich trinke, weil sich Nüchternheit anfühlt wie eine offene Wunde. Alkohol brennt sie zu.
Kurz. Dann reißt sie wieder auf.
Ich lasse Alkohol weg. Dann drücke ich Essen hoch. Ich lasse Essen weg. Dann drücke ich etwas anderes hoch. Drehe ich hier den Hahn zu, schießt es woanders nach oben.
The rebound effect is undefeated.
Ich suche immer den nächsten Schalter.
Ich lerne nicht, ohne Schalter zu sein.
Ich tausche Gefängnisse. Meine Befreiung ist die Wiederholung der Gefangenschaft. Jeder Notausgang führt in dieselbe Zelle zurück.
Es sind Drehtüren.
Ich baue neue Notausgänge.
Es sind Spiegel.
Schreiben war keiner. Alkohol nahm mir das Werkzeug. Alkohol verspricht eine Abkürzung zu sich selbst. Er liefert eine Attrappe. Bunt, laut, von außen beleuchtet. Die Wirklichkeit ist weniger inszeniert.
5 Sprechen mit fremder Stimme
Ich dachte, ich trinke, um mich zu trösten. In Wahrheit vergiftete ich bloß mein Gehirn. Alkohol ist Gewalt. Jede Flasche ist ein Schlag gegen das Gehirn. Eine Flasche Bier zu trinken ist dasselbe, wie sich die Arme aufzuschneiden.
Diese Gewalt hatten sie mir angetan. Immer wieder. November 2024 nach einer Verwechslung im Supermarkt. Auf dem Revier ausgezogen, angefasst, fotografiert, geschlagen. Mein Arm hing auf halb acht. Die Sanitäter füllten erst ein Formular aus. Im Krankenhaus ließ man mich liegen. Eine Stunde. Mir wurde schwindlig. Ich hörte auf, meinen Arm zu spüren. In seinen letzten Momenten rutschte er von selbst zurück. Dann durfte ich gehen.
Das Trauma nicht.
Noch Monate später reichten Schritte im Treppenhaus. Ich kratzte mir die Hände blutig, lange bevor ich bemerkte, dass das Selbstverletzung war. Ich dachte, ich trinke Alkohol, um die Gewalt zu betäuben. In Wahrheit wiederholte ich sie nur. Die Gewalt, die mir andere angetan haben, tat ich mir nun selber an. Sucht ist Traumafolge. Wenn ich trinke, nehme ich die Täter in mich auf. Ich spreche mit ihrer Stimme.
Ich vollende ihr Werk.
Introjektion nennt die Psychologie das. Ich lähme mich, weil ich gelernt habe, dass Lähmung sicherer ist als Fühlen. Wer lange genug fixiert, verletzt, gedemütigt wird, lernt, dass Schmerz sowieso kommt. Also wähle ich wenigstens Zeitpunkt und Dosis selbst.
Aber das funktioniert nur, solange es unbewusst bleibt. Introjektion endet, wo sie sichtbar wird. Sobald ich erkenne, dass ich mich nicht verletze, weil ich mich hasse, sondern weil ich Gewalt gelernt habe, fällt die Maske. Benennen bricht die Schleife.
Beobachtung verascht jeden Dämon.
Van der Kolk erklärt, warum Benennen funktioniert und warum es trotzdem so schwer ist.42 Trauma wird nicht als Geschichte gespeichert. Es wird im Körper gespeichert. Das deklarative Gedächtnis arbeitet wie ein Archivar: saubere Akten, Zeitstempel, Kontext, Anfang und Ende. Das implizite Gedächtnis ist der Körper selbst, der sich erinnert. Panik, Herzschlag, Muskelspannung. Bei einem Trauma legen extreme Stresshormone den Archivar lahm. Was bleibt, sind Fragmente. Bilder, Geräusche, Körpergefühle, ohne Zeitstempel, ohne Kontext, ohne jemanden, der sagt: Das war damals. Es ist vorbei. Wird eines dieser somatosensorischen Fragmente durch einen Geruch, ein Geräusch, eine Berührung ausgelöst, erlebt der Körper das Trauma als Gegenwart.
Neuroanatomisch ist die Amygdala der Gefahrenmelder. Bei Trauma ist sie hyperaktiv und brennt die emotionale Bedeutung tief ein. Der Hippocampus, zuständig für Kontext und Zeit, wird durch Stresshormone gehemmt. Ein schreiender Gefahrenmelder ohne Archivar. Deshalb verblassen traumatische Erinnerungen nicht. Van der Kolk nennt sie: für immer. Die widersprüchliche Reaktion erklärt sich daraus: Zuviel an Erinnerung — Flashbacks, Alpträume, Schreckreaktion. Zuwenig — Gedächtnislücken, Taubheit, Abtrennung von sich selbst. Beides gleichzeitig, im selben Menschen. Der Archivar ist ausgefallen. Der Körper pendelt zwischen Überflutung und Abschaltung.
Tertium non datur.
Das ist der Normalfall. Der Körper erinnert Gewalt, indem er sie wiederholt (Reenactment).43 Trauma hat keine Zeit, es hat nur Gegenwart.44 Nervensysteme reproduzieren, was sie kennen, weil Wiederholung sich wie Kontrolle anfühlt.
Sucht ist eine systematische Reaktion auf Überforderung, Gewalt und chronische Entwertung. Sie ist der Versuch, Kindheit chemisch zu behandeln. Missbrauch, Vernachlässigung, chronische Angst — der Körper sucht sich sein Medikament.
Die ACE-Studie von Felitti untersuchte über 17.000 Menschen45. Ein Querschnitt der Bevölkerung. Ganz normale Versicherte. Sie erfasste, was ihnen als Kindern angetan wurde: Missbrauch, Vernachlässigung, Gewalt im Haushalt, Sucht in der Familie. Über die Hälfte hatte mindestens eine solche Erfahrung. Fast ein Viertel zwei oder mehr.
Der Befund ist eine Dosis-Wirkungsbeziehung. Je mehr belastende Erfahrungen, desto höher das Risiko. Drastisch höher. Ab vier Erfahrungen ist das Risiko für Alkoholismus 7,4-fach höher. Für injizierbare Drogen 10,3-fach höher. Für Suizide 12-fach höher. Für Krebs und Herzerkrankungen zwei- bis vierfach. Ein Herzinfarkt mit fünfzig hat seine Wurzeln nicht unbedingt im Lebensstil der letzten zehn Jahre. Manchmal liegt er in einem Schmerz, der vierzig Jahre alt ist.
Die Pyramide dahinter: Belastende Kindheit formt das Gehirn. Überempfindlichkeit, gestörte Impulskontrolle. Daraus soziale und kognitive Störungen. Daraus Drogen, Alkohol, Rauchen, Fressen als Bewältigung. An der Spitze: Krankheit und früher Tod.
Drogenkonsum ist Selbstmedikation. Der verzweifelte Versuch, unerträgliche innere Zustände erträglich zu machen. Alkohol dämpft kurzfristig die Anspannung. Dass er langfristig alles verschlimmert, ist dem Körper egal. Kurzfristig ist alles, was ein Körper in Panik denken kann.
Die Korrelation ist fast linear: Je mehr Gewalt in der Kindheit, desto höher die Wahrscheinlichkeit für Rauchen und Alkoholismus.46
6 Der satteste Hunger der Welt
Alkohol wirkt auf die Darmschleimhaut wie Schleifpapier. Er eröffnet im Darm zwei Fronten.
Die erste ist Aushungern.
Die Schleimhaut sieht normal aus. Ihre Funktion erlischt.47 Der Kühlschrank ist voll. Die Küche ist abgeschlossen. Ethanol und das, was der Körper daraus macht (Acetaldehyd), zerfressen das Gewebe.48 Die Darmzotten werden kürzer, flacher, brechen ab. Was übrig bleibt, kann weder verdauen noch aufnehmen. Thiamin, Folat, Zink, Magnesium — alles, was das Nervensystem zum Funktionieren braucht.49
Alles, was ich brauchte, um mein Gehirn nach dem Rauchen und der Epilepsie zurückzubauen — ich trank es mir weg. Ich hatte mich zurückgeholt, und dann habe ich dem Körper die Bausteine dafür entzogen. Die Darmschleimhaut erneuert sich normalerweise alle drei bis fünf Tage. Mit Alkohol reift sie nicht aus.50
Damit Thiamin ins Blut gelangt, muss es durch die Darmwand. Alkohol verriegelt die Tür.51 Selbst wenn genug Thiamin ankommt, steht es draußen. Die Darmbakterien im Dickdarm produzieren ebenfalls Thiamin. Es steht vor derselben verschlossenen Tür. Als hätte sich Wachs auf die Darmhaut gelegt.
Die zweite Front ist Vergiften.
Die Zellen der Darmwand sind durch Schlussleisten verbunden52, die nichts unkontrolliert durchlassen. Alkohol zerstört sie.53 Das Mikrobiom kippt.54 Schädliche Bakterien übernehmen.55 Die Schleimhaut wird durchlässig. Bakteriengifte sickern ins Blut.56 Endotoxine, unverdaute Nahrung, Alkohol selbst — alles fließt über die Pfortader direkt in die Leber.57 Offene Giftleitung vom Darm.58
Das passierte in meinem Körper, während ich dachte, ich hätte nur ein Bierproblem. Nährstoffmangel von der einen Seite, eine Flut aus Bakteriengiften von der anderen. Die Leber chronisch entzündet.59 Ein Feuer, das nie gelöscht wird, weil der Brennstoff direkt aus dem Darm nachfließt.60
Gleichzeitig verfettet die Leber.61 Alkohol stoppt die Fettverbrennung und steigert die Fettproduktion.62 Fett strömt herein, wird neu produziert, verbrennt nicht, kommt nicht raus.63 Die Zelle ertrinkt in ihrem eigenen Fett, während sie an Nährstoffmangel leidet. Zu voll und zu leer. Zur selben Zeit.
Tumornekrosefaktor Alpha heizt die Fettproduktion zusätzlich an.64 Etwas in meinem Blut, das die kranken Stellen in Brand setzt und dabei das ganze Haus anzündet. Die Entzündung verstärkt die Verfettung. Die Verfettung verstärkt die Entzündung. Ein Kreislauf, der sich mit jedem Glas beschleunigt. Solange ich weitertrinke, kann mein Körper das Feuer nicht löschen.
Die organische Zersetzung hinterlässt ein Gewebe, an dem Heilung abperlt. Wenn die Darmzotten kaputt sind, kommt nichts mehr an. Egal was ich esse. Egal wie viel. Mikronährstoffe müssen lebenslang substituiert werden.
Aushungern und Vergiften über denselben Darm. Eine Leber, die unterversorgt, entzündet und verfettet ist. Die sich selbst zerlegt. Das passiert bei jedem, der trinkt. Vom ersten Glas an. Es ist egal, woraus ich es trinke.65 Ein Liter Bier am Tag reicht. Schnaps ist bloß dasselbe Gift in weniger Flüssigkeit.
Manche denken, sie hätten Leaky Gut. Davor war es Burnout, davor Melancholie, davor ein empfindliches Gemüt. Die Diagnose, die keine Verhaltensänderung erfordert, gewinnt immer. Deshalb heißt es Reizdarm und nicht drei Bier pro Abend. Für Reizdarm gibt es Podcasts, Heilpraktiker und Nahrungsergänzungsmittel. Für Alkohol gibt es nur eine Therapie, die niemand hören will:
Aufhören.
Hochsensibel, ADHS, Autismus-Spektrum, bipolar. Eine Diagnose ist der bequemste Ablassbrief der Welt. Ich bin krank. Ich trage keine Verantwortung. Es geht nicht anders, es ging nie anders, und wer etwas anderes behauptet, versteht meine Krankheit nicht.
Die Diagnose löst kein Problem. Sie löst mich vom Problem. Sie befreit mich vom unerträglichsten Gedanken, den ein Mensch denken kann: Dass ich keine Kümmerexistenz führen müsste. Dass ich trotz allem, was geschehen ist, eine groteske Macht über mein Dasein habe. Und dass ich jeden Tag aufs Neue entscheide, sie nicht zu benutzen.
Ich durfte zusehen, wie mein Gehirn schrumpft. Aber ich sah nicht, dass ich mir die Resorptionsfläche kaputtgesoffen habe. Dass ich mir die Fähigkeit weggetrunken habe, je wieder gesund zu essen.66
Ich gehe daran zugrunde, dass mein Körper keine Nährstoffe mehr aufnimmt. Ich esse, ich supplementiere, aber nichts erreicht die Zellen. Meine Zellen ersticken. Sie schreien nach dem, was der Alkohol zerstört hat, und das Einzige, was sie kurz zum Schweigen bringt, ist mehr Alkohol. Trinke ich, wird es schlimmer. Trinke ich nicht, wird es unerträglich.
Jede Richtung macht es schlimmer.
Feuer und Feuer.
Aufhören stoppt den Schaden. Aber ob sich die Zotten erholen, hängt davon ab, wie lange ich mir den Rasierklingenschaum in den Bauch gedrückt habe.67
Bei mir war es zu lange.
Die Supplemente wirkten nicht mehr. Fünffache Dosis, halber Effekt. Ich hörte auf und fühlte mich elend. Nicht Alkohol fehlte mir. Mir fehlte, was er zerstört hat.
Die Sucht ist heilbar. Der Schaden nicht.
7 Abtreibung in Zeitlupe
Wenn Alkohol doch nur meine Zotten und mein Gehirn zerstören würde. Aber er zerstört noch etwas viel Wertvolleres. Die Fähigkeit meines Körpers, sich selbst zu erneuern.
Acetaldehyd entsteht bei jedem Schluck. Es zerschneidet die DNA.68 Es verklebt die Doppelhelix. Stränge, die sich bei der Zellteilung trennen müssen, können das nicht mehr. Und es reißt sie auseinander. Beide gleichzeitig. Das ist die aggressivste Form von DNA-Schaden, die es gibt. Der Körper hat zwei Reparatursysteme dafür. Das erste erkennt die Verklebung und schneidet sie heraus. Das zweite repariert die Brüche.
Acetaldehyd vereitelt beide.69
Garaycoechea und Kollegen wiesen dies an Blutstammzellen im Knochenmark nach.70 An den Zellen, aus denen alle Blutzellen entstehen. Alkohol zerstört die Blutzellen. Und die Druckplatte, von der sie gezogen werden. Jede neue Zelle schreibt den Fehler fort. Als ginge er in Serienproduktion. Die beschädigten Stammzellen teilen sich weiter — als kämen auf jedes Bier tausend weitere Biere, die ich nie geöffnet habe. Als hätte das Gift meinem Körper beigebracht, es ohne mich herzustellen.
Alkohol zerstört Schönheit. Und die Quelle, aus der sie entsteht. Der Boden ist chemisch verwittert. Was am dringendsten Wasser bräuchte, kann es am wenigsten aufnehmen.
Als würde ich Rost trinken. Nur unsichtbar.
Es gibt keinen Quarantänebereich im Körper. Auch nach dem Aufhören nicht. Stammzellschäden sind irreversibel. Es gibt kein Reparatursystem fürs Reparatursystem.
Selbst wenn ich wüsste, was zu tun ist — es spielt keine Rolle, ob ich den Schlüssel habe, wenn mir die Hände fehlen, ihn umzudrehen. Was aus beschädigten Stammzellen entsteht, trägt den Fehler weiter. Jede Tochterzelle, solange ich lebe.
Mein Körper erneuert sich ständig. Mit Alkohol erneuert er sich falsch. Zuerst werde ich hässlich und eklig. Mein gesamtes Dasein verwandelt sich in ein Krebsgeschwür. Nicht erst das Karzinom am Ende.
Menschen vertrauen auf Selbstheilungskräfte, als wären sie Magie. Sie sind Biochemie. Und Biochemie lässt sich zerstören. Brechen diese Fundamente weg, mag ich noch atmen, mein Herz mag noch schlagen. Aber ich kann mich nicht mehr erholen. Ich bleibe die groteske Kümmerexistenz, die ich mir angetrunken habe.
Jedes Gramm Alkohol kostet genetische Integrität. Den Bauplan, aus dem ein lebenswertes Leben entsteht. Ich würfle nicht. Ich stoße Dominosteine an. Ich muss dafür nicht erst obdachlos werden oder Bürger-Hartz beziehen. Der Schaden erzeugt die Bedingung, unter der Heilung unmöglich wird.
Ich hatte gehofft, der Schaden sei umkehrbar. Aber der Körper regeneriert keine Baupläne. Was Acetaldehyd an meinen Stammzellen angerichtet hat, bleibt als fehlerhafte Bauanweisung. Als Anleitung zur Hässlichkeit. Mein Körper baut nach beschädigten Plänen. Und Bier war der Gussfehler.
Jede neue Zelle ist eine Kopie des Schadens, als hätte Alkohol meinen Körper in ein sich selbst replizierendes Virus verwandelt.
Ich möchte kein Virus sein.
Mit jedem Mal, da ich mich besaufe, verwandeln sich Paläste in Ruinen. Und wenn ich aufhöre, werde ich Teile der Stadt noch begehen können. Aber nicht jede Gasse, nicht jedes Haus. Vor allem nicht die glanzvollsten. Ich verliere den Ort, an dem ich zu Hause war. An dem ich ich war. Der Zugang bleibt versperrt. Alles, was ich tun kann, ist mit dem, was von mir übrig ist, eine neue Obhut zu improvisieren. Aber es wird sich nicht mehr wie Heimat anfühlen, so sehr sich mein Gehirn auch gegen diese Erkenntnis wehrt.
Es überlebt keine Theorie den Kontakt mit der Wahrheit.
Aufhören stoppt die Produktion von Acetaldehyd. Die verbrannten Baupläne holt sie nicht zurück. Das Haus brennt nicht mehr. Aber nichts darin hält noch Feuer. Ich habe das Wunder getötet, als ich es am meisten gebraucht habe.
8 Vivisektion
Nikotinsucht, Koffeinsucht, Alkoholsucht sind psychische Krankheiten. Lange bevor Leberwerte kippen, Demenz einsetzt oder Krebs kommt, hat Sucht das Gehirn umgebaut: veränderter Metabolismus, veränderte Genexpression, veränderte Rezeptordichte.71 Sucht ist eine chronische, rückfällige Erkrankung des Gehirns.72
Praktisch alle Drogen, ob Kokain, Heroin, Alkohol oder Nikotin, kapern denselben Schaltkreis, das mesolimbische Belohnungssystem. Sie fluten es mit Dopamin, stärker als jede natürliche Belohnung es könnte, und bringen das gesamte System aus dem Takt. Das Gehirn passt sich an. Es baut seine Schaltkreise um. Das süchtige Gehirn ist ein anderes Gehirn. Strukturell verändert, funktionell verändert, manchmal irreversibel. Leshner beschreibt den Vorgang als Schalter. Der erste Konsum ist freiwillig. Ab einem bestimmten Punkt wird der Schalter umgelegt. Danach ist der Konsum zwanghaft. Der Verstand weiß, dass es katastrophale Konsequenzen hat. Der Körper greift trotzdem zu. Es sei denn, es ist mein Mitbewohner. Dann weiß es nicht einmal der Verstand. Wer gegen Sucht kämpft, kämpft nicht gegen eine schlechte Angewohnheit. Er kämpft gegen die umgebaute Biologie seines eigenen Gehirns. Willenskraft gegen Neurochemie. Der Ausgang ist vorhersehbar.73
Das Gehirn versucht, sich an die permanente Drogenflut anzupassen, indem es mehr Empfangsstationen baut. Hochregulation. Solange ich trinke, fallen die zusätzlichen Rezeptoren nicht auf, weil sie besetzt sind. Im Moment, wo der Nachschub aufhört, stehen all diese leeren Rezeptoren da und schreien nach Füllung. Entzug auf molekularer Ebene.74 Die Droge verschleiert sogar die Forschung über sich selbst.75 Irgendwann trinke ich nicht mehr, um mich gut zu fühlen. Ich trinke, um mich nicht schlecht zu fühlen.
Das also war der Hunger.
Der Hunger hat ein Gedächtnis. Bei jedem Konsum produziert das Gehirn ein Protein namens DeltaFosB. Was es von den meisten Proteinen unterscheidet: es wird nicht abgebaut. Er bleibt wochenlang im Zellkern, sammelt sich an, macht das Gehirn empfindlicher für Alkohol und lässt ihn leuchten wie das letzte Licht in einem dunklen Raum. Eine biologische Narbe, die sich mit jedem Glas einbrennt. Das Gehirn versucht gegenzusteuern. Es produziert Dynorphin, eine Substanz, die Euphorie dämpft und Unbehagen erzeugt. Die Abwehr funktioniert. Aber sie hat eine Nebenwirkung: Ich brauche mehr, um dasselbe zu fühlen. Die Verteidigung beschleunigt den Verfall.76
Beim ersten Rauchstopp trank ich Kokoswasser. Beim zweiten wurde ich alkoholabhängig. Der Körper merkt sich jeden Versuch. Er quittiert jedes Mal härter.
Sucht sitzt im Gehirn. Aber das Gehirn sitzt in einer Welt. Viele amerikanische Soldaten im Vietnamkrieg waren schwer heroinabhängig. Nach ihrer Rückkehr war die Rückfallquote erstaunlich gering. Die Auslöser, die Gerüche, die Menschen — alles, was mit dem Konsum verknüpft war, fiel weg. Das Gehirn war umgebaut. Aber niemand erinnerte es mehr an den Konsum. Es existiert nicht im Vakuum.
Dieselbe Biologie, die in einem Umfeld voller Auslöser zur Katastrophe führt, kann in einem anderen Umfeld zur Ruhe kommen. Wer das ignoriert und nur den Körper behandelt, behandelt die Hälfte.
Die Soldaten konnten Vietnam verlassen. Ich kann Berlin nicht verlassen.
Berlin ist ein sozialer Aggregatzustand. Menschen unter chronischem Druck, die sich an anderen schadlos halten. Ökonomisch am Ende, digital überflutet, menschlich bankrott. Was ihnen genommen wurde, nehmen sie sich zurück. An mir. Im Supermarkt, im Treppenhaus, in den Kommentarspalten. Ohnmacht, die so chronisch geworden ist, dass sie sich als Stärke verkleidet.
Wer keine Macht hat, erfindet sich eine Bühne. Wer keine Würde hat, nimmt sie anderen. Individuell wirkt das wie Stabilisierung. Kollektiv ist es Krieg in Zeitlupe. Der Unfrieden rechtfertigt das Verhalten, das ihn erzeugt. Die Schlange frisst ihren eigenen Schwanz.
Ich bin ein Seismograf, der in der Erdbebenzone lebt. Jahrelang rauchte ich die Erschütterungen weg. Nach dem Aufhören wurde ich zum irischen Hafenarbeiter. Ich soff sie weg. Die ganze Stadt säuft sie weg. Aus denselben Gründen wie ich. Sie nennt es Feierabend. Ich nicht. Aber die Flasche ist dieselbe.
Kindheit, Trauma, Substanz, Gehirnumbau, Krankheit, Tod. Die Kette ist lückenlos. Was als mangelnde Willenskraft verachtet wird, sind biologisch verankerte Überlebensversuche. Wer Sucht als Charakterschwäche behandelt, ignoriert die Forschung. Wer sagt, reiß dich zusammen, ignoriert die Biologie. Das ändert nichts an der Verantwortung. Aber es verändert, was Verantwortung bedeutet.
Am Ende sucht niemand mehr den Rausch. Er flieht vor dem Normalzustand seines eigenen Gehirns, den der Alkohol erst geschaffen hat.
9 Heilung beginnt nicht mit Einsicht
Heilung beginnt mit Schlaf.
Schlaf ist der eigentliche Engpass. Ohne Alkohol konnte ich nicht schlafen. Ohne Schlaf kann ich nicht regulieren.77 Ohne Regulation brauche ich Alkohol.
Suchtkarussell.
Der Schlummertrunk ist die tückischste Selbsttäuschung, weil er kurzfristig funktioniert. Alkohol verkürzt die Einschlafzeit. In den ersten Stunden nimmt der Tiefschlaf sogar zu. Ich nicke ein, fühle mich schwer, und genau das bestärkt den Glauben. Er hilft beim Einschlafen. Er zerstört den Schlaf. Nach drei bis vier Stunden setzt der Rebound ein.78 Dasselbe Muster wie im Entzug, nur im Miniaturformat, jede Nacht. Glutamat fährt hoch, GABA ist geschwächt. Die zweite Nachthälfte wird oberflächlich, fragmentiert, von Wachphasen zerrissen.79 Das Herz rast, die Gedanken kreisen. Der REM-Schlaf wird unterdrückt. Die Schlafphase, in der das Gehirn aufräumt.80 Wer abends trinkt, zerstört die Schlafphase, die er am meisten braucht. Die Whitehall-II-Studie beobachtete das über drei Jahrzehnte.81 Die Hauptbeschwerde war nächtliches Aufwachen. Stundenlang wach, müde, aber ohne Schlaf. Genau die Fragmentierung, die der Rebound vorhersagt.
Der Schlummertrunk verstärkt sich selbst. Schlechter Schlaf erzeugt den Wunsch nach Bier. Das Bier erzeugt schlechteren Schlaf. Ich gieße Benzin ins Feuer, um das Feuer zu löschen.
Im Entzug wird Schlaf zum Hauptfeind der Abstinenz. Bis zu 92 Prozent leiden unter Schlafstörungen, wochenlang, monatelang. Schlechter Schlaf ist der kürzeste Weg zurück zur Flasche. Ich behandle das Problem mit seiner Ursache. Ich könnte es mit seiner Lösung behandeln.
Schlaf.
(Der ist sogar pfandfrei.)
Schlaf bestimmt, wo Null liegt. Ohne Schlaf wird jedes Gefühl zur Krise und jede Krise zur Droge. Ein schlafloser Mensch ist nicht frei. Er wird gesteuert von dem, was ihn kurzfristig stillstellt. Mein Problem war ein Nervensystem im Daueralarm. Das Belohnungssystem war leer. Alkohol war nur das Symptom. Nikotin war mein Krückstock, mein Stressdämpfer, mein Taktgeber. Nikotin machte mich funktionsfähig im Lärm. Alkohol macht die Stille erträglich. Und weil mir niemand zeigte, wo die Wunde sitzt, anästhesierte ich das ganze System.
Schlaf ist die Grenze zwischen Selbstregulation und Selbstbetäubung. Im Schlaf wird Dopamin zurückgesetzt. Das Nervensystem repariert sich. Rauschen klingt ab, oder frisst sich fest. Schlaf ist die Währung, in der das Gehirn bezahlt wird. Wer nicht zahlt, wird gepfändet. Wenn Schlaf kaputt ist, fühlt sich Nüchternheit wie Entzug an. Normalität wie Mangel. Jede Substanz wie Erlösung.
Nachts endet die Fähigkeit, Signal von Rauschen zu unterscheiden. Tagsüber kann ich noch so tun, als sei ich souverän. Nachts fällt die Maske. Alles schreit. Rauschen gewinnt, weil das Gehirn erschöpft ist. Ohne Schlaf gibt es nur Lärm mit Bedeutungshunger.
Schlaflose Menschen brauchen Krücken. Alkohol, Nikotin, Koffein, Essen. Weil der Zustand ohne sie nicht erträglich ist. Menschen sind schlafende Wesen. Wer nicht schläft, schlafwandelt tagsüber. Gesteuert von seiner eigenen Notfall-Chemie. Der Weg zurück führt nur über einen Körper, der wieder allein klarkommt. Wenn Dopamin langsam neu kalibriert wird. Wenn Ersatzhandlungen nicht selbst wieder Drogen sind. Ohne Alkohol, ohne andere Toxine, ohne Stressfaktoren. Ohne Menschen, die meine Energie aussaugen.
Nur Schlaf, Struktur und Stille.
Ich wusste jetzt, warum ich trank. Aber um drei Uhr nachts half das nichts. Schon der bloße Gedanke an Alkohol fühlte sich an wie Erleichterung. Eine Maschine interessiert nicht, wer sie gebaut hat. Was da schrie, war längst nicht mehr der Geist der Täter. Meine Gefühle sagen mir, ich bräuchte Alkohol. Sie lügen. Die Sucht injiziert mir ihre Gefühle und Gedanken ein, um sich selbst zu erhalten. Sie will nicht, dass ich sterbe. Sie will, dass ich lebe.
Gerade so.
Das bin nicht ich. Wenn mein Körper nach Alkohol schreit, dann schreit der Besatzer. Ohne Alkohol geht es mir besser. Ich sehe es im Spiegel. Andere sehen es sofort.
Der Dämon schreit eine Weile. Irgendwann verstummt er. Er stirbt an Langeweile. Nüchternheit ist die Weigerung, sich weiter zu schlagen.
Und bis es soweit ist, gilt eine Regel: Was auch immer meine Gedanken und Gefühle anweisen, ich tue das Gegenteil.
Nämlich gar nichts.
Der gefährlichste Zustand ist das Fehlen einer Struktur, die mich auffängt. Im Entzug delegiert ein Regelwerk den Tag, damit meine Gefühle und Gedanken darin nicht stattfinden. Sie gehören der Sucht, nicht mir. Was auch immer die Stimme in meinem Kopf oder das Gefühl in meinem Körper sagen: es ist falsch. Sucht liebt Debatte. Ich fasse sie nicht an. Drückt mich der Suchtdämon unter die Schwelle des Erträglichen, lege ich mich hin und mache die Augen zu.
Das nennt man Heilung.
Auch wenn ich nicht schlafe. Liegen ist die Arbeit. Alles außer Liegen endet an der Kasse im Supermarkt.
Liegen und den Hunger nach Bier brüllen lassen. Bis es aufhört. Bis es still ist. Bis der Hunger verhungert ist. Das dauert vielleicht vier, vielleicht acht, vielleicht zwölf Wochen. Und wenn ich nachgebe, beginnt alles wieder bei Tag eins.
Zwölf Wochen Nichtstun gegen ein ganzes Leben.
Fairer Tausch.
Das Geistige, das nicht durch die Sinne
gegangen ist, ist nichtig und erzeugt keine andere
Wahrheit als die schädliche.
Leonardo da Vinci
(Cognizione e esperienzia, An. I 13v)
Redaktioneller Hinweis: Die wissenschaftlichen Aussagen in diesem Text basieren auf begutachteter Fachliteratur. Biografische Passagen sind Erfahrungsbericht, keine Verallgemeinerung. Es bestehen keine Interessenkonflikte. Meinungen sind kein Ersatz für Daten.Michael Nahm, Bruce Greyson, Emily Williams Kelly, Erlendur Haraldsson, »Terminal lucidity: A review and a case collection«, in: Archives of Gerontology and Geriatrics, Vol. 55, Issue 1, 2012, 138—42.
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In Endothelzellen löst sie oxidativen Stress aus, aktiviert das Renin-Angiotensin-System und fördert Seneszenz sowie Apoptose.
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Seneszente Zellen sind lebende Leichen im eigenen Gewebe. Sie teilen sich nicht mehr, sitzen fest und vergiften ihre Umgebung mit Entzündungsstoffen. Apoptotische Zellen erkennen ihren Schaden und töten sich kontrolliert, um den Rest zu schützen. Wenn zu viele sterben, dünnt das Gewebe aus und die Gefäße werden löchrig.
Harnsäure erzeugt mehr Harnsäure. Durch Fermentation entstehen Stoffe, die die DNA angreifen und Purinbasen freisetzen, die dann wiederum zu Harnsäure oxidiert werden.
Yuhe Kan, Zhikun Zhang, Kunhao Yang, et al., »Influence of d-Amino Acids in Beer on Formation of Uric Acid«, in: Food Technology and Biotechnology, Vol. 57, Issue 3, September 2019, 418—25.
Der biologische Alterungsprozess wird dadurch beschleunigt.
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Der Psychologe Eugene T. Gendlin nannte dies Felt Sense: vorbegriffliches Körperwissen, das man spürt, bevor man es denken oder sagen kann.
Eugene T. Gendlin, Focusing, New York 1978.
Moderate Alkoholdosen lähmen die Fehlerdetektion im anterioren cingulären Cortex. Die Leistung sinkt nicht zuerst. Zuerst verschwindet das Wissen darüber — die Fähigkeit, die eigene Verschlechterung zu bemerken.
K. Richard Ridderinkhof, Yolande de Vlugt, Aldo Bramlage, et al., »Alcohol Consumption Impairs Detection of Performance Errors in Mediofrontal Cortex«, in: Science, Vol. 298, Issue 5601, 07.11.2002, 2209—11.
Sucht zerstört metakognitiven Fähigkeiten; die Fähigkeit zu merken, dass man beeinträchtigt ist. Die Krankheit löscht das Wissen um die Krankheit.
Rita Z. Goldstein, Nora D. Volkow, »Dysfunction of the prefrontal cortex in addiction: neuroimaging findings and clinical implications«, in: Nature Reviews Neuroscience, Vol. 12, 20.10.2011, 652—69.
Die Dissoziation zwischen Selbstwahrnehmung und tatsächlichem Verhalten bei Substanzstörungen zeigt sich in fünf Bereichen: Self-Monitoring, Metakognition, Alexithymie, Veränderungsbereitschaft, Interozeption.
Crista E. Maracic, Scott J. Moeller, »Neural and Behavioral Correlates of Impaired Insight and Self-awareness in Substance Use Disorder«, in: Current Behavioral Neuroscience Reports, Vol. 8, Issue 4, Dezember 2021, 113—23.
Je geringer die Aktivierung der rechten Insula, desto massiver die Selbstüberschätzung der Gedächtnisleistung. Die Insula löst sich vom dorsalen ACC (Salience Network) und bindet sich stärker ans ventromediale PFC (Default Mode Network). Selbstüberwachung wird durch Selbsterzählung ersetzt.
Anne-Pascale Le Berre, Eva M. Müller-Oehring, Tilman Schulte, et al., »Deviant functional activation and connectivity of the right insula are associated with lack of awareness of episodic memory impairment in nonamnesic alcoholism«, in: Cortex, Vol. 95, Oktober 2017, 15—28.
Alkohol beschädigt die Insula. AUD-Patienten zeigen höhere subjektive Sicherheit bei geringerer objektiver Genauigkeit der Körperwahrnehmung. Je schlechter sie spüren, desto sicherer sind sie sich. Mehr Gewissheit, weniger Realität.
Dennis F. Lovelock, Ryan E. Tyler, Joyce Besheer, »Interoception and alcohol: Mechanisms, networks, and implications«, in: Neuropharmacology, Vol. 200, 01.12.2021, 108807.
Süchtige reagieren verstärkt auf Drogenreize, abgeschwächt auf alles andere. Hypersensibel für die Substanz, dumpf für den Rest, auch für sich selbst.
Anna Zilverstand, Anna S. Huang, Nelly Alia-Klein, et al., »Neuroimaging Impaired Response Inhibition and Salience Attribution in Human Drug Addiction: A Systematic Review«, in: Neuron, Vol. 98, Issue 5, 06.06.2018, 886—903.
Alkohol reduziert Selbstaufmerksamkeit. Wer sich stark selbst überwacht, empfindet diese Reduktion als besonders entlastend. Selbstbewusste Menschen sind anfälliger, weil die Betäubung ihnen mehr Arbeit abnimmt.
Jay G. Hull, Robert W. Levenson, Richard David Young, Kenneth J. Sher, »Self-Awareness-Reducing Effects of Alcohol Consumption«, in: Journal of Personality and Social Psychology, Vol. 44, No. 3, 1983, 461—73.
Claude M. Steele, Robert A. Josephs, »Alcohol Myopia: Its Prized and Dangerous Effects«, in: American Psychologist, Vol. 45, No. 8, August 1990, 921—33.
Marina Abramović, Walk Through Walls: A Memoir, New York 2016. Abramović beschreibt Callas’ Verwandlung auf der Bühne wiederholt, u.a. im Kontext ihrer Operninszenierung: 7 Deaths of Maria Callas, UA Bayerische Staatsoper, München 2020.
Ezra Pound, Lesebuch. Dichtung und Prosa, hrsg. v. Eva Hesse, Frankfurt am Main 1997, 15 (»Histrion«).
Dermatomyositis.
Bewusstsein ist bei der Ausübung von Geschicklichkeiten »oft sogar eine Behinderung«.
Julian Jaynes, The Origin of Consciousness in the Breakdown of the Bicameral Mind, Boston 1976.
Ein Drittel aller autobiografischen Erinnerungen wird spontan aus der Beobachterperspektive abgerufen.
Georgia Nigro, Ulric Neisser, »Point of view in personal memories«, in: Cognitive Psychology, Vol. 15, Issue 4, Oktober 1983, 467—82.
Angelina R. Sutin, Richard W. Robins, »When the ›I‹ Looks at the ›Me‹«, in: Consciousness and Cognition, Vol. 17, Issue 4, 10.10.2008, 1386—97.
Struktion ist Jaynes’ Wortschöpfung, die Instruktion und Konstruktion verschränkt: die Fähigkeit, fiktive Zielzustände zu entwerfen und das Verhalten darauf auszurichten. Jaynes 1976.
Die Annahme, Bewusstsein sei im Gehirn lokalisiert, ist historisch kontingent und evidenzfrei.
Thomas Fuchs, Das Gehirn — ein Beziehungsorgan. Eine phänomenologisch-ökologische Konzeption, Stuttgart 2008.
Jaynes dazu: »Das Bewußtsein hat keinen konkreten Sitz außer einem eingebildeten.« (Jaynes 1976, 63.)
Drei Experimente mit Balanced-Placebo-Design. Der Befund war pharmakologisch, nicht erwartungsbasiert. Im dritten Experiment sabotierte Alkohol gezielt die selbstreferenzielle Gedächtniskodierung, nicht das Gedächtnis insgesamt.
Hull et al. 1983.
Anne-Pascale Le Berre, Eva M. Müller-Oehring, Dongjin Kwon, et al., »Differential Compromise of Prospective and Retrospective Metamemory Monitoring and Their Dissociable Structural Brain Correlates«, in: Cortex, Vol. 81, Issue, 15.05.2016, 32—46.
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Erinnerung wird im Trauma als Handlung gespeichert (Handlungsimpuls).
Van der Kolk 1994.
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Immunzellen schütten vermehrt Zytokine aus, freie Radikale entstehen.
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Transkriptionelle Hemmung.
Der Transport von Thiamin durch die Darmwand erfolgt über spezialisierte Transporterproteine (THTR-1, THTR-2), deren Expression durch Ethanol messbar gehemmt wird. Subramanya et al. 2010.
Tight Junctions.
Elhaseen Elamin, Daisy Jonkers, Kati Juuti-Uusitalo, et al., »Effects of Ethanol and Acetaldehyde on Tight Junction Integrity: In Vitro Study in a Three Dimensional Intestinal Epithelial Cell Culture Model«, in: PLOS ONE, Vol. 7, Issue 4, 19.04.2012, e35008.
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Dysbiose. Kuo et al. 2024.
Translokation.
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Vor allem Lipopolysaccharide.
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Szabo 2015.
Wenn Kupffer-Zellen die eingesickerten Lipopolysaccharide registrieren, schütten sie TNF-α aus, Tumornekrosefaktor Alpha, einen der aggressivsten Entzündungsbotenstoffe im Körper. Szabo 2015.
Vishnudutt Purohit, J. Christian Bode, Christiane Bode, »Alcohol, Intestinal Bacterial Growth, Intestinal Permeability to Endotoxin, and Medical Consequences«, in: Alcohol, Vol. 42, Issue 5, August 2008, 349—61.
Die Fettleber ist der Passierschein in Fibrose, Zirrhose, Leberversagen.
Der Alkoholstoffwechsel flutet die Zelle mit NADH und bringt die Fettverbrennung zum Stillstand. Die Verbrennungsöfen sind verstopft. Alkohol aktiviert SREBP-1c, einen Transkriptionsfaktor für Fettproduktion, und schaltet die Gegenregulation ab, AMPK und SIRT1. Die Fettproduktion läuft Amok.
Min You, Gavin E. Arteel, »Effect of ethanol on lipid metabolism«, in: Journal of Hepatology, Vol. 70, Issue 2, Februar 2019, 237—48.
Weil die Leberzelle zusätzliche Fetttransporter einbaut und Fettsäuren aus dem Blut saugt. Dadurch bricht der Fettexport zusammen. Die Verpackung in Transportpartikel funktioniert nicht mehr. Seitz et al. 2023.
You-Arteel 2019.
Entscheidend ist die kumulative Ethanollast, nicht ob sie in Bier, Wein oder Schnaps steckt. Purohit et al. 2008.
Butts et al. 2023.
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Britton et al. 2020.





Das ist großartig (literarisch) und gleichzeitig zu viel für hier. Es gehört zwischen zwei Buchdeckel. Ich denke an „König Alkohol“ von Jack London, aber noch mehr an Min Kaamp (oder wie heißt die Reihe im Original?) von Knausgaard und an Edward Saint Aubyn. Man mus beim lesen Deiner Texte aufpassen, dass man nicht zur sensationslüsternen Voyeurin wird. Und ich denke schon wieder weiter, an „Basement“ von Kate Millet. Sie hat es geschafft, dass das nicht passiert. Starke plutonische Kräfte, die da wirken ..👽 Ich ziehe meinen Hut vor Deiner Kraft dem Leiden die Stirn zu bieten und es gleichzeitig zu suchen.
Dasselbe, was Anna geschrieben hat. Ein Aspekt noch - Zerstörung in Familie und Freundeskreis, in einem Ausmaß, vielleicht wie keine andere der Substanzen.