Normalität ist ein Notfall. Neun von zehn Menschen in diesem Land sind täglich auf Droge.1 Ein Land voller chemisch lobotomierter Körper, die sich für nüchtern halten, weil ihre Drogen legal sind. Die morgens schlucken, mittags inhalieren, abends kippen. Und das Ganze Selbstfürsorge nennen. Und dann nicht verstehen, warum sie nicht mehr denken können, nicht mehr fühlen können, nicht mehr schlafen können. Warum die Panikattacken nicht aufhören. Warum sie morgens nicht mehr aufstehen wollen. Warum sie ihre Kinder anschreien. Dann eine Diagnose bekommen, die das Symptom zur Identität erklärt. Und eine Pille, die das Symptom behandelt, das die andere Pille verursacht hat. Pharmazeutische Matroschka. Die innerste Puppe ist immer der Patient.
Die Ursache steht unter Tabuschutz. Weil die Antwort morgens aus der Siebträgermaschine kommt und abends aus der Craft-Beer-Dose. Weil sie in jeder Mate-Flasche steckt, in jeder Vape-Wolke, in jedem Energy-Drink. Weil sie auf jeder Influencer-Story zu sehen ist. Zwischen Werbung für Therapie und Werbung für die Ursache. Die Ursache ist ein Geschäftsmodell. Und das erfolgreichste Produkt ist die Überzeugung, kein Kunde zu sein. Ein vergiftetes Gehirn kann nicht wollen, was es braucht. Die Sucht ist die Lösung. Die offene Zellentür sieht aus wie ein Abgrund. Freiheit fühlt sich an wie Lebensgefahr.
Wer nie ohne Substanzen funktioniert hat, kennt kein echtes Normal. Nur verschiedene Grade von Entzug, die als Persönlichkeit durchgehen, weil niemand mehr weiß, wie ein nüchterner Mensch aussieht. Wie ein schöner Mensch aussieht. Vergiftet ist Persönlichkeit unzugänglich. Was spricht, sind Symptome, die sich für eine halten. Und wer das liest und denkt, das gelte für andere, ist bereits Teil der Statistik.
Menschen haben Angst vor Gesundheit. Angst ist die Reaktion auf Freiheit. Der Schwindel am Rand der Klippe kommt von der Möglichkeit zu springen.2 Klar denken, klar fühlen, vollständig funktionieren. Das ist radikale Freiheit. Und radikale Freiheit bedeutet keine Ausreden mehr. Kein ich konnte nicht, weil. Kein mein Körper lässt mich nicht. Kein ich bin neurodivers. Kein ich brauche erst eine Therapie. Wenn mein Körper auf hundert Prozent läuft, bin ich verantwortlich für alles, was ich mit diesen hundert Prozent nicht tue.
Otto Rank unterschied zwei Ängste. Lebensangst, die Angst vor der Individuation, vor dem Alleinstehen als vollständiges Selbst. Und Todesangst, die Angst vor dem Verschwinden im Kollektiv.3 Die meisten Menschen lösen dieses Dilemma, indem sie auf halbem Weg stehen bleiben.4 Funktionierend genug, um nicht aufzufallen. Kaputt genug, um keine Rechenschaft ablegen zu müssen.
Das Upgrade vom Schnuller zur Flasche. Die Gesellschaft nennt das Erwachsenwerden. Der einzige Unterschied ist der Steuersatz.
Eine Gesellschaft, die Konformität solidarisch nennt und jeden Abweichler als Gefährder behandelt. In einer solchen Gesellschaft ist Alleinstehen bereits meldepflichtig.5
Anders sein zu können. Die Fähigkeit selbst ist verdächtig geworden. Wo Konformität als Sicherheit verkauft wird, ist die Möglichkeit zur Abweichung ein Tabubruch. Wer sie besitzt und nicht nutzt, hat Angst. Wer sie besitzt und nicht weiß, dass er sie besitzt, ist betäubt.
Maslow nannte das Jona-Komplex. Menschen fliehen vor ihrer eigenen Größe, wie Jona vor Gott.6 Lehnen Projekte ab. Reden Erfolge klein. Verkriechen sich in der Mittelmäßigkeit und nennen das Selbstfürsorge. Nennen das Realismus. Nennen das Grenzen setzen.
In den Jahren vor 2019 lebte ich. Auf dem Rückweg von der Gamescom in Köln, wo ich eines meiner besten Videos gedreht hatte, lernte ich im ICE Mona Mur kennen, eine Berliner Komponistin. Wenig später entwickelten wir ein Musikprojekt, bekamen eine Förderung, gewannen namhafte Musiker.7 Das Konzert war angesetzt, Muffathalle München, 4. Dezember 2019.
Ein halbes Jahr vorher hatte ich angefangen zu rauchen. Plötzlich fing ich an, meine Minderwertigkeit in den Gesichtern der Leute zu suchen. Und die bestätigten sie mir, weil ich sie bereits ausstrahlte.
Ich rief Mona an und sagte ab.
Die Tür stand offen. Ich schlug sie zu.
Im darauffolgenden Jahr bekam ich ein Angebot für eine Rolle in einem Film. Ich bekam das Drehbuch, fing an zu proben.
Kurz vor knapp sagte ich ab.
Es ginge mir nicht gut. Das war nicht einmal gelogen. Aber der Grund, warum es mir nicht gut ging, war das Rauchen. Und der Grund, warum ich absagte, war die Angst vor dem, was passiert wäre, wenn es gut gegangen wäre.
Zwei Türen, innerhalb eines Jahres zugeschlagen. Weil etwas in mir sich für zu kaputt hielt, um hindurchzugehen. Ich war kaputt geworden, sichtbar, im Spiegel, in den Gesichtern anderer. Aber nicht so kaputt, wie ich mich fühlte. Die Substanz hatte meinen Körper beschädigt. Mein Selbstbild hatte sie zerstört.
Ich erkenne das, weil ich es hinter mir habe. Mein Mitbewohner erkannte es nicht, weil er mittendrin steckte. Er trank jeden Abend eine Flasche Wein auf seine Energy-Drinks und sein Cannabis. Eines Tages kündigte er seine Arbeit, und als ich ihn fragte, was er nun machen will, sagte er, er wolle Influencer werden. Keinen einzigen Account im Social Web. Noch nie etwas gepostet. Nicht ein Video, nicht ein Foto, nicht ein Wort.
Ich fragte ihn, warum. Da sagte er, er brauche ja erst professionelles Equipment, einen Green Screen, damit alles aussieht. Im Jahr 2026, in dem Millionen Menschen mit ihrem Telefon filmen. Als ich sagte, dass ich das nicht verstehe, antwortete er reflexhaft, er sei eben ein komplizierter Mensch. Man könne ihn nicht verstehen.
Er war der unkomplizierteste Mensch, den ich kannte. Eine Marionette, deren Fäden aus Substanzen bestanden und die keine davon sehen konnte. Der Green Screen war sein Alibi. Herbeigeredete Kompliziertheit war sein Schutzschild. Und das selbstgefällige Grinsen, mit dem er beides vortrug, war das Erschreckendste daran, weil es zeigte, wie vollständig man die eigene Zerstörung abspalten kann, bis sie sich anfühlt wie Persönlichkeit. Bis sie sich anfühlt wie Stolz.
Narzissmus ist Narkose
Wer auf vierzig Prozent läuft, müsste sich wie vierzig Prozent fühlen. Tut er nicht. Er fühlt sich besonders. Auserwählt sogar. Menschen, die ihre Potenziale verrotten lassen, halten den Gestank für Parfüm. Sie schauen jeden Morgen in einen Spiegel, der ihnen die Wahrheit zeigt. Sie spüren die Zerstörung beim Aufstehen, beim Treppensteigen, beim Atmen. Und machen weiter.
Erst betäubt die Substanz den Körper. Dann betäubt die Grandiosität die Wahrheit über den Körper. Eine selbstinduzierte Psychose, die verhindert, dass der Mensch sieht, was er sich angetan hat.8
Das Grandiose existiert wegen der Zerstörung.
Das ist die Lüge, die das System am Laufen hält. Die Substanz liefert die Zerstörung, das Narrativ macht sie unsichtbar. Der kaputte Körper wäre unerträglich, wenn er sich kaputt anfühlen würde. Tut er nicht. Er fühlt sich großartig an. Und solange er sich großartig anfühlt, bleibt er auf der Couch. Kaputt. Zufrieden.
Angst gehört zur Freiheit wie der Schwindel zur Höhe. Wer Angst eliminiert, eliminiert die Möglichkeit zu wachsen.9
Die Suchtmedizin hat einen eigenen Begriff dafür. Fear of recovery.10 Die Krankheit zahlt Miete im Kopf. Sie bleibt, weil Gesundheit Verantwortungsübernahme erzwingt.11 Was als Heilung gedacht ist, zerstört das idealisierte Selbstbild und ersetzt es durch ein reales, das man verteidigen muss.12 Gehen wir vorwärts, wie unsere Seele es verlangt, werden wir von Angst überflutet. Bleiben wir stehen, leiden wir an Depression.13
Ich weiß, wie es aussieht, wenn man vorwärts geht.
Die Ärzte sagten, ich würde dumm, unfähig zu lesen, zu denken. Dass die Epilepsie mich auffressen würde. Dass ich das nicht überstehe. Sie hatten die Statistik auf ihrer Seite. Ich hatte nichts auf meiner außer der Weigerung, das zu akzeptieren.
Ich habe es überlebt. Ohne Ärzte. Gegen die Prognose. Ich hätte im Rollstuhl sitzen können. In einer geschlossenen Einrichtung. Unfähig, diesen Satz zu schreiben. Eine Krankheit dieser Größenordnung erteilt die Erlaubnis aufzuhören. Ich habe sie nicht angenommen.
Eine Diagnose ist kein Alibi. Außer man macht eines daraus.
Wer das durchgestanden hat, weiß, was echte Krankheit kostet. Und wie es sich anhört, wenn jemand den Preis nicht kennt, aber die Quittung vorzeigt. Wer seinen Kater zur Migräne erklärt und seine Trägheit zur chronischen Erschöpfung, hat sein Alibi.
Ich hatte ein echtes. Ich habe es zurückgegeben.
Die meisten tun das nicht. Sie bleiben bei vierzig Prozent. Wer beschädigt ist, schuldet weniger. Das Alibi wächst mit der Zerstörung. Chronische Müdigkeit erlaubt, weniger zu sein. Die Trägheit nach dem Essen erspart die Konfrontation mit dem, was man eigentlich tun, sagen, verändern müsste. Netflix sediert, was übrig ist. Morgen ist immer der bessere Tag, um anzufangen.
Keiner der Psychologen erklärt, warum das Phänomen flächendeckend ist. Wenn die Angst vor dem vollen Funktionieren ein individuelles Problem wäre, müsste sie individuell verteilt sein. Ist sie nicht. Sie ist epidemisch. Und eine Epidemie, über die niemand spricht, weil die Symptome als Charakter durchgehen und die Ursache als Kultur.
Die Ursache ist biochemisch. Ein Gehirn, das seit Jahren mit Substanzen operiert, die den präfrontalen Kortex dämpfen, die Amygdala sensibilisieren und das Belohnungssystem aushöhlen, erlebt Gesundheit als Bedrohung. Der chronische Koffeinkonsument kennt keinen Morgen ohne Cortisol-Spike. Der Raucher keine Pause ohne Nikotinflut. Der Alkoholtrinker keinen Abend ohne GABA-Dämpfung. Diese Gehirne pendeln permanent zwischen künstlicher Panik und künstlicher Betäubung. Das Sedativum braucht ein Sedativum. Die Lösung für die Lösung für die Lösung. Für sie ist der substanzfreie Zustand Terra incognita. Und Terra incognita behandelt das Gehirn wie eine Bedrohung, weil es dafür gebaut ist, das Bekannte dem Unbekannten vorzuziehen. Selbst wenn das Bekannte zerstörerisch ist. Selbst wenn das Unbekannte Gesundheit heißt. Das Gehirn wählt den bekannten Untergang. Jeden Tag. Nennt es Leben.
Das gefälschte Vorher
Die Mehrheit kennt keinen Referenzzustand. Nie ohne Substanzen funktioniert, oder so früh angefangen, dass keine Erinnerung existiert. Andere hatten einen Referenzzustand, haben ihn verloren, suchen ihn unter den Trümmern der Sucht. Gesundheit eine verschüttete Ausgrabungsstätte.
Ich bin von den Süchten weggekommen, indem ich mich erinnert habe. Ich war ohne diese Süchte, bevor ich damit angefangen habe. Die Frage war, ob ich es unter dem Schutt noch finden konnte.
Manches konnte ich noch erinnern, aber nur schwach. Das kompromittierte Gehirn hatte neunzig Prozent gelöscht. Und selbst das Wenige, das übrig war, entsprach nicht mehr der Realität. Das Gehirn besticht sich selbst, schönt den Referenzzustand nach unten, damit der Verlust erträglich bleibt. Wenn das frühere Selbst gar nicht so großartig war, muss man den Abstand nicht überbrücken.
Was diese Schutzlüge zerstört hat, waren Dokumente. Alte Fotos. Videos aus meiner Zeit als YouTuber. Tonaufnahmen. Material, das mein Gehirn nicht herunterrechnen konnte, weil es nicht in meinem Gedächtnis lag, sondern auf Festplatten. Es zeigte einen Menschen, der schöner war und großartiger und weiter entfernt von dem, was die Sucht aus ihm gemacht hatte, als jede meiner Erinnerungen es für möglich gehalten hätte. Die Konfrontation mit dem aufgezeichneten Selbst war stärker als jede Einsicht.
Vor dieser Konfrontation gab es nur einen vergleichbar starken Antrieb. Verliebtheit. Mit der Schule fast fertig, extremes Übergewicht, Fresssucht.
Dann Jenny.
Dass wir je zusammenkommen könnten, war ausgeschlossen, und das war nicht der Punkt. Der Punkt war, was passierte, als ich sie besuchte und sah, wie unglaublich schön und lebendig sie war. Wie sie sich bewegte, wie ihre Stimme klang, wie sie einen ansah. Ihr Strahlen traf etwas, das ich weggesperrt hatte.
Verliebtheit ist auch Dopamin. Aber Dopamin mit Ziel. Substanzen bezahlen Stillstand. Das hier bezahlte Bewegung. Ich nahm dreißig Kilo ab. Innerhalb von Monaten ein anderer Mensch. Andere Kleidung, andere Kontakte, anderer Tag. Die Verliebtheit hatte mein Dopaminsystem umgepolt. Weg von der Substanz, hin zu einer Person.
Jenny verschwand. Die Verwandlung blieb. Weil sie aufhörte, an Jenny, und anfing, an mich gebunden zu sein. Was als Verliebtheit in einen anderen Menschen begonnen hatte, wurde zur Liebe zu mir selbst. Das Dopamin hatte sein Ziel gewechselt. Von einer Person zu etwas, das in mir lag.
In den Jahren, bevor ich anfing zu rauchen, war Liebe immer eine Möglichkeit gewesen. Es gab Situationen, in denen sich etwas entwickelte. Ich war bloß zu schüchtern, sie anzunehmen. In den sieben Jahren als Raucher war nichts mehr da. Kein Interesse. Nicht weil ich aufgehört hatte zu suchen. Sondern weil es nichts mehr gab, worin jemand etwas sehen konnte.
Ich erkenne, was ich bin, am anderen. An Jenny das eigene Strahlen. An Professor Bredekamp die eigene Integrität. In seinen Seminaren lernte ich mehr als im gesamten Studium. Er verkörperte intellektuelle Unbestechlichkeit.
Von 2020 bis Mitte 2023 schrieb ich eine zweitausendseitige Monografie über die ökologischen Bedingungen weltweiter Epidemien. Rohentwurf handschriftlich. Jede Quelle minutiös geprüft. Eine Haltung, die man einmal hat, kann man nicht mehr unwissen. Man kann sie nur betäuben.
Am anderen das Gold erkennen, das in mir lag, und daraus den Antrieb ziehen, es freizulegen. Man nennt das den goldenen Schatten.14 Menschen fürchten ihre eigene Größe mehr als ihr Versagen. Wer entdeckt, dass er ein Wrack ist, kann damit leben. Wer entdeckt, dass er es nicht sein müsste, hat ein Problem.15 Und genau deshalb erkennen wir es nur noch am anderen.
Was mich an Jenny traf, war nicht ihr Glanz. Es war mein eigener.
Aber nicht jede Verliebtheit macht das.
Zuletzt vor zwei Jahren. Derselbe Rausch. Und als die Verliebtheit weg war, war ich auch wieder weg. Der Unterschied war, dass diese Verliebtheit an die Person gebunden blieb. An die Hoffnung, mit ihr zusammenzukommen. Das Dopamin hing an ihr. Es fand keinen Weg zu mir. Als sie verschwand, verschwand der Antrieb. Das alte System übernahm. Mit Psychologie hat das gar nichts zu tun.
Dopamin-Entzug. Entzug von einer Person. Neurochemisch dasselbe.
Verliebtheit zeigt, was möglich ist. Aber genau hier liegt die Ironie. Verliebtheit setzt voraus, dass ein Mensch da ist. Ein ganzer Mensch. Kein Bedürfnisbündel auf Bier. Der andere müsste sich in jemanden verlieben, dessen Körper, Haut, Blick signalisieren: beschädigt. Das Heilmittel der Liebe steht erst zur Verfügung, nachdem ein großer Teil der Heilung bereits stattgefunden hat. Der Zugang ist hinter der Krankheit verriegelt. Und wer es trotzdem versucht, aus dem Suchtmodus heraus, landet nicht bei Verliebtheit, sondern bei ihrem Zerrbild. Toxische Bindung ist biologisch dasselbe wie Trinken. Cortisol hoch, Oxytocin zerschossen, Schlaf kaputt, Immunsystem runter. Der Körper unterscheidet nicht zwischen einer toxischen Substanz und einer toxischen Bindung.
Die stärkste Kraft war deshalb nicht die Verliebtheit von außen. Es war die Konfrontation mit meinem aufgezeichneten Selbst. Weil die nicht von einem anderen Menschen abhängt. Und weil sie den einzigen Beweis liefert, den mein kompromittiertes Gehirn nicht wegerklären kann. Nicht eine Erinnerung, die es herunterrechnen kann. Ein Video, das läuft.
Und wenn das lang genug wirkt, wenn das Nervensystem sich beruhigt, die Haut wieder klar wird und der Blick wieder da ist, dann wird Verliebtheit wieder möglich. Weil ich wieder jemand bin, in den man sich verlieben kann.
Erst schön, dann geliebt.
Zwei Arten von Angst. Die eine sagt: was, wenn Gesundheit sich schlimm anfühlt. Die andere: was, wenn ich sehe, wie tief ich gesunken bin. Beide sind biochemisch erzeugt.
Jemand lächelt dich an. Nichts passiert. Der Nucleus accumbens braucht stärkere Reize. Freundlichkeit ist keiner. Was die Schwelle noch erreicht, sind Bedrohungssignale. Die Amygdala funktioniert auch dann noch, wenn alles andere schon gedämpft ist. Also scannt das Gehirn Gesichter und findet Ablehnung. Es kann nur noch Ablehnung finden. Die Hardware für das Gegenteil ist offline.
Der Jona-Komplex, die Angst vor Freiheit, die Flucht vor dem eigenen Potenzial. Vergiftungssymptome. Der Mensch, dessen Belohnungssystem durch Nikotin desensibilisiert ist, dessen Amygdala durch Koffein-Cortisol im Dauerbeschuss liegt, dessen präfrontaler Kortex durch Alkohol chronisch gedämpft ist — dieser Mensch hat Angst vor Gesundheit, weil sein Gehirn im Alarmmodus läuft. Jeder unbekannte Zustand wird als Gefahr klassifiziert. Auch Klarheit. Auch Freiheit. Auch volles Funktionieren.
Es ist ein Gehirn, das in einem chemischen Gefängnis sitzt und die Freiheit für eine Klippe hält.
Drei Millionen Fehldiagnosen
Brené Brown sagt, wir müssen aufhören, in den Gesichtern anderer nach Beweisen zu suchen, dass wir nicht ausreichen.16 Das ist präzise beobachtet. Als würde man jemandem mit gebrochenem Bein sagen, er solle selbstbewusster auftreten. Vollkommen nutzlos.
Die eigentliche Frage ist, warum die Suche nie ergebnisoffen ist. Niemand scannt das Gesicht des Gegenübers und denkt: mal schauen, vielleicht findet sie mich großartig. Der Scan ist voreingestellt auf Bestätigung des Defizits. Menschen suchen nach Bestätigung für etwas, das sie bereits glauben. Und sie glauben es, weil ihr Gehirn in einem Zustand operiert, in dem sie es glauben müssen.
Brown sagt: hör auf zu suchen, ändere deine Geschichte. Aber die Geschichte wird nicht von der Person erzählt. Sie wird von der Neurochemie erzählt. Und solange die Neurochemie vergiftet ist, kann sich jemand jeden Morgen vor dem Spiegel sagen, dass er ausreicht. Sein Gehirn wird antworten: nein.
Die Selbstderniedrigung lässt sich nicht wegaffirmieren. Sie ist biochemisch. Mut zur Verletzlichkeit anlesen bringt nichts, solange die Substanzen das Gehirn in einem Zustand halten, in dem Verletzlichkeit sich anfühlt wie Sterben. Und wer statt Brown lieber Stefanie Stahl liest und das Kind in sich sucht, das »Heimat finden«17 müsse, landet an der falschen Adresse. Das Schattenkind ist kein verdrängtes Kindheitstrauma. Es ist ein Entzugssymptom mit Aquarellcover. Chronische Unsicherheit. Lähmende Selbstabwertung. Nähe fühlt sich an wie Ersticken. Stahl nennt das: verletztes inneres Kind. Bei jemandem, der seit fünfzehn Jahren morgens Koffein, mittags Zucker und abends Alkohol durch sein Nervensystem pumpt, ist jedes dieser Symptome ein Laborwert.
Dein inneres Kind ist ein Junkie.
Aber ein Gehirn reparieren verkauft sich nicht. Ein Seelenkind trösten schon. Über drei Millionen Alibis, übersetzt in fünfunddreißig Sprachen. Jedes davon lieferte einem Menschen eine psychologische Erklärung für ein biochemisches Problem und schickte ihn in seine Vergangenheit, während die Ursache auf seinem Küchentisch stand. Sein Leiden komme aus der Kindheit, nicht aus der Kaffeetasse. Nicht aus dem, was er heute Morgen geschluckt, inhaliert und getrunken hat. Millionen, die ihr Schattenkind therapieren, statt ihren Konsum zu beenden. Das Trauma ist bequemer als die Wahrheit.
Wer einem Vergifteten erklärt, sein Problem sei seine Kindheit, lässt ihn sterben. Und die Geschichte fühlt sich besser an als die Wahrheit. Also nimmt der Vergiftete sie dankbar an, gibt fünf Sterne und trinkt weiter.
Brown und Stahl machen denselben Fehler: psychologische Lösungen für biochemische Probleme anbieten. Das ist, als würde man einem Menschen, der in einem brennenden Haus sitzt, empfehlen, seine Beziehung zu seinem Vater aufzuarbeiten. Oder jemandem, der an einer Gasvergiftung stirbt, raten, er solle mal in sich hineinhorchen, woher das Druckgefühl auf der Brust kommt.
Erst der Entzug. Dann die Arena.
Redaktioneller Hinweis: Die wissenschaftlichen Aussagen in diesem Text basieren auf Fachliteratur. Biografische Passagen sind Erfahrungsbericht, keine Verallgemeinerung. Es bestehen keine Interessenkonflikte. Meinungen sind kein Ersatz für Daten.Wer die Zahlen anzweifelt, kann sie nur nach oben korrigieren. 89 Prozent der erwachsenen Bevölkerung trinken täglich Kaffee. Koffein über Tee, Cola, Energy Drinks oder Mate nicht eingerechnet. Alkohol, im ESA 2024 die häufigste psychoaktive Substanz, erreichte eine 30-Tage-Prävalenz von 68,6 Prozent; lediglich 21 Prozent gaben an, zwölf Monate vollständig abstinent gelebt zu haben. Tabak- und Nikotinprodukte konsumierten 14,5 Millionen Erwachsene innerhalb von 30 Tagen, rund 28 Prozent der 18- bis 64-Jährigen; die Zigarettenprävalenz allein liegt je nach Erhebung zwischen 22 und 29 Prozent (DEBRA 2024: ca. 29 Prozent; ESA 2024: 21,8 Prozent). Nichtopioid-Analgetika nahmen 31,5 Prozent ein (16,2 Mio.), Schlaf- und Beruhigungsmittel 6,3 Prozent (3,2 Mio.), Antidepressiva ebenfalls 6,3 Prozent (3,2 Mio., davon 2,9 Mio. täglich), opioidhaltige Schmerzmittel 3,8 Prozent (2,0 Mio.) — fünf Millionen Erwachsene, jeden Tag, mindestens ein psychoaktives Medikament. Pro-Kopf-Zuckerverbrauch 2023: 41,2 kg im Jahr, 113 g am Tag, 38 Würfelzucker, das 4,5-Fache der WHO-Empfehlung. Zugesetzter Zucker steckt in praktisch allen industriell verarbeiteten Lebensmitteln. Wer ihn meiden will, muss sich aktiv dagegen entscheiden.
Rechnet man zusammen — unter Berücksichtigung der Überschneidungen zwischen den Konsumentengruppen —, konsumieren über 95 Prozent der Bevölkerung täglich mindestens eine psychoaktiv oder metabolisch wirksame Substanz. Konservativ gerechnet. Sämtliche Zahlen basieren auf Selbstangaben und unterschätzen den tatsächlichen Konsum systematisch.
Quellen: ESA-Daten nach S. Olderbak et al., »Konsum psychoaktiver Substanzen in Deutschland — ESA 2024«, Dt. Ärzteblatt Int. 122 (2025), 625—31. Kaffee: Dt. Kaffeeverband, Konsumstudie 2022; Tchibo, Kaffeereport 2022 (n = 5.000). Koffein: BfR, »Koffein und koffeinhaltige Lebensmittel — FAQ«, akt. 2023. Alkoholabstinenz: RKI, GEDA 2019/2020-EHIS. Nikotin: DHS, Jahrbuch Sucht 2025, Lengerich (Pabst) 2025; D. Kotz, S. Klosterhalfen, DEBRA-Studie 2024, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Zucker: FAO 2023; Statistisches Bundesamt 2026. Zur Unterschätzung durch Selbstangaben vgl. ESA 2024, ebd., Diskussion.
Søren Kierkegaard, Begrebet Angest, Kopenhagen 1844.
Otto Rank, Technik der Psychoanalyse, Bd. 3: »Die Analyse des Analytikers und seiner Rolle in der Gesamtsituation«, Leipzig/Wien 1931.
Otto Rank, Kunst und Künstler. Studien zur Genese und Entwicklung des Schaffensdranges (1932), hrsg. v. Ludwig Janus, Gießen 2000.
Nietzsche sagte diese Gesellschaft voraus: Jenseits von Gut und Böse (1886), Aph. 212, in: KSA 5, hrsg. v. Giorgio Colli u. Mazzino Montinari, München/Berlin/New York 1980, 145.
Abraham H. Maslow, The Farther Reaches of Human Nature, New York 1971, Kap. 2 (»Neurosis as Failure of Personal Growth«), London 1976.
Zur Vorarbeit: Ders., Toward a Psychology of Being, 2. Aufl., New York 1968.
Das Projekt hieß Henker und Jäger. Mit dabei waren En Esch, FM Einheit und die Sopranistin Simone Kermes.
John Wick. Gebrochen, traumatisiert, fertig mit der Welt. Man sieht ihm an, dass er zerstört ist. Aber wenn er in Aktion tritt, tötet er hundert Gegner in einer Szene. Unbesiegbar trotz Zerstörung. Vier Filme, über eine Milliarde Dollar. Der Markt für Selbstbetrug ist profitabel.
Die Fantasie heißt Stärke ohne Reparatur. Der Zuschauer will nicht die Kampfkraft. Er will die Legitimation der Wunde. Du musst dich nicht heilen. Du bist auch auf Kaffee und Neuroleptika noch überlegen. Der gebrochene Held verwandelt den Defekt in ein Distinktionsmerkmal. Die Zerstörung wird zum Adelstitel.
Zum Konzept der wishful identification: Cecilia v. Feilitzen, Olga Linné, »Identifying with Television Characters«, in: Journal of Communication, Vol. 25, Issue 4, Dezember 1975, 51—5.
Zur Identifikation mit moralisch ambivalenten Figuren: Sophie H. Janicke, Arthur A. Raney, »Exploring the Role of Identification and Moral Disengagement in the Enjoyment of an Antihero Television Series «, in: Communications, Vol. 40, Issue 4, 02.11.2015, 485—95.
Rollo May, The Meaning of Anxiety, New York 1950.
Jude Johnson-Shupe, »Exploring Fear of Recovery Among Individuals with Substance Abuse Disorder«, in: SSRN, 25.03.2024.
Zum sekundären Krankheitsgewinn grundlegend: Sigmund Freud, Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1917), XXIV. Vorlesung.
Irvin D. Yalom, Existential Psychotherapy, New York 1980.
Karen Horney, Neurosis and Human Growth: The Struggle Toward Self-Realization, New York 1950.
James Hollis, Finding Meaning in the Second Half of Life, New York 2005.
Robert A. Johnson, Owning Your Own Shadow: Understanding the Dark Side of the Psyche, San Francisco 1991.
Nietzsche beschreibt Menschen, die ihr Ideal mit scheuer Demut betrachten und es am liebsten verleugnen würden. Sie fürchten ihr höheres Selbst, weil es, wenn es spricht, fordernd spricht.
Menschliches, Allzumenschliches I (1878), Neuntes Hauptstück, KSA 2.
Brené Brown, Braving the Wilderness: The Quest for True Belonging and the Courage to Stand Alone, New York 2017.
Stefanie Stahl, Das Kind in dir muss Heimat finden. Der Schlüssel zur Lösung (fast) aller Probleme, München 2015.





