Anderen beim Sterben zusehen und es schön finden. — Früher war das eine Paraphilie. Heute ist es eine Bewegung.
Es ist die einzige Krankheit, bei der Mitgefühl tötet. 3,7 Millionen pro Jahr1, und alle klatschen. Wäre Adipositas eine Infektion, gäbe es Quarantäne. Wäre sie ein Medikament, gäbe es einen Rückruf. Body Positivity ist beides — Entzündung und Hirnabbau —, und wir nennen das Identität.
Mastvieh hat Tierschutzauflagen. Für Menschen gilt Selbstbestimmung. Organversagen heißt jetzt Körpervielfalt. Atemnot heißt Selbstliebe. Die Diagnose gilt als Diskriminierung, die Therapie als Übergriff, der Tod als Schicksal. In der Schweiz kostet assistierter Suizid zehntausend Euro und erfordert Zurechnungsfähigkeit. Body Positivity ist kostenlos und erfordert Instagram. Die Leichen wiegen nur unterschiedlich viel.
Die ästhetische Normalisierung von Übergewicht verstört mich. Sie behandelt Krankheit wie Charakter. Obwohl Übergewicht ein chronisch entzündlicher Zustand ist. Fett ist ein endokrines Organ, das permanent Entzündungsbotenstoffe produziert. Das Nervensystem reagiert darauf mit Angstzuständen, dem Verlust geistiger Klarheit, geringerer Impulskontrolle und Resilienz.
Eine Kultur, die Übergewicht ästhetisch normalisiert, es schönredet, verhindert medizinisch notwendige Veränderung. Sie praktiziert kein Mitgefühl, sondern Fürsorgemord. Helfen tut das den Übergewichtigen nicht, es beutet sie aus. Body Positivity ist keine Befreiung. Sie ist die Verletzung der Würde übergewichtiger Menschen, Hilfe zu bekommen. Ihr richtiger Name wäre Körperselbstverachtung oder Body Denial.
Body Positivity sagt: Du bist gut, wie du bist. Tu, was du willst.
Der Körper sagt: Ich bin entzündet, ich bin überlastet, ich halte das nicht aus. Bitte tu das nicht.
Das ist Entmündigung.
Die Industrie verdient daran. Dauerleiden, verkleidet als Akzeptanz, betäubt weiter, statt das Kernproblem anzugehen. Krankheit wird zur Identität umetikettiert. Entzündung zur Konstitution, Atemlosigkeit zu Stress, Adipositas zu Körperdiversität. Sprache als Sedativum.
Die Wahrheit ist: Gesundheit ist schön. Ein Körper, der nicht permanent gegen sich selbst arbeitet, ist schön. Ein schlanker Körper ist keine Geschmacksfrage, sondern ein Funktionszustand. Man kann Krankheit akzeptieren oder man kann sie beenden. Beides gleichzeitig geht nicht.
Übergewicht ästhetisch entzaubern erlaubt Veränderung.
Die Körperselbstverleugnung im Westen ist älter als jede Mode. Sie sitzt in den Knochen. Das Fleisch drumherum hat sie nie interessiert.
Die Reformation erschuf das moderne Subjekt2: allein vor Gott, allein mit seinem Gewissen, allein in seinem Kämmerlein. Sola Fide — allein der Glaube. Was nicht Glaube war, wurde verdächtig. Der Körper wurde zur Prüfung, die Lust zur Anfechtung, die Sinne zum Störsignal. Luther befreite das Gewissen und sperrte den Leib ein. Der Körper war fortan Trägermaterial.
Descartes machte daraus ein System. Res cogitans, res extensa — Geist hier, Materie dort. Der Körper wurde zur Maschine, die der Geist bewohnt wie ein Untermieter meine Wohnung. Kaum ein Philosoph hat mehr Schaden angerichtet mit weniger Wörtern.
Kant vollendete die Amputation. Moral ist Vernunft, nicht Empfindung. Wer den Körper braucht, um gut zu handeln, handelt nicht gut genug. Der Mensch, den Kant entwarf, denkt, urteilt, folgt dem kategorischen Imperativ. Er schwitzt nicht dabei.
Drei Männer. Drei Jahrhunderte. Eine Leiche: der Körper als Teil des Selbst.3
Die Spaltung wurde säkularisiert, psychologisiert, anders bezeichnet. Das Ergebnis ist eine Gesellschaft, die den Körper nicht mehr spürt, aber permanent über ihn verhandelt. Body Positivity vollendet dieses Projekt. Calvinismus für Leute, die nicht mehr an Gott glauben, aber trotzdem büßen wollen. Dieselbe Gefängniszelle, fünfhundert Jahre später. Der Calvinist verachtete den Leib, weil er der Seele im Weg stand. Wir ignorieren ihn, weil er dem Selbstbild im Weg steht. Die Calvinisten wussten wenigstens, dass sie einen Körper haben. Derselbe Mechanismus wie Zigarette, Alkohol, Binge Eating. Ein Zustand, der weh tut, umgedeutet in einen, der zu mir gehört.
Übergewicht schreit. Diese Kultur hat den Schrei zum Schlaflied erklärt. Body Positivity bringt Konfetti.
Wann immer ich über Körper schrieb, reagierten die Leute »getriggert«. Wer seinen Narzissmus infrage gestellt sieht, erklärt sich für »traumatisiert«. Also werde ich dämonisiert. Beim Körper passiert das schnell, weil er sichtbar ist, physikalisch und damit indiskutabel. Und was indiskutabel ist, heißt für viele automatisch: diskriminierend.
Vor einigen Wochen schrieb ich auf Substack, dass ein dünner Körper schön sei. In Deutschland sind über sechzig Prozent der Männer übergewichtig, knapp die Hälfte der Frauen.4 Übergewicht ist der Mehrheitszustand.
Aber häufig ist nicht normal. Häufig ist nur häufig.
Eine Kultur, in der die Mehrheit krank ist, hält Krankheit für normal und Gesundheit für extrem. Normalgewicht gilt als anorektisch. Was medizinisch gesund ist, wird als krank wahrgenommen. Also konterkarierte ich die verbreitete Wahrnehmungsstörung.
Ich schrieb auch, dass die Abwesenheit von Gift schön ist. Ein Körper, der nicht permanent gegen sich selbst kämpft, ist schön. Übergewicht ist ein proinflammatorischer Zustand — eine chronische Entzündung. Entzündung hat wenig mit Identität zu tun.
Dann erhielt ich folgenden Kommentar:
»Ich hab auch Übergewicht trotz Bewegung, das liegt an der Menopause und den Nebenwirkungen der Neuroleptika. Veränderter Stoffwechsel und Hormone geben den Ausschlag, weshalb viele Frauen ab fünfzig wie Hefeteig aufgehen. Ich war zwar früher schlank, aber dürre Hungerhaken mit flachen, knochigen Hintern fand ich immer unattraktiv und unsexy.«
Bemerkenswert war, wie sie versuchte, meine Rede zu disqualifizieren, indem sie dünne Menschen zur Fratze machte, sie überzeichnete, vorführte. Gleichzeitig verteidigte sie ihr Übergewicht durch Determinismus (Hormone, Menopause, Medikamente, Stoffwechsel). Als Abschluss der Debatte. Ein metaphysischer Riegel. So bin ich, Punkt.
Ich antwortete: »Ich schreibe nicht über ästhetische Präferenzen, sondern über Entzündung und metabolischen Stress. Neuroleptika und Menopause sind real. Mein Text richtet sich gegen eine Kultur, die Krankheit verteidigt, nicht gegen Menschen, die kämpfen.«
Ihre Antwort: »Wenn du schreibst, ein dünner Körper ist schön, verstehe ich es anders. Sorry.«
Das war kein Missverständnis, sondern die Weigerung, die Ebene zu wechseln. Sie sagte damit: Ich bleibe bei meiner Lesart, weil ich sonst etwas an mir infrage stellen müsste.
Ich liefere eine Beschreibung. Sie liefert eine Rechtfertigung. In der Philosophie heißt das Kategorienfehler.
Ich sage: Übergewicht ist ein entzündlicher Zustand.
Sie hört: Ich werde moralisch bewertet.
Der Grund: weil Pathologie bei ihr zur Identität geronnen ist. Und Identität ist sakrosankt.
Der eigentliche Trigger ist nicht der Satz Dünn ist schön. Sondern die Implikation: Es könnte anders sein. Wenn etwas krank ist, ist es veränderbar. Wenn es veränderbar ist, gibt es Handlungsspielraum. Handlungsspielraum bedeutet Verantwortung.
Und Verantwortung ist in Deutschland das größte Tabu.
Der Satz »Dürre Hungerhaken mit flachen, knochigen Hintern« macht drei Dinge gleichzeitig: Er karikiert meine Aussage, um sie lächerlich zu machen. Er ersetzt Gesundheit durch sexuelle Attraktivität, um das Thema zu moralisieren. Er wirft mir Körperverachtung vor, während er selbst abwertend spricht. Reaktive Abwehr. Mehr Reflex als böse Absicht.
Wer sein Selbstbild über Narrative stabilisiert, hat im Körper einen Feind. Deshalb muss er die Sprache angreifen, den Sprecher moralisieren, die Aussage pathologisieren.
Ich habe eine kulturelle Beschreibung geliefert, und sie wurde als Angriff gelesen.
Das ist der Preis von Klarheit.
Wer verstehen will, versteht. Wer sich verteidigen will, missversteht. Meine Provokation ist funktional, weil sie Abwehrmechanismen offenlegt. Wäre sie das nicht, wäre mein Text harmlos.
Wer über Fettleibigkeit streitet, streitet über Realität versus Identität. Sobald Realität benannt wird, fühlen sich Leute angegriffen, obwohl niemand sie angreift.
Man versteht Übergewicht nicht, solange man es als Essproblem begreift. Ich habe es lange als Essproblem begriffen. Ich esse nicht, weil ich Hunger habe. Ich esse, weil etwas in mir still werden soll. Essen ist die höflichste Form der Betäubung. Man nennt es Genuss, Bedürfnis, Selbstfürsorge. Hunger ist ruhig. Er meldet sich, wartet, geht wieder. Das hier wartet nicht. Das hier drängt, drückt, wird lauter, wenn ich es ignoriere. Es fühlt sich an wie Notfall, und es ist Unruhe, die gelernt hat, dass sie gefüttert wird. Sobald mein Körper voll ist, wird es dumpf und still. Und genau da verliere ich jedes Mal.
Die Lüge lautet: Das bin ich. Als wäre dieses Drängen mein Wesen. Je schneller ich esse, desto weniger bin ich da. Je voller der Körper, desto leerer der Raum. Ich habe mir beigebracht, Leere zu verschlucken. Die fortgesetzte Entscheidung, mich selbst zu unterbrechen.
Das, was jetzt in mir auftaucht, darf nicht da sein.
Ich esse, um zu verschwinden.
Appetit wäre etwas anderes. Der entsteht, wenn der Sinn differenzieren kann. Wenn er schmeckt, statt zu füllen. Wer schmecken kann, braucht weniger. Wer nichts mehr schmeckt, braucht mehr. Abstumpfung.5
Hunger ist ein Geräusch. Oft das Geräusch von Gift, das seinen Nachschub verlangt.6 Wer adipös ist und Hunger spürt, hungert nicht. Er entwöhnt sich. Der Körper schreit, weil er aufhört, vergiftet zu werden.7 Wer jedes Verlangen ernst nimmt, bleibt krank. Wer lernt, Hunger auszuhalten, bekommt seinen Körper zurück.
Übergewicht ist eine Gehirnkrankheit
Über 2,5 Milliarden Erwachsene weltweit gelten als übergewichtig, 890 Millionen davon als fettleibig oder adipös. Jedes Jahr sterben 3,7 Millionen Menschen an den Folgen. Das entspricht der Bevölkerung Berlins. Und niemand bemerkt es, weil die Leichen über das ganze Land verteilt sind.8
Vor vierzig Jahren war Adipositas bei jungen Erwachsenen eine Seltenheit. Heute ist sie Normalzustand. Früher schlug man Kinder, bis sie aufhörten, zu leben. Heute füttert man sie, bis die Bauchspeicheldrüse aufgibt. Ersteres gilt als Gewalt.
In Industriestaaten führen Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Todesursachen-Statistik an. Medizinisch handelt es sich um Symptomkomplexe, nicht um Grundursachen. Übergewicht ist die Hauptursache von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und damit die weltweit tödlichste nicht-infektiöse Epidemie.9 Ein bedeutender Faktor für Übergewicht wiederum sind Umweltschadstoffe (Schwermetalle, Mikroplastik, Industrie- und Agrarchemikalien, Strahlung), gefolgt vom Mangel an essenziellen Nährstoffen (Vitamin D3, Omega-3-Fettsäuren).10
Was in meinem Körper passiert, wenn Fettgewebe über Jahre hinweg wächst, hat wenig mit Kalorien zu tun. Es geht um eine Kaskade zellulärer Ereignisse, die in meinen Fettzellen beginnt und in meinem Gehirn endet. Übergewicht löst im Fettgewebe einen chronischen Brand aus. Der überwindet dann die Schutzmauern des Gehirns, verursacht dort Neuroinflammation und legt zelluläre Kraftwerke lahm.
Ergebnis ist spürbarer kognitiver Abbau.
Fettleibigkeit ist langsamer Selbstmord.
Fettgewebe ist kein passiver Speicher, sondern ein Kontrollturm, der permanent mit dem Körper kommuniziert — ein Sender.11 Neurodegeneration ist nicht »body-positive«. Das Gehirn kennt keine Diskursethik. Es kennt Sauerstoff, Glukose und Entzündung. Biologische Systeme reagieren auf Belastung. Haltung interessiert sie nicht.
In gesundem Zustand reguliert es Appetit und Immunsystem. Aber wenn dieser Kontrollturm permanent überlastet wird, kippt das System. Die Fettzellen blähen sich auf. Irgendwann ist die Grenze erreicht, dann produziert der Körper einfach mehr Fettzellen. Erst dicker, dann mehr. Das wachsende Gewebe wird nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt. Sauerstoffmangel löst Stress in den Zellen aus. Diese senden Notsignale, und das Immunsystem reagiert.
Fettgewebe produziert Entzündungsbotenstoffe und Hormone, die die Blut-Hirn-Schranke stören. Die Forschung kennt sie unter Kürzeln wie IL-6, TNF-α, Leptin. Dem Gehirn ist die Nomenklatur egal. Kein akutes Fieber, sondern ein ständiges leises Schwelen im Hintergrund. Pathogene und Toxine dringen ins zentrale Nervensystem, lösen Neuroinflammation aus, die wiederum kognitiven Abbau beschleunigt.12 Immunzellen umzingeln tote oder sterbende Fettzellen. Unter dem Mikroskop erscheinen diese als kronenförmige Struktur.
Adipozyten und Makrophagen schütten Signalstoffe aus, die ins Gehirn wandern und dort das glymphatische System und die Hirnhäute verletzen. Das Gehirn wird von innen aufgefressen. Besonders betroffen sind Hirnareale nahe dem dritten Ventrikel, darunter der Hypothalamus. Das stört die Energiehomöostase und bewirkt kognitive Degeneration.13
Dieser Daueralarmzustand führt zu strukturellen Veränderungen. Die Synapsen werden beschädigt, die ganze Verkabelung gerät ins Chaos. Nervenzellen sterben ab, die Neubildung stockt. Der Hippocampus, zuständig für Lernen und Gedächtnis, leidet besonders. Eine fettreiche Ernährung führt messbar zu Defiziten im Arbeitsgedächtnis, eine direkte Verbindung von Ernährung über Entzündung bis zu kognitiven Leistungseinbußen.14
Die Mitochondrien produzieren über neunzig Prozent meiner Energie. Das Gehirn verbraucht rund zwanzig Prozent davon. Nervenzellen sind auf funktionierende Kraftwerke angewiesen, und genau diese Kraftwerke geraten bei Übergewicht unter Beschuss.
Wenn die Gehirnzellen ihre Energieversorgung verlieren, ist das ungefähr so wie eine ganze Stadt mit ein paar AA-Batterien zu betreiben. Wartungsprozesse fallen aus, was Schäden durch Neuroinflammation weiter verschärft. Angst steigt. Reizbarkeit steigt. Schlaf sinkt. Konzentration sinkt. Kreativität sinkt. Weil mein Körper im Alarmmodus ist.15
Hässlich werde ich. Und dümmer.
Der Schaden endet nicht an den äußeren Grenzen meiner Epidermis. Übergewicht macht meinen Körper zum Depot für Industrieabfälle. Fettgewebe speichert persistente organische Schadstoffe (POPs) — PCBs, Dioxine, Pestizide —, die sich aufgrund ihrer Lipophilie dort anreichern. Je mehr Fett, desto größer die Ladung.16 Das Gehirn ist das Endlager.
Wer die Umwelt vergiftet, vergiftet das Denken. Übergewicht und Umweltgifte degenerieren die menschliche Intelligenz. Industriestaaten produzieren beides im Überfluss.17
Übergewicht potenziert praktisch jeden anderen Risikofaktor. Und damit das klar ist: Nur weil jemand schlank aussieht, heißt das nicht, dass sein Stoffwechsel gesund ist. Menschen mit gleichem BMI, gleicher Größe und gleichem Alter können völlig unterschiedliche Mengen an innerem Fett haben.18
Es gibt zwei Hauptarten von Körperfett: Unterhautfettgewebe und viszerales Fettgewebe.
Unterhautfettgewebe macht bei gesunden Menschen etwa neunzig Prozent des gesamten Körperfetts aus. Viszerales Fett hingegen liegt tief unter der Bauchmuskulatur, in den Zwischenräumen um Leber, Darm und andere Organe.
Letzteres ist das gefährlichere Fett.19 Viszeralfettansammlung ist mit Insulinresistenz, Entzündungen und Fettstoffwechselstörungen assoziiert20, was wiederum Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Demenz begünstigt.
Der Spiegel zeigt nichts. Die Waage zeigt nichts. Der Bauchumfang lügt mit. Zwei Personen mit identischen 84 Zentimetern Bauchumfang können völlig unterschiedliche Mengen an viszeralem Fett tragen — der eine metabolisch gesund, der andere am Verrotten.21
Bei TOFI-Typen — »Thin Outside, Fat Inside« — tragen Menschen bei normalem BMI fast sechs Liter viszerales Fett. Die Medizin nennt es Normalgewichtsadipositas.22 Der Hausarzt nennt es kerngesund. Vier bis fünf Kilogramm metabolisch aktives Gewebe, das permanent Entzündungsstoffe produziert, während man sich schlank wähnt.23
Es gibt Menschen, die speichern Fett unter der Haut. Sichtbar, metabolisch harmlos. Und es gibt Menschen wie mich. Was andere puffern, landet bei mir zwischen den Organen.
Normalgewichtige Menschen mit Fett in der Körpermitte haben ein höheres Sterberisiko als übergewichtige oder adipöse Menschen mit normaler Fettverteilung.24
In einer 15-Jahres-Studie verfolgten Forscher junge Erwachsene. Nach Bereinigung aller Faktoren blieb kein statistisch nachweisbarer Zusammenhang zwischen BMI und Sterberisiko.25 Der BMI teilt Gewicht durch Körpergröße und ignoriert, woraus dieses Gewicht besteht. Er klassifiziert Kranke als gesund und Gesunde als krank. Für Übergewicht ist er so zuverlässig wie Bleigießen für Herzdiagnosen.
Übergewicht bildet mit dem Tabak die tödlichste aller Allianzen.26 Wer raucht und zunimmt, addiert nicht. Er multipliziert. Dreißig Prozent der Übergewichtigen rauchen. Doppelte Gehirnverwüstung.27 Während Rauchen die Kreativitätszentren (Präfrontalkortex, Precuneus) vernichtet, zerstört Übergewicht Belohnungs- und Kontrollzentren (frontaler und temporaler Kortex). Wer raucht und zugleich übergewichtig ist, verstärkt seine nikotinbedingte Neurodegeneration exponentiell. Schon leichtes Übergewicht — nicht erst Adipositas — genügt.
Raucher sehen schlanker aus, da Nikotin den Stoffwechsel künstlich anheizt. Doch ihr Bauchfett wuchert toxischer, die Fettverteilung wird pathologisch. Je mehr Zigaretten, desto mehr viszerales, verstecktes Fett. Nach meinem Rauchstopp kamen fünfundzwanzig Kilo. Suchtverschiebung durch Bier, Salz, fettreiche Kost. Auch Salz ist ein Betäubungsmittel. Das viszerale Fett explodierte, weil mein Körper Unterhautfett nicht speichern kann. Der zerstörte Stoffwechsel liefert die perfekte Rückfall-Ausrede.28
Bei Langzeitrauchern schrumpft das Stirnhirn, der parietale Kortex versucht krampfhaft zu kompensieren. Bei Übergewichtigen kollabieren zusätzlich die Kontrollzentren. Beide Schädigungsmuster überlagern sich, das Gehirn verwebt beide Süchte unlösbar. Getrennte Therapien scheitern systematisch. Raucherstudien ohne Gewichtskontrolle sind Selbsttäuschung — sie unterschätzen die wahre Zerstörung.29
Schönheit
Michelangelos David. Das ist ein schöner Körper. Kein Schwabbeln, keine Aufblähung. Klarheit, in Stein gehauen.
Gesundheit ist schön. Ein dünner Körper ist schön. Wer heute »normalgewichtig« sagt, meint meist Übergewicht. Das Wertesystem ist so verzerrt, dass tatsächliches Normalgewicht als anorektisch gilt.
Ein Körper, der wenig trägt, kann viel leisten. Ein Körper, der nicht entzündet ist, denkt klarer. Ein Körper, der nicht vollgestopft ist, fühlt präziser. Dünnheit heißt nicht Verhungern. Das hat man uns beigebracht. Damit wir Schönheit relativieren. Damit wir Krankheit nicht benennen, nur bezahlen. Das Ergebnis — Verwirrung. Wir sehen Krankheit. An uns. An anderen. Wir schweigen. Sind wirr im Kopf. Manchmal sogar so wirr, dass wir denken, das sei normal.
Wenn zwei Drittel der Leute in deiner Umgebung übergewichtig sind, kommt dir Gesundheit plötzlich radikal vor. Glaubst du ernsthaft, deine Wahrnehmung ist ungetrübt?
Ein fetter Körper ist sensorisch laut. Man sieht ihn, bevor man ihn erkennt. Man riecht ihn, bevor man ihn berührt. Süßlich, säuerlich, abgestanden riecht er. Nicht wegen der Hygiene, sondern wegen des Stoffwechsels — er ist entzündet. Schweiß trieft aus seinen Poren. Haut, die spannt, glänzt, aufgedunsen wirkt. Bewegungen, die nicht fließen, sondern geschoben werden. Aber er liebt sich. Sagt er.
Beim Sitzen sackt der fette Körper zusammen. Die Wirbelsäule gibt nach, als würde sie wissen, dass sie zu viel tragen muss. Die Schultern fallen nach vorne. Der Brustkorb kollabiert. Der Atem bleibt oben hängen — flach, unruhig, immer zu kurz.
Das habe ich alles am eigenen Leib erfahren. Es ist keine Stigmatisierung, nur Lebenserfahrung plus Beobachtung. Der fettgefressene und gesoffene Körper ist ständig beschäftigt. Mit sich selbst, dem eigenen Dafürhalten, den eigenen Wahnsinnsideen. Er braucht Pausen, bevor er begonnen hat. Er schwitzt ohne Anlass. Er sucht Halt, wo kein Halt ist. Fetter, stinkender, kranker Körper. Und diese Kultur nennt das Akzeptanz.
Du siehst es im Gesicht. Nicht als Schuld, sondern als Zeichen. Die Augen wirken stumpf. Der Blick hat keine Tiefe. Die Mimik grob. Mikroreaktionen hinfort getilgt, weil das Nervensystem bereits mit Grundrauschen ausgelastet ist.
Ein dünner Körper dagegen. Der wirkt leer. Und das macht ihn schön. Leer sein heißt frei. Die Haut liegt ruhig auf dem Muskel, kein Druck von innen. Die Bewegung ist ökonomisch. Ein Schritt ist keine Verhandlung. Ein Atemzug ist tief, geräuschlos, vollständig. Schön ist das, ganz ohne dass mein Denken das mit »positivity« verklebt.
Einfach gesunder Menschenverstand. Intuition.
Dünner schöner gesunder Körper riecht nach nichts. Er steht im Raum, ohne ihn zu dominieren. Nimmt Platz ein, ohne sich auszubreiten. Präsenz ohne Masse. Wirkung ohne Volumen. Michelangelos David zeigt einen Körper, der nicht gegen sich selbst arbeitet. Körper, die kämpfen könnten. Keine Körper, die sich selbst wie Abfall verwalten.
Wer nicht mit sich selbst beschäftigt ist, kann sich der Welt zuwenden.
Für das Gehirn dasselbe. Ein von Alkohol, Zucker, Koffein und Dauerreiz zerstörtes Gehirn ist nicht authentisch. Es ist vernebelt. Dass man diesen Nebel heute Identität nennt, ändert nichts daran, was er ist. Gesundheit ist nicht verhandelbar. Wer aufhört, sich zu vergiften, wird schöner. Wahrnehmbarer, klarer, anwesender. Wer es nicht tut, stinkt einfach.
Biologie ist unhöflich. Sie fragt nicht nach Identität. Sie fragt nach Blutwerten. Entzündungsmarkern. Taillenumfang. Arterien. Biologie ist Realität. Du kannst acht Semester Soziologie studieren. Du stinkst immer noch. Und die Mode, Realität als Gewalt zu lesen, ändert die Physik ebenso wenig. Du stinkst.
Man kann die Wahrnehmung umschreiben. Man kann sie psychotisch brechen. Man kann Sprache verbiegen. Man kann Statistiken auslegen. Aber man kann Entzündung nicht wegdiskutieren. Der Körper bleibt unerbittlich analog. Und genau deshalb ist er der Ort, an dem jedwede Ideologie scheitert.
Auch deine.
Es gibt zwei Arten Frieden. Der eine ist Betäubung. Es ist halt so. Ich bin so. Lass mich. Der andere ist Realität. Es ist so. Und es kann anders werden. Der erste kostet das Leben, mal langsam, mal schnell. Der zweite kostet kurzfristig Komfort.
Ich muss wählen. Identität oder Körper.
Beides geht nicht.



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Redaktioneller Hinweis: Die wissenschaftlichen Aussagen in diesem Text basieren auf begutachteter Fachliteratur. Biografische Passagen sind Erfahrungsbericht, keine Verallgemeinerung. Es bestehen keine Interessenkonflikte. Meinungen sind kein Ersatz für Daten.GBD 2021 Risk Factors Collaborators, »Global burden and strength of evidence for 88 risk factors in 204 countries and 811 subnational locations, 1990–2021: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2021«, in: The Lancet, Vol. 403, 18.05.2024, 2162—203.
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