Nikotin schreibt eine Leiche. Die Leiche läuft noch. Dreißig Mal am Tag dockt die Substanz an nikotinische Acetylcholinrezeptoren, löst Dopamin aus, erzeugt eine Minibelohnung, die so kurz ist, dass sie schon beim Ausatmen verfällt. Was bleibt, ist der nächste Hunger. Ein Belohnungssystem, das nie ankommt. Ein Gehirn, das seine eigene Stille nicht aushält und deshalb permanent den Kontext wechselt, permanent reagiert, permanent nach dem nächsten Reiz greift. Von außen sieht das aus wie Lebendigkeit. Energie. Kreativität sogar. Von innen ist es ein Organismus, der sich selbst verbrennt, um die Unruhe zu stillen, die er selbst erzeugt. Die Hülle funktioniert. Die Hülle plant, spricht, arbeitet, erscheint pünktlich. Was sie antreibt, ist kein Wille, nur die Reparatur eines Schadens, den die Substanz selbst anrichtet. Die Leiche läuft, weil sie nicht weiß, dass sie tot ist.
Niemand hört gern, dass er jahrelang nicht er selbst war. Dass der Charakter, den man sich zugeschrieben hat, eine Nebenwirkung war. Dass die Identität, an der man hängt, ein pharmakologisches Artefakt ist, das nach Teer riecht und nach Ausrede schmeckt. Der Irrtum ist zu glauben, man kenne sich selbst, während eine brennende Pflanze die Drehbücher schreibt.
Ich habe sieben Jahre lang geraucht und in diesen sieben Jahren nahezu nichts zu Ende gebracht. Drei Jahre schrieb ich an einem Buch über die ökologischen Bedingungen weltweiter Epidemien. Dreibändig. Über zweitausend Seiten.1 2022 hätte es erscheinen sollen. Ich brach bei fünfundneunzig Prozent ab. Bücher angefangen, Projekte aufgesetzt, Strukturen gebaut. Ich sah aus wie jemand, der arbeitet. Was fehlte, war das Ergebnis.
Fünfundneunzig. Und dann Abbruch. Wie jemand, der ein Kind achtzehn Jahre lang großzieht und es am Tag vor der Volljährigkeit aussetzt. Irgendwas kam immer dazwischen. Ein neuer Gedanke, eine andere Dringlichkeit. Das Gefühl, dass das hier nicht das Richtige ist. So vergingen Jahre, in denen ich an Büchern schrieb, die niemand las, weil sie niemand lesen konnte, weil sie nicht fertig waren. An Projekten arbeitete, die nie die Oberfläche erreichten. An Ideen, die verrotteten, während ich die nächste verfolgte.
Ich dachte, es läge an meinem Charakter. Vielleicht eine Neurose, vielleicht Prokrastination, vielleicht irgendeine Persönlichkeitsstörung, für die es einen Namen im ICD-11 gibt, den ich nicht kannte. Oder ich wäre einfach »neurodivers«, wie man heute sagt, als würde man Herzinfarkt und erhöhten Ruhepuls unter »kardiodivers« zusammenfassen und beiden dieselbe Selbsthilfegruppe anbieten.2 Die Erklärung war immer psychologisch. Oder moralisch. Ich bin halt so.
Eine Ausrede.
Das andere Symptom war subtiler und deshalb gefährlicher. Sieben Jahre lang konnte ich nicht unterscheiden, was wichtig ist. Intellektuell konnte ich Prioritätenlisten schreiben. Aber sie hatten kein Gewicht. Nebensächlichkeiten fraßen Stunden. Ein Satz von jemand anderem, und ich war weg. Wehrlos gegen jeden Einwurf von außen. Signal und Rauschen waren nicht zu trennen. Mein Mitbewohner hätte im Nebenzimmer ersticken können, und mein Gehirn hätte es für genauso dringend gehalten wie die Espressomaschine, die fertig ist. Aber Wichtigkeit spürt man eher, als dass man sie denkt. Bei mir: nichts. Irgendwas fehlte. Interozeption, Felt Sense, das Kompass-Ding. Und ich hielt es für einen Charakterfehler. Unreife. Etwas, das in mir nicht richtig verdrahtet war.
Und dann habe ich aufgehört zu rauchen.
Zwei Dinge passierten, die ich nicht erwartet hatte. Nicht die offensichtlichen — mehr Luft, mehr Energie, wieder Sport.
Meine Projekte gingen auf einmal zu Ende.
Nicht, weil ich disziplinierter wurde. Nicht, weil ich ein Buch über Produktivität gelesen hätte, einen Coach engagiert oder andere kostenpflichtige Ausreden gekauft. Nichts hatte sich verändert. Kein neues Wissen, kein neues Ereignis. Alles exakt wie vorher. Nur diese eine Sache: Ich rauchte nicht mehr. Und plötzlich liefen zehn Projekte gleichzeitig, chaotisch wie immer, und jedes einzelne bewegte sich auf sein Ende zu. Wurde fertig. Ging nach draußen. Wurde Wirklichkeit. Ich begann, die unfertigen Bücher anzugehen. Dasselbe Chaos in produktiv.
Und dann das Seltsame. Ich spürte plötzlich, was wichtig ist.
Signal und Rauschen waren getrennt. Ich konnte Nein sagen zu Dingen, die ich mochte. Prioritäten setzen als körperliche Selbstverständlichkeit. Als hätte jemand das Licht angemacht in einem Raum, in dem ich sieben Jahre gegen Wände gelaufen war und dachte, das gehört zum Leben. Als wäre etwas gestorben, das ich für mich gehalten hatte.
Dafür hatte ich nichts getan, außer aufzuhören.
Nikotin ist kein Beruhigungsmittel, sondern ein Taktgeber. Es dockt an nikotinische Acetylcholinrezeptoren an und löst Dopaminausschüttung im Belohnungssystem aus.3 Ich habe mein Gehirn über sieben Jahre auf folgenden Zyklus trainiert: Reiz, Minibelohnung, kurze Fokussierung, Dopaminabfall, innere Unruhe, Reizsuche. Das erzeugt ein Arbeitsmuster, das sich anfühlt wie Persönlichkeit, aber keine ist. Hohe Anfangsenergie, schnelle Aktivierung, dann irgendwann um die neunzig Prozent ein Abfall. Ein leises Kippen, das sich anfühlt wie Interessenverlust. In Wirklichkeit ist es Dopaminökonomie. Das System will seine nächste Mikrobelohnung. Und der einfachste Weg dahin war sieben Jahre lang die Zigarette.
Zweitausend Seiten, mit Tinte auf Papier geschrieben, drei Jahre lang, jeder Satz von Hand. Und irgendwann wurde die Tinte farblos. Gleichzeitig fing etwas anderes an zu leuchten. Eine Idee, eine Aufgabe, irgendetwas, das glitzerte, das einen Appetit erzeugte, der sich anfühlte wie Dringlichkeit, aber keine war. Mein Blick drehte sich, ohne dass ich es entschied. Von außen änderte sich nichts. Ich saß noch da, ich schrieb noch. Nur nicht mehr am Richtigen.
Feinschliff ist dopaminarm. Ein Gehirn, das an rhythmische Impulse gewöhnt ist, wechselt den Kontext, bevor es dort ankommt. Ich habe nicht versagt. Das neuronale Kosten-Nutzen-Verhältnis war gekippt.
Nikotin wirkt kurzfristig fokussierend.4 Das ist der Trick, und er ist perfide. Raucher denken, sie denken besser mit Zigarette. Kurzfristig stimmt das. Mittelfristig verschiebt Nikotin die Grundstimmung. Der Alltag eines Rauchers ist ein ständiges Pendeln zwischen leichtem Entzug, Stimulation, kurzer Stabilisierung und erneuter Dysbalance.5 Das erzeugt genau das Muster, das ich sieben Jahre lang für meinen Charakter hielt. Wenn das Gehirn permanent mikroreguliert, bleibt für Priorisierung nicht genug Kapazität.
Interozeption braucht Ruhe. Signal braucht Kontrast. Und Rauchen erzeugt permanenten Mikrolärm.
Erst als der Taktgeber verstummte, wurde der Raum hörbar. Zuerst kam Chaos. Entzug, Reizbarkeit, das übliche neurologische Aufräumen. Aber dann kalibrierte sich das System neu. Die Grundlinie wurde still. Sieben Jahre lang hatte ich in derselben Welt gelebt und auf eine andere reagiert. Signale als Hintergrundrauschen, Rauschen als Signal. Und dann, auf ruhiger Grundlinie, bekamen die Schemen Kontur. Körper, Farbe, Gewicht. Zum ersten Mal seit sieben Jahren hatte das Kompass-Ding wieder eine Nadel.
Früher hatte mir jemand gesagt, als Raucher könne man nichts erreichen im Leben. Ich hielt das für einen dümmlichen Satz. Stammtischstatistik.
Natürlich gibt es berühmte Raucher. Einflussreiche, produktive, brillante Raucher. Rauchen macht nicht automatisch unfähig. Aber die Kosten beweist es nicht weg. Man sieht bei berühmten Menschen nur das Ergebnis. Nicht das Verbluten nach innen. Man sieht das Buch, nicht die fünf abgebrochenen davor. Und viele dieser berühmten Raucher hatten etwas, das die meisten Menschen nicht haben: Teams, Deadlines, Redakteure, Produktionszwänge, externe Struktur, die kompensiert, was intern leckt. — Oder sie wurden berühmt, bevor die Rechnung kam.
Rauchen verschlechtert das Verhältnis von Aufwand zu Output.6 Viel Aktivität, wenig Fertigstellung. Mehr Kontextwechsel, schlechtere Prioritätenspur. Die Gehirnsysteme, die dafür sorgen, dass man bei der Sache bleibt, werden beim Rauchen belastet.7 Die Kapazität, die das Rauchen frisst, fehlt genau dort, wo Fertigstellung passiert: im langweiligen, dopaminarmen Endstück.
Die Forschung hat einen Namen dafür: Task Persistence.8 Die Fähigkeit, an etwas dranzubleiben, auch wenn es aufgehört hat, sich gut anzufühlen. Genau das hat bei mir sieben Jahre lang nicht funktioniert. Mein System verbrannte die nötigen Ressourcen anderweitig. Sieben Jahre lang hat mein Körper gearbeitet, während ich zugesehen habe.
Ich war die ganze Zeit da. Nur nicht ich.
Wer hier mitliest, kennt die Befundlage. Nikotin erhöht das Demenzrisiko, degradiert die Konnektivität zwischen Hirnarealen und legt das Default-Mode-Netzwerk lahm. Die Forschungslage ist eindeutig.9
Das Silicon Valley verkauft Nikotin jetzt als Nootropikum.10 Pflaster gegen Alzheimer, Kaugummis für Konzentration, Pouches als kognitives Upgrade. Eine Substanz, die Demenz beschleunigt, als Demenzprävention. Von einer Szene, die ihre Schlafzyklen auf die Minute trackt, ihr Blut vierteljährlich analysieren lässt und sich für die kognitive Speerspitze der Spezies hält.
Das ist nicht neu. 1929 enthielt das Originalrezept von 7-Up Lithiumcitrat. Stimmungsaufheller als Limonade, für die ganze Familie. Man hat es irgendwann rausgenommen.11
Die Römer süßten ihren Wein mit Bleizucker. Es schmeckte hervorragend. Es vergiftete die Oberschicht, kumulativ, irreversibel.12 Zweitausend Jahre später süßt die Tech-Branche ihre Kognition mit Nikotin. Es schmeckt nach Leistung, nach Vorsprung, nach Kontrolle. Was kumuliert, ist keins davon. Die Römer wussten es nicht. Die Biohacker könnten es wissen.
Sie wollen nur nicht.
1949 bekam Egas Moniz den Nobelpreis für die Lobotomie. Sein Kollege Walter Freeman fuhr danach mit einem Van durch die USA und trieb Patienten einen Eispickel durch die Augenhöhle. Zwanzig Minuten, ambulant, revolutionär. Zehntausende wurden lobotomiert. Die Fachwelt applaudierte. Heute schieben sich dieselben Leute, die raffiniertem Zucker abschwören, weil er Entzündungswerte erhöht, ein Nervengift zwischen Oberlippe und Zahnfleisch und nennen es Protokoll.13
Freeman war wenigstens so ehrlich, seinen Eispickel Eispickel zu nennen.
Aber nehmen wir für einen Moment an, sie hätten recht.
Die Datenlage für kurzfristige Effekte existiert. Nikotin kann Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis pushen.
Kurzfristig. In Einzeldosen. Bei Nichtrauchern.14
Bei chronischem Gebrauch verschwindet der Effekt.15 Was bleibt, ist ein Gehirn, das Nikotin braucht, um dort anzukommen, wo ein Nichtraucher morgens nach dem Aufstehen ist. Man nimmt eine Substanz, um so zu funktionieren, wie man ohne sie funktioniert hätte. Zinsen auf einen Kredit, den man nie erhalten hat.
Die Folgen sind messbar. Arbeitszyklen, die an der Substanz hängen. Kontextwechsel als Reflex. Motivation, die nur noch von außen kommt. Raucher arbeiten gegen ihr Belohnungssystem und verlieren. Schleichend, über Jahre, bis sie das Muster für sich selbst halten.
Der Mechanismus ist immer derselbe. Nikotin dockt an, Dopamin schießt ein, und für zwanzig Minuten fühlt sich alles schärfer, klarer, dringlicher an. Das Gehirn hält es für Wahrheit. Es ist keine. Es ist derselbe Trick, der mich sieben Jahre lang bei neunzig Prozent hat abbrechen lassen. Dieselbe Substanz, die meine Tinte farblos machte und Nebensächlichkeiten zum Leuchten brachte, verkauft diesen Leuten das Gefühl, sie hätten gerade einen kognitiven Durchbruch. Die Gedanken fühlen sich bedeutend an, weil Dopamin Bedeutung simuliert. Das Urteil fühlt sich klar an, weil Nikotin Klarheit simuliert. Nicht Realität spricht. Die Droge spricht und klingt dabei wie der eigene Verstand. Wer das nicht durchschaut, verwechselt sein neurochemisches Rauschen mit Erkenntnis. Und wer es mit Erkenntnis verwechselt, macht ein Evangelium daraus. Dann missioniert er. Empfiehlt Pouches in Podcasts, schreibt Protokolle, konvertiert Follower. Und richtet bei anderen genau den Schaden an, den er bei sich selbst nicht sehen kann, weil die Substanz den Blick vernebelt, mit dem er sich selbst betrachten müsste.
Die zwei Dinge, die bei stabilem Dopamin zurückkehren — der Drang, fertigzumachen, und das Gespür für Wichtiges —, sind Baselineeffekte. Keine Motivationssache. Sie kehren zurück, wenn das System aufhört, sich selbst zu regulieren, und anfängt, die Welt zu regulieren.
Entscheidungen sind Zustandsprodukte.
Wenn das stimmt, tilgt es die gesamte Vorstellung von Willenskraft und rationaler Selbststeuerung. (Die Neurobiologie belegt, dass es stimmt.) Wer fragt Was will ich, fragt am Willen vorbei.
Nicht Was.
Woraus.
Äußerlich nichts anders. Innen ein anderer Neurotransmittertakt. Weniger Dopaminfluktuation, weniger Cortisolspitzen.16 Und aus dieser Grundlinie verschob sich alles: Durchhaltefähigkeit, Wichtigkeitsgespür.17 Alles, was ich mir als Charakterreifung gewünscht hatte, stellte sich als neurochemische Stabilisierung heraus.
Und niemand sagt das so klar, weil wir moralisch denken wollen. Wir lieben Charaktertheorien. Sie geben uns das Gefühl, Herr im eigenen Haus zu sein. (Wie Freud sagte, bevor er Kokain nahm, um trotzdem so zu tun.)
Du dachtest, du bist kaputt. Du hast nur geraucht.
Identität plus Gewohnheit plus Dopamin ergeben irgendwann Charakter — oder was man dafür hält. Wenn das dann wegfällt, fühlt man sich fremd statt befreit. Weil die alte Selbstdiagnose nicht mehr stimmt und das Neue noch keinen Namen hat. Das ist der Moment, in dem viele wieder anfangen zu rauchen. Weil die alte Identität vertraut ist. Weil die neue Stille Angst macht.
Sieben Jahre Charakterproblem, das am Ende ein permanenter Rezeptorloop war.
Der Körper hat mehr Stimmrecht, als wir wahrhaben wollen. Und ich habe ihn sieben Jahre lang wählen lassen.
Das ist kein Spezialfall des Rauchens. Die Logik dahinter ist universell.
Wenn Entscheidungen Zustandsprodukte sind, dann ist auch Traurigkeit kein Zufall. Traurigkeit ist ein Ort. Man lebt nicht in Gefühlen. Man lebt in dem biochemischen Milieu, aus dem sie entstehen.
Was für Nikotin gilt, gilt für jeden biochemischen Saboteur. Entzündung, Schlafmangel, metabolische Toxizität. Dasselbe Muster, andere Substratebene. Das Gehirn ist ein Organ in einem physiologischen Milieu. Kein abstraktes Ding, das unabhängig vom Körper entscheidet. Und wenn dieses Milieu toxisch ist — entzündet, überlastet —, entscheidet das Gehirn anders. Ich bin depressiv, also muss ich an meiner Einstellung arbeiten. Ich bringe nichts zu Ende, also fehlt mir Disziplin. Diese Geschichten sind falsch und schädlich. Weil sie die Aufmerksamkeit von dem ablenken, was tatsächlich passiert: eine materielle Störung auf zellulärer Ebene, die sich als psychisches Problem verkleidet.
Persönlichkeit ist Zustandsprodukt. Zu einem größeren Anteil, als irgendjemand zugeben will. Was du isst, rauchst, trinkst, ob du schläfst. Biologie, nicht Biografie.
Menschen verteidigen ihr Normalitätsgefühl. Und das ist schwerer aufzugeben als jede Substanz, weil man dafür zugeben müsste, dass der eigene Alltag eine Abhängigkeit enthält, die man nie als solche erkannt hat. Nicht die Abhängigkeit von der Substanz. Die ist offensichtlich. Sondern die Abhängigkeit von dem Selbstbild, das die Substanz erzeugt hat.
Ich bin halt chaotisch. Ich bin halt nicht der Typ dafür.
Ich bin halt ich.
Es gibt nichts Schmeichelhaftes daran. Substanz raus. Körper funktioniert. Ende des Rezeptorloops. Und eine ganze Zivilisation voller Menschen, die glauben, sie seien psychisch krank, während ihre Zellen in einem Milieu ersticken, das wir selbst erzeugt haben.
Dass Rauchen schadet, weiß jeder. Dass Depression biologisch ist, ahnen viele. Das ist nicht die unbequeme Wahrheit. Die unbequeme Wahrheit ist, dass ein Großteil dessen, was wir für Persönlichkeit halten, Stoffwechsel ist. Dass die Geschichten, die wir über uns erzählen, von unseren Neurotransmittern geschrieben werden. Und dass wir es vorziehen, uns für charakterschwach zu halten, als zuzugeben, dass eine Substanz, eine Entzündung, ein zellulärer Müllhaufen unser Selbstbild infiltriert hat.
Wir verwechseln Biochemie mit Identität, solange die Biochemie uns sabotiert.
Und dann wundern wir uns, wer wir sind, wenn die Sabotage aufhört.
Man verteidigt nicht die Zigarette. Man verteidigt die Identität, die man sich angeraucht hat.
Redaktioneller Hinweis: Die wissenschaftlichen Aussagen in diesem Text basieren auf begutachteter Fachliteratur. Biografische Passagen sind Erfahrungsbericht, keine Verallgemeinerung. Es bestehen keine Interessenkonflikte. Meinungen sind kein Ersatz für Daten.Die freundlichste Form der humanen Verwahrlosung: Man diagnostiziert nicht mehr, man inkludiert. Und wer inkludiert ist, braucht keine Hilfe — nur Akzeptanz. Inklusion als Sparmaßnahme.
Jian Jiang, Xia Li, An-fu Hu, et al., »Nicotine and neuronal nicotinic acetylcholine receptors: unraveling the mechanisms of nicotine addiction«, in: Frontiers in Neuroscience, Vol. 19, 17.10.2025, 1670883.
Stephen J. Heishman, Bethea A. Kleykamp, Edward G. Singleton, »Meta-analysis of the acute effects of nicotine and smoking on human performance«, in: Psychopharmacology, Vol. 210, Issue 4, Juli 2010, 453—69.
Chronische Nikotinexposition senkt den basalen Dopaminspiegel im Nucleus accumbens. Nach Entzug ist die Dopamin-Baseline reduziert, gleichzeitig wird die phasische Reaktion auf erneute Nikotingabe verstärkt.
Lifen Zhang, Yu Dong, William M. Doyon, John A. Dani, »Withdrawal from chronic nicotine exposure alters dopamine signaling dynamics in the nucleus accumbens«, in: Biological Psychiatry, Vol. 71, Issue 3, 01.02.2012, 184—91.
Akute Nikotinexposition aktiviert phasisches Burst-Feuern (D1-vermittelt), chronischer Entzug reduziert das tonische Feuern (D2-vermittelt).
Taryn E. Grieder, Olivier George, Huibing Tan, et al., »Phasic D1 and tonic D2 dopamine receptor signaling double dissociate the motivational effects of acute nicotine and chronic nicotine withdrawal«, in: PNAS, Vol. 109, Issue 8, 21.02.2012, 3101—6.
Bei chronischen Rauchern sind Aufmerksamkeit und Gedächtnis signifikant beeinträchtigt. Zudem zeigen Raucher höhere kognitive Impulsivität (gemessen als reduzierte Fähigkeit zum Belohnungsaufschub).
A. A. Conti, L. McLean, S. Tolomeo, et al., »Chronic tobacco smoking and neuropsychological impairments: A systematic review and meta-analysis«, in: Neuroscience & Biobehavioral Reviews, Vol. 96, Januar 2019, 143—54.
Timothy C. Durazzo, Dieter J. Meyerhoff, Sara Jo Nixon, »Chronic Cigarette Smoking: Implications for Neurocognition and Brain Neurobiology«, in: International Journal of Environmental Research and Public Health, Vol. 7, Issue 10, 21.10.2010, 3760—91.
Natalia A. Goriounova, Huibert D. Mansvelder, »Short- and Long-Term Consequences of Nicotine Exposure during Adolescence for Prefrontal Cortex Neuronal Network Function«, in: Cold Spring Harbor Perspectives in Medicine, Vol. 2, Issue 12, Dezember 2012, a012120.
Marc L. Steinberg, Jill M. Williams, Kunal K. Gandhi, et al., »Task Persistence Predicts Smoking Cessation in Smokers with and without Schizophrenia«, in: Psychology of Addictive Behaviors, Vol. 26, Issue 4, 28.05.2012, 850—8.
Rebecca L. Ashare, Mary Falcone, Caryn Lerman, »Cognitive Function During Nicotine Withdrawal: Implications for Nicotine Dependence Treatment«, in: Neuropharmacology, Vol. 76, Part B, Januar 2014, 581—91.
Guochao Zhong, Yi Wang, Yong Zhang, et al., »Smoking Is Associated with an Increased Risk of Dementia: A Meta-Analysis of Prospective Cohort Studies with Investigation of Potential Effect Modifiers«, in: PLOS ONE, Vol. 10, Issue 3, 12.03.2015, e0118333.
Sarah W. Yip, Sarah D. Lichenstein, Kathleen Garrison, et al., »Effects of Smoking Status and State on Intrinsic Connectivity«, in: Biological Psychiatry: Cognitive Neuroscience and Neuroimaging, Vol. 7, Issue 9, September 2022, 895—904.
Priya Anand, »Zyn, nicotine pouches gain traction with office workers«, in: Mercury News [Bloomberg], 01.02.2024.
Kam 1929 unter dem Namen Bib-Label Lithiated Lemon-Lime Soda mit Lithiumcitrat auf den Markt. 1948 verbot die FDA Lithiumcitrat in Softdrinks.
Ada McVean, »7 Up: Originally an Antidepressant«, in: McGill University, Office for Science and Society, 17.06.2017.
Josef Eisinger, »Lead and wine. Eberhard Gockel and the colica Pictonum«, in: Medical History, Vol. 26, Juli 1982, 279—302.
George A. Mashour, Erin E. Walker, Robert L. Martuza, »Psychosurgery: past, present, and future«, in: Brain Research Reviews, Vol. 48, Issue 3, Juni 2005, 409—19.
Heishman et al. 2010.
Zhang et al. 2012; Grieder et al. 2012.
Raucher zeigen eine bis zu zwanzig Prozent reduzierte Dopaminsynthese-Kapazität.
Lena Rademacher, Susanne Prinz, Oliver Winz, et al., »Effects of Smoking Cessation on Presynaptic Dopamine Function of Addicted Male Smokers«, in: Biological Psychiatry, Vol. 80, Issue 3, 01.08.2016, 198—206.
Raucher haben signifikant höhere Cortisolwerte über den gesamten Tag, einschließlich höherer Cortisol-Aufwachreaktion.
Andrew Steptoe, Michael Ussher, »Smoking, cortisol and nicotine«, in: International Journal of Psychophysiology, Vol. 59, Issue 3, März 2006, 228—35.
Rauchen verursacht mehr Cortisol im Ruhezustand, weniger Anpassungsfähigkeit bei Stress.
Nicolas Rohleder, Clemens Kirschbaum, »The hypothalamic—pituitary—adrenal (HPA) axis in habitual smokers«, in: ebd., 236—43.
Nikotinentzug erzeugt Defizite in Arbeitsgedächtnis und kognitiver Kontrolle — den Voraussetzungen für zielgerichtetes Verhalten. Diese Defizite sagen Rückfälle vorher.
Ashare et al. 2014.





