Ein Mann, der sterben will, legt sich unter einen Ginsterbusch und bittet Gott, ihn zu holen. Dann fastet er vierzig Tage. Am Ende spricht Gott zu ihm, im stillen, sanften Sausen. Im Moment maximaler Stille nach maximalem Entzug.
Das ist Elias. Erstes Buch der Könige, Kapitel neunzehn. Suizidaler Prophet, Wüste, Fasten, Transformation. Dieselbe Struktur wie bei Moses, Jesus, Buddha, den Tendai-Mönchen, den Lakota, den Sufis.
Dieselbe Struktur wie bei mir.
Fasten war immer Trockenfasten. Zweieinhalbtausend Jahre lang. Wüstenväter, Islam, Tendai-Mönche, Pythagoras. Dann wurde Fasten umdefiniert. Im 20. Jahrhundert verschwand das Fasten hinter einem Wort, das jetzt etwas anderes bedeutet. Und ich treffe Leute, die zu mir sagen: »Wasserfasten ist doch auch Fasten.«
Sie meinen das ernst.
Die Intervallfasten-Industrie mit ihren 16-zu-8-Ratgebern und Brühe-Rezepten und fastenbegleitenden Verzichtsprothesen hat genau eine Funktion. Leuten ein Gefühl verkaufen, ohne dass echtes Fasten stattfindet. Echtes Fasten heißt echte Heilung. Aber an Heilung verdient niemand. An einem vollen Darm schon. Die Autophagie hat nicht mal angefangen, und jemand kassiert 99 Euro dafür, dir zu erklären, wie man sechzehn Stunden nichts isst. Sechzehn Stunden. Meine slawischen Vorfahren nannten das Ausschlafen.
Pythagoras fastete vierzig Tage. Dann verlangte er dasselbe von seinen Schülern.1 Der Mann, der die Grundlagen der westlichen Mathematik legte, betrachtete Fasten als Voraussetzung für Denken. So wie für mich Schreiben Voraussetzung für Denken ist. Die Wüstenväter kannten keine Tendai-Mönche. Die Lakota kannten keinen Pythagoras. Und alle landen auf demselben Punkt, einem Körpersignal, älter als die Sprache, die es beschreibt.
Die moderne Psychiatrie hätte Elias Antidepressiva gegeben. Stationäre Aufnahme, Krisenintervention, pharmakologische Stabilisierung. Elias wäre nie in die Wüste gegangen, er hätte nie gefastet, er hätte Gott nie gehört. Er wäre ein stabilisierter Patient geworden, der seine SSRIs nimmt und funktioniert.
Jesus von Nazareth war vierzig Tage in der judäischen Wüste. Er ging als Niemand aus Nazareth. Als Bretterschlepper, der keine Aufträge mehr bekam. Er kam zurück und drei Jahre später brannte der Mittelmeerraum.
Moses war vierzig Tage auf dem Sinai, als Flüchtling und Mörder. Er stieg auf den Berg und kam mit den Gesetzestafeln wieder herunter.2
»Es ist genug! So nimm nun, Herr, meine Seele.« — Sagte Elias. Ein Mann, der sterben will, fastet stattdessen, und am Ende findet er Gott.
Siddhartha Gautama fastete bis zum Skelett. Die Haare fielen büschelweise aus, die Haut wurde grau.3 Er konnte seine Wirbelsäule von vorne durch den Bauch ertasten. Sechs Jahre lang. Er kam an die Pforte des Todes und fand dort nichts.4 Dann brach er das Fasten, mit einer Schale Reisbrei von einer Frau namens Sujata, und erlangte unmittelbar Erleuchtung.
Jahrelange Hungerphase hemmt die MAO-Aktivität. Die plötzliche Zufuhr von Tryptophan und Kohlenhydraten löste eine serotonerge Überflutung aus.5 Fasten plus Refeed gleich neurochemischer Urknall.
Die Marathonmönche von Mount Hiei, Kaihōgyō genannt, unterwerfen sich dem härtesten dokumentierten Fastenritual der Welt. Nach fünf Jahren Laufen folgt das Dōiri: bis zu neun Tage ohne Nahrung, Wasser und Schlaf.6 Zwei Wächter sitzen neben dem Mönch, um sicherzustellen, dass er nicht einschläft oder trinkt. Das Ritual ist eine Nahtoderfahrung.
Der Mönch trägt bei der gesamten siebenjährigen Praxis ein Seil und einen Dolch bei sich. Falls er scheitert, muss er sich selbst töten. Am letzten Tag des Fastens sind die Mönche so schwach, dass sie gestützt werden müssen. Ein zwölfminütiger Gang dauert nun über eine Stunde.7
Sterben vor dem Sterben — seit dem vierzehnten Jahrhundert. Längste kontinuierliche Dokumentation von Trockenfasten in der Menschheitsgeschichte. 46 Mönche haben es bislang geschafft.8
Und das Gehirn meldet Erschöpfung, lange bevor die Muskeln versagen. Central Governor heißt das in der Sportwissenschaft.9 Fujinami sagt: »Ich erlaube mir nicht zu denken, was wäre wenn.« Dann begleiteten professionelle Marathonläufer aus dem Westen die Mönche. Keiner hielt länger als eine Woche durch. Körperliche Gründe gab es nicht, aber die Nicht-Mönche akzeptierten das Verlangen, kämpften dagegen an.10 Sie mussten scheitern, so wie ein Süchtiger scheitert, der mit seinem falschen Ich verhandelt.
Gyōshō Uehara überlebte das Dōiri zehn Jahre vor Fujinami. Er sagt, Hunger und Durst zu kontrollieren sei falsch. Wer es kontrolliert, erkennt das Verlangen an und kämpft dagegen. Wer es stattdessen leugnet, entfernt es aus der Realität.11
Man verhandelt nicht mit Dämonen.
Yūsai Sakai hat das Kaihōgyō zweimal bestanden. Zwischen 41 und 61. Vorher war er bei Einheit 731, wo man chinesische Zivilisten zu Tode experimentierte.12 Nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnete seine Familie einen Nudelladen. Der brannte ab. Er heiratete seine Cousine. Die brachte sich um. Er ging zu den Mönchen.
»Ich suchte einen Ort zum Sterben, aber ich wollte nicht irgendwo sterben.«13
Ich kannte diesen Satz gut. Lange bevor ich ihn las. Er blutete in meinem Kopf. Florenz vielleicht. Oder Kyoto. Irgendwohin, wo ich mich ein letztes Mal anblicken mag. Vier Wochen.
»Ich schnitt die Wunde auf und klemmte mir das Messer unter den Bauch.«14
Schon wieder.
Die Lakota schicken ihre Verzweifelten in die Wildnis, ohne Essen, ohne Wasser, bis die Vision kommt. Sie nennen das Haŋbléčeyapi.15 Trockenfasten. Erwachsene kamen dorthin durch persönliche Weisung aus der Geisterwelt oder wegen einer persönlichen Krise. Als Notfallmaßnahme für Menschen, die nicht mehr weiterwissen. Und das Ergebnis war nicht symbolisch. Fasten und Deprivation veränderten das Bewusstsein für immer.
Die islamischen Sufis ziehen sich vierzig Tage zurück. Fasten, Gebet, Isolation. Und wieder die Vierzig. Sie beschreiben den Zustand nach der Chilla als fana, Auslöschung des Egos.16 Psychologisch ist das der Jona-Komplex17 in Umkehrung. Das falsche Ich stirbt. Das echte Leben beginnt.
Die Tendai-Mönche berichten nach dem Dōiri von geschärften Sinnen, verlangsamter Zeit, kristalliner Klarheit. Die Lakota berichten es, die Sufis, Filonovs Patienten, die von keiner dieser Traditionen je gehört haben. Die Frage ist nicht, warum die das können, sondern wie wir es täglich schaffen, unsere Wahrnehmung so gründlich zu sabotieren, dass wir es nicht mehr können. Dass wir den Eindruck bekommen, das sei eine religiöse oder esoterische Erfahrung. In Wahrheit sind es Körper, die wieder normal funktionieren.
Das wussten auch Ärzte mal.
Die älteste dokumentierte Fastenmedizin stammt aus Ägypten. Diodor und Herodot berichten übereinstimmend, die ägyptischen Ärzte hätten die meisten Krankheiten von übermäßiger Nahrung hergeleitet und durch Fasten geheilt.18 Herodot schreibt, die Ägypter seien die gesündesten aller Menschen gewesen, weil sie sich jeden Monat drei Tage lang durch Erbrechen und Klistiere (Einläufe) reinigten.19 Alle Krankheit komme vom Essen.
Platon fastete für körperliche und geistige Effizienz.20 Aristoteles auch. Asklepiades (124—40 v. u. Z.) verschrieb Trockendiät und lehnte Medikamente ab. Durch den bewussten Verzicht auf Wasser heilten Krankheiten von selbst.21 Galen und Ibn Sīnā verschrieben Fasten gegen das, wogegen wir heute Citalopram schlucken.22 Caelius Aurelianus behandelte Ruhr und chronische Durchfälle mit Dursten.23 Dem Körper entziehen, wovon er zu viel hat.
Trockengefastet wurde auch gegen Epilepsie. Bevor man damit Geld verdienen konnte. 2025 trocknete ich so meine pharmakoresistente Grand-Mal-Epilepsie aus. Nach neun Jahren das erste Mal anfallsfrei. Das Neurologen zu erzählen ist sinnlos. Sie müssen es psychiatrisieren. Wie alles, wovon sie nichts verstehen. In Deutschland stirbt jeden Tag mindestens ein Mensch an Epilepsie. Allein an SUDEP, dem plötzlichen Tod im Schlaf, den niemand erklären kann.24 Gegen ärztlichen Rat war nun eine Einnahmequelle verschwunden. Kein Valproat mehr, kein Alprazolam, kein passives Einkommen durch Patientenverwaltung.
Nicht absprachefähig der Patient.
Ein geheilter Patient ist ein verlorener Kunde.
Und immer wussten es welche.
Leonardo schrieb im Codex Atlanticus, man solle nur bei Hunger essen und Medikamente meiden.25
Mark Twain beobachtete 1866 fünfzehn Schiffbrüchige, die 46 Tage in einem Rettungsboot überlebt hatten. Er fastete danach selbst fünfzehn Jahre lang bei jeder Erkrankung. Er sagte, eine kleine Aushungerung tue mehr als die besten Ärzte.26
Upton Sinclair veröffentlichte 1911 The Fasting Cure.27 Eine Frau, zehn Jahre bettlägerig, ritt nach vier Tagen Fasten 28 Meilen im Regensturm. Sinclair schrieb, dass nicht der Hunger tötet, sondern die Panik. Die Ärzteschaft griff ihn an. So wie man mich heute angreift, wenn ich sage, wer am Zwei-Liter-Mythos verdient.
Li Shutong (李叔同), Pionier der modernen chinesischen Kunst, fastete siebzehn Tage gegen seine Neurasthenie. Danach wurde er buddhistischer Mönch. Er wollte seinen Körper reparieren.28 Der Körper reparierte seinen Geist gleich mit.
Gandhi fastete achtzehnmal. Er setzte Fasten ein wie andere Waffen einsetzen. Er hasste die Wendung »Fasten bis zum Tod«. Er sagte »Fasten bis zu einem neuen Leben«.29
Zwölf Tage nach dem Fastenbrechen wurde er erschossen.
Steve Jobs entdeckte als junger Mann, dass Fasten Euphorie auslöst.30 Das prägte ihn bis zum Ende. Jobs sagte, er habe sich fantastisch gefühlt, weil der Körper nicht ständig verdauen musste. Das war reine Ketose. Jobs hat das nie verstanden. Er dachte, die Euphorie käme vom Obst. Sie kam vom Nicht-Essen.
BHB ist das körpereigene GHB. Beta-Hydroxybutyrat, der häufigste Ketonkörper, den der Körper beim Fasten produziert, ist ein Isomer von GHB, Gamma-Hydroxybutyrat. Gleiche Summenformel, fünfzehn Atome, nur ein Wasserstoff- und ein Sauerstoffatom an einer anderen Stelle. BHB kann während der Ketose hohe Konzentrationen im Gehirn erreichen und dort an dieselben angstlösenden Rezeptoren binden wie GHB.31 GHB ist bekannt als Partydroge und Antidepressivum. Der Körper produziert beim Trockenfasten sein eigenes Euphorikum. Kein Berghain besiegt mehrtägiges Trockenfasten.
Jobs hatte recht. Er wusste nur nicht, warum. Wer beim Hungern in Panik verfällt, stirbt. Wer beim Hungern klar denkt und euphorisch genug ist, um weiterzusuchen, überlebt. Panik wurde ausselektiert. Euphorie ist evolutionäres Design.
Bloom war der Erste, der das klinisch dokumentierte. In den 1950ern führte er therapeutisches Fasten für Adipositas-Patienten ein. Nach mehreren Tagen ohne Nahrung verloren seine Patienten den Appetit, fühlten sich bemerkenswert wohl und erlebten eine milde Berauschung.32
Gleichzeitig steigt BDNF im Hippocampus nach 24 Stunden um fünfzig Prozent, und der Hippocampus fängt an, neue Neuronen zu bilden.33 Serotonin steigt, Dopamin erholt sich indirekt über die D2-Rezeptoren.34 Ab Tag drei beginnt Autophagie, das Recycling beschädigter Zellbestandteile, auch im Gehirn. BHB schützt Neuronen gegen Alzheimer-Plaques und hält die Proteinstruktur intakt.35 Was Kreative Flow nennen, ist die neurochemische Signatur eines Körpers, der aufgehört hat zu verdauen.
Pythagoras wusste es. Platon wusste es. Leonardo wusste es. Twain beobachtete es. Jobs erlebte es und verstand es nicht. Fasten schaltet das Gehirn in einen Modus, den es unter normalen Bedingungen nie erreicht. BHB ist effizienter als Glukose, produziert weniger oxidativen Stress, liefert mehr ATP pro Sauerstoffmolekül. Das fastende Gehirn ist ein optimiertes Gehirn. Euphorie ist das subjektive Erleben einer objektiven neurochemischen Überlegenheit.
Jobs hat die Ursache mit der Unterbrechung verwechselt. Er glaubte, das Obst würde heilen. Obst ist Zucker; es hat seinen Krebs gefüttert. Zufuhr statt Entzug. Der Intuition vertrauen, ohne die Mechanik zu verstehen, kann tödlich sein.
Die vierzig Tage sind nicht willkürlich. Sie tauchen nicht grundlos bei Jesus, Moses, Elias, im Sufismus, bei den Lakota auf. Vierzig Tage ist die Zeit, die der Körper braucht, um ein dekalibriertes System zu resetten. D2-Rezeptoren erholen sich über Monate, aber die stärkste Erholung geschieht in den ersten vier bis sechs Wochen.36 Die Propheten wussten das nicht, aber ihre Körper wussten es.
Vierzig Tage komplett trocken hat kein Mensch überlebt. Shchennikov, der die russische Trockenfasten-Schule begründete, schaffte 21 Tage im Selbstversuch.37 Seine Patientenprotokolle sahen sieben bis elf Tage vor. Ab Tag drei erlaubte er Wasserkontakt über die Haut.
Die Methode hat antike Vorläufer. Die methodische Schule der Antike verschrieb Fastenzyklen von drei bis elf Tagen zur recorporatio, der vollständigen Umwandlung des Körpers — höchstens dreimal nacheinander.38
Die vierzig Tage bei Moses, Jesus, Elias sind mit größter Wahrscheinlichkeit Wasserfasten. Die Tora sagt bei Moses zwar explizit kein Brot und kein Wasser, aber das ist ein religiöser Text. Ob das wörtlich zu nehmen ist oder als Formel für totale Abstinenz steht, ist exegetisch umstritten.
Filonov sagt nach 25 Jahren klinischer Praxis, der maximale therapeutische Effekt trete mit der zweiten azidotischen Krise ein. Das ist meist an Tag neun.39 Filonov schätzt den Konversionsfaktor auf 4 bis 4,5. Neun Tage trocken ergeben 40,5 Tage nass. Die vierzig Tage der Propheten und die neun Tage der Mönche und Filonov-Patienten konvergieren also auf denselben biologischen Punkt. Derselbe Schwellenwert, erreicht über zwei verschiedene Routen. Und die Tendai-Mönche wussten das seit dem 14. Jahrhundert, ohne zu verstehen, was da neurochemisch eigentlich passiert.40
Die russische Schule liefert die meisten klinisch dokumentierten Fälle. Mehrere russische Ärzte behandelten Tschernobyl-Überlebende mit Trockenfasten. Zwei Wochen. Die Körper erholten sich.41 1990 veröffentlichte Valery Zakirov Ergebnisse zu kombiniertem Fasten bei Asthmapatienten. Erst trocken, dann Wasser. Sechs Professoren prüften das Protokoll. Achtzehn von zwanzig Patienten verbesserten sich.42
Im Westen las das keiner.
Filonov selbst fastete zehn Tage trocken, auf dem Pferd reitend im Altai-Gebirge. Er erkannte, dass langes Trockenfasten am besten in der Natur funktioniert.43 Sein erster Patient litt an rheumatoider Arthritis, fastete dann neun Tage trocken. Die Arthritis verschwand.44
Bei Shchennikov dasselbe Bild. Ein Mann aus Stawropol litt an Magengeschwür und Stoffwechselstörungen. Nach zehn Tagen Fasten verschwand das Geschwür. Ein weiterer Patient litt seit seiner Kindheit an Knochentuberkulose und Asthma. Nach elf Tagen Trockenfasten war er vollständig erholt.45
Ein junger Mann aus Krasnodar litt an Leukämie und Lymphosarkom. Man hatte ihm nicht gesagt, dass er nicht mehr lange zu leben habe, aber er hörte eine Schwester sagen: »Jung, und doch schon eine wandelnde Leiche.« — Im Virchow sagten mir die Ärzte, meine Epilepsie werde mich »dumm und behindert« machen. Der Mann aus Krasnodar konnte kaum noch vom Bett zur Toilette gehen und dachte an Suizid. Nach dem ersten Trockenfasten verbesserten sich seine Blutwerte so drastisch, dass die Ärzte es nicht erklären konnten. Nach dem zweiten badete er in Eiswasser, obwohl er vorher nicht einmal kühle Zugluft vertragen hatte. Ein Dynamometer zeigte 45 Kilogramm Griffkraft pro Hand.46
Der absolute Entzug von Nahrung und Wasser zwingt die Zelle in eine Temperaturreaktion, die alles verbrennt, was nicht zur Zelle gehört. Toxine, Erreger, beschädigte Proteine, kranke Strukturen. Die zweite azidotische Krise, die zwischen Tag sieben und neun einsetzt, ist die heißeste Phase dieses inneren Brandes.47 Filonov beschreibt das bildhaft, vergleicht die Zelle in dieser Phase mit einem winzigen Reaktor. Natürlich haben Zellen kein Fieber. Aber als Bild ist es genauer als jede Stoffwechselgleichung.
Sibirien ist das Zentrum dieser Tradition. Meine Familie kommt von dort. Sie hat nie ein Wort darüber verloren. Trotzdem habe ich angefangen, ohne zu wissen, dass es Methode war.
Was alle verbindet, ist Neurobiologie in verschiedenen kulturellen Verkleidungen. Die Struktur ist immer dieselbe. Ein Mensch ist am Grund. Krankheit, Versagen, Suizidalität, Krieg, Exil. Er entzieht sich allem. Nahrung, Wasser, Gesellschaft, Reize. Der Körper beginnt zu reparieren. Transmitter rekalibrieren, Autophagie fährt hoch, Stammzellen werden aktiviert. Irgendwann schreit alles in mir, aufzuhören. Ich gehe durch. Was auf der anderen Seite liegt, wird je nach Kultur Erleuchtung, Erkenntnis oder Heilung genannt. Neurochemisch ist es dasselbe. Ein Nervensystem auf neuem Sollwert.
Ich fastete trocken seit meiner Schulzeit. Wasserfasten brachte nie etwas. Es ist Scheinfasten. Wasser blockiert die Selbstheilung. Keine Klarheit, keine Reinigung. Ich wusste das, bevor ich das Wort kannte. Fasten war für mich immer Trockenfasten. Aber erzählen konnte ich das nie, weil wer sagt, er trinke tagelang nichts, wird behandelt wie ein Selbstmörder.
Die Natur ist der Arzt der Krankheiten.48 Vis medicatrix naturae. Die Natur heilt, der Arzt sorgt dafür, dass nichts die Heilung stört.49
Heute sorgt er dafür, dass sie nie beginnt.
»Je mehr man ungereinigte Körper nährt, desto mehr schadet man ihnen.«50 Verdauung kostet Energie. Wer krank ist und isst, zwingt den Körper zur Verdauung statt zur Heilung. Fasten ist Unterlassen. Man muss nichts machen. Man muss aufhören zu essen und zu trinken. Dann geschieht Heilung. Die Wüstenväter wussten das, auch wenn sie es nicht benennen konnten. Das wussten die Mönche auf Mount Hiei. Das wusste Elias, als er sich unter den Ginsterbusch legte. Und das wusste ich, als ich aufhörte zu essen und zu trinken.
Ich höre nicht Gott, aber ich höre meinen Körper.
Das reicht.



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Redaktioneller Hinweis: Die wissenschaftlichen Aussagen in diesem Text basieren auf begutachteter Fachliteratur. Biografische Passagen sind Erfahrungsbericht, keine Verallgemeinerung. Es bestehen keine Interessenkonflikte. Meinungen sind kein Ersatz für Daten. Iamblichos von Chalkis, De Vita Pythagorica (Περὶ τοῦ Πυθαγορικοῦ βίου). Deutsche Ausgabe: Michael von Albrecht (Übers.), Jamblich: Pythagoras. Legende — Lehre — Lebensgestaltung, Darmstadt 2002.
Exodus 34,28: kein Brot, kein Wasser. Einzige Episode im abrahamitischen Kanon, die Wasserverzicht benennt. Wortwörtlich oder Formel für totale Abstinenz ist exegetisch umstritten. Vierzig Tage ohne Wasser sind biologisch unmöglich.
Majjhima Nikāya 36 (Mahāsaccaka-Sutta), in: Bhikkhu Ñānamoli, Bhikkhu Bodhi (Übers.), The Middle Length Discourses of the Buddha, Boston 1995; Karen Armstrong, Buddha, London 2001.
Majjhima Nikāya 36, ebd.
Zur MAO-Hemmung unter Fasten: Gurcharan Kaur, Kawaljit Kaur, »Effect of acute starvation on monoamine oxidase and Na+,K+-ATPase activity in rat brain«, in: Molecular and Chemical Neuropathology, Vol. 13, Issue 3, Dezember 1990, 175—83.
Zur serotonergen Wirkung von Kohlenhydraten: Simon N. Young, »How to increase serotonin in the human brain without drugs«, in: Journal of Psychiatry & Neuroscience, Vol. 32, Issue 6, November 2007, 394—99.
John Stevens, The Marathon Monks of Mount Hiei, Boston 1988.
Der Schlafentzug konterkariert einen Teil des Fastennutzens. Das glymphatische System transportiert im Schlaf neuronale Metaboliten ab. Beta-Amyloid akkumuliert bereits nach einer einzigen schlaflosen Nacht. — Lulu Xie, Hongyi Kang, Qiwu Xu, et al., »Sleep Drives Metabolite Clearance from the Adult Brain«, in: Science, Vol. 342, Issue 6156, 18.10.2013, 373—77; Ehsan Shokri-Kojori, Gene-Jack Wang, Corinde E. Wiers, et al., »β-Amyloid accumulation in the human brain after one night of sleep deprivation«, in: PNAS, Vol. 115, Issue 17, 09.04.2018, 4483—8.
Stevens 1988.
Ebd.
Timothy D. Noakes, »The Central Governor Model of Exercise Regulation Applied to the Marathon«, in: Sports Medicine, Vol. 37, Issue 4—5, 2007, 374—7.
Mark Simkin (Regie), Marathon Monks, Journeyman Pictures [Film #2471], 2004.
Ebd.
Zu Einheit 731: Sheldon H. Harris, Factories of Death: Japanese biological warfare 1932—1945 and the American cover-Up, London/New York 1994.
Zu Sakais Biographie: Stevens 1988; Christopher J. Hayden (Regie), Marathon Monks of Mount Hiei, Dokumentarfilm, Watertown (MA) 2002.
Yūsai Sakai, zit. in: »The marathon path to enlightenment«, in: Al Jazeera English, 17.05.2007. Original: »I started looking for a place to die, but I didn’t want to die just anywhere.«
Sakai, zit. in: Simkin 2004. Original: »After I lanced the wound, I propped the knife under my stomach like this.«
Joseph Epes Brown (Hg.), The Sacred Pipe: Black Elk’s Account of the Seven Rites of the Oglala Sioux, Norman 1953.
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Annemarie Schimmel, Mystical Dimensions of Islam, Chapel Hill 1975, 103 (Chilla), 142—6 (Fana).
Ticro Goto, Kreativer Suizid: Rauchen, Hunger und die Lüge vom inneren Kind, Berlin 2026, 245—56.
Diod. Sic. 1.82; Hdt. 2.77.
Max Neuburger, Geschichte der Medizin, Bd. I, 1906, 35 u. 50.
Therapeutisches Erbrechen, nicht zu verwechseln mit Bulimia nervosa, war zweitausend Jahre lang Standardmedizin. Von Hippokrates über Galen und Avicenna bis ins 19. Jahrhundert. Im Ayurveda ist Vamana die erste der fünf Panchakarma-Reinigungen, indiziert bei Asthma, chronischer Bronchitis, Sinusitis, Hauterkrankungen, Fettleibigkeit, Ödemen und Epilepsie. Verdorbene Nahrung wird entfernt, bevor sie weiterzieht. Schleim wird mobilisiert. Der Verdauungstrakt wird entlastet, der Alterungsprozess verlangsamt. Bei akuter Vergiftung ist Emesis lebensrettend. Bei dem, was heute im Supermarkt verkauft wird, gleicht sie eher der Schadensbegrenzung.
Platon kritisiert in Politeia III (403e—410a) die Verweichlichung durch Überernährung und fordert eine einfache Lebensführung (ἁπλή γυμναστική), befreit vom Überfluss. Medizin nennt er eine »Pädagogik der Krankheiten«.
Werner Jaeger, Paideia: Die Formung des griechischen Menschen, Bd. II, Berlin 1944, 306—10.
Neuburger 1906, 299.
Galen, De sanitate tuenda, Buch VI (zu therapeutischem Fasten); Robert J. Hankinson (Hg.), The Cambridge Companion to Galen, Cambridge 2008.
Ibn Sīnā (Avicenna), al-Qānūn fī l-Tibb, Buch I, Fen 3.
Caelius Aurelianus, De morbis chronicis, Buch IV, Kap. 3. — Max Neuburger nennt die Behandlungsweise »mit bewundernswerter Sorgfalt angegeben« (Geschichte der Medizin, Bd. II, Stuttgart 1911, 67).
SUDEP (Sudden Unexpected Death in Epilepsy): plötzlicher Tod ohne nachweisbare Ursache. Bei 0,6 Prozent Epilepsieprävalenz und 1:1000 SUDEP-Inzidenz pro Jahr ergibt das für Deutschland über 365 Fälle jährlich, dazu Status epilepticus, Unfälle, Ertrinken, Suizid.
Hannes Wartmann, Timo Effenberger, Hendrik Klähn, Timm Volmer, Rainer Surges, »Inzidenz des plötzlichen Epilepsietodes (SUDEP): Update und Limitationen«, in: Der Nervenarzt, Vol. 95, 22.01.2024, 544—52.
Leonardo da Vinci, Codex Atlanticus, Folio 213v (ca. 1490). Original: »Se voi star sano, osserva questa norma: non mangiar senza voglia e cena leve, mastica bene e quel che in te riceve sia ben cotto e di semplice forma. Chi medicina piglia, mal s’informa.«
Laura Leondina Campanozzi, Domenico Benvenuto, Michele Pier Luca Guarino, et al., »Leonardo da Vinci’s advice on public health«, in: The Lancet, Vol. 395, Issue 10221, 01.02.2020, e16.
Mark Twain, »My Début as a Literary Person«, in: The Century Illustrated Monthly Magazine, November 1899. Wiederabdruck in: The Writings of Mark Twain, Bd. XXII, New York/London 1903. Original: »A little starvation can really do more for the average sick man than can the best medicines and the best doctors. I do not mean a restricted diet; I mean total abstention from food for one or two days. I speak from experience; starvation has been my cold and fever doctor for fifteen years, and has accomplished a cure in all instances.«
Upton Sinclair, The Fasting Cure, New York/London 1911, 8 u. 63ff.
Sinclair wertete 277 Fastenfälle aus. Die dokumentierten Heilungen umfassen Rheuma, Tuberkulose und Krebs. Ein Patient mit Magenkrebs fastete zwanzig Tage und berichtete vollständige Heilung; ein körperlich ruinierter 24-jähriger Arzt wurde Spitzenathlet. Sinclair deutete Krankheit als gescheiterten Ausscheidungsversuch des Körpers; Fasten beschleunige diesen Prozess, indem es die Verdauungsarbeit einstelle.
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Leonid A. Shchennikov, Irina L. Shchennikova, Система исцеления по Леониду Щенникову. Целебное воздержание от жидкости и пищи [Das Heilungssystem nach Leonid Shchennikov. Heilende Enthaltsamkeit von Flüssigkeit und Nahrung], Moskau 2003; erweiterte Neuauflage Moskau 2009; Sergei Filonov, Сухое лечебное голодание: мифы и реальность [Trockenes Heilfasten: Mythen und Realität], Barnaul 2008.
Max Neuburger, Geschichte der Medizin, Bd. I, 1906, 308.
Filonov 2008.; ders., 20 Questions & Answers About Dry Fasting, o. O. 2019.
Ein japanischer Teilnehmer sprach Filonov auf die Tendai-Mönche an. Filonov bestätigte die Parallelen zu seinem Neun-Tage-Protokoll sofort.
Filonov 2008.
Ebd.
Filonov verschreibt tägliche Wanderungen, bis zu zehn Kilometer. Die Tendai-Mönche laufen vierzig.
Filonov 2008.
Shchennikov-Shchennikova 2003.
Ebd.
Die hippokratische Medizin kannte drei Krankheitsstadien: Roheit der Säfte (ἀπεψία), Kochung (πέψις) und Krisis, die Ausscheidung des Überschusses (Neuburger 1906, 171). Filonovs azidotische Krise ist die moderne Entsprechung. Der Körper »kocht« die Krankheit durch, dann stößt er sie aus.
Νόσων φύσεις ἰητροί, wörtlich »Die Naturen [der Krankheiten] sind [ihre] Ärzte«, wird in der Tradition als »Die Natur ist der Arzt der Krankheiten« wiedergegeben. Der Satz ist Hippokrates zugeschrieben, steht aber nicht wörtlich im Corpus Hippocraticum.
Max Neuburger, Die Lehre von der Heilkraft der Natur im Wandel der Zeiten, Stuttgart 1926. — Der Wiener Medizinhistoriker zeichnete das Prinzip von Hippokrates bis in die Moderne nach. Das Buch ist bis heute Standardwerk. Dreizehn Jahre später jagten ihn die Nazis aus dem Land.
Hippokrates, Aphorismen, Buch II, 10. Zit. in: Neuburger 1906, 218.





Nichtstun ist schwerste
Last des Universums
-
Atlas schultert Himmel
Der stärkste Mann
-
Die Erde trug den Atlas dennoch
Blieb nur einfach ganz entspannt
-
relativ ist nichts
Relativ zum Nichts
-
Zeigen statt vergleichen
Dann merkst du selbst wie schwer es ist
~
Ich finde ihre Artikel aus der persönlichen Erfahrung heraus Spitze.
Kennen sie Ohasawa der die Makrobiotik populär machte.
Sich stark mit Yin und Yang beschäftigte und auch viele Menschen inspirierte sich selbst zu helfen und zu heilen.