Tierversuche, bei denen Ratten über Monate mit Ethanol gefüttert werden, bis ihr Gehirn schrumpft, ihre Leber verfettet und ihr Sozialverhalten zerfällt, erfordern eine Genehmigung der Ethikkommission, eine wissenschaftliche Begründung und eine Obergrenze für das Leid. Das Äquivalent beim Menschen erfordert einen Kühlschrank und einen schlechten Tag. Der Unterschied ist, dass die Ratten sich nicht einreden, es sei Genuss. Wenn ein Patient seinen Arzt bittet, ihm dieselbe Substanz täglich zu verabreichen, nennt man das Körperverletzung. Wenn er es sich selbst verabreicht, nennt man es Feierabend.
Ich war süchtig nach Bier. Stunden ohne, und das Denken setzte aus. Mein Körper rannte los. Ich sprintete zum Supermarkt, riss die Flasche aus dem Regal, legte sie ins Eisfach, wartete Minuten, die ich nicht abwarten konnte. Sie dauerten ewig. Dann der erste Schluck, und es war wie Atmen nach dem Ertrinken.
Alkohol verstärkt GABAerge Hemmung und dämpft glutamaterge Erregung. Bei chronischem Konsum kompensiert das Gehirn gegen, damit ich nicht herumliege wie ein Sieben-Punkt-Fixierter. Es fährt die hemmende Seite herunter und die erregende Seite hoch. Dazu Umbauten in Noradrenalin, Stress, Belohnung.1 Fällt der Alkoholspiegel, bleibt die Gegenregulation. Eine Seite ist taub, die andere schreit. Tremor, Schwitzen, Tachykardie, Angst, Schlaflosigkeit, Denkstörungen. Das Erstickungsgefühl ist ein Stapelalarm. Das autonome Nervensystem schießt hoch. Der Sympathikus vor allem. Noradrenalin steigt, und je höher, desto schlimmer die Symptome.2 Dazu Hyperventilation, sie kippt das Blut ins Alkalische.3 Das fühlt sich an wie Luftnot, Panik, Schwindel, Derealisation, Kribbeln, Brustenge, ich kippe gleich weg, zellulärer Alarm. Zu schnelles Atmen lässt mich nach Luft japsen, obwohl das Problem beim CO₂-Abfall liegt, nicht beim Sauerstoff. Der Körper ist präzise genug, um zu schnelles Atmen für Ersticken zu halten.
Dann die glutamaterge Übererregung. In frühen Entzugsphasen steigt das Glutamat.4 Glutamat drückt Strom durch den Draht. Zu viel davon heißt Nervensystem im roten Bereich, Reizoffenheit, Unruhe, Schreckhaftigkeit, zerrütteter Schlaf, Null-Toleranz für Kleinigkeiten. Das Gehirn ist überlaut. Dann kommt die Stressseite. Mit Abhängigkeit verschiebt sich das System von ich trinke für den Rausch zu ich trinke, um den Horror zu beenden. CRF und verwandte Stresssysteme treiben diesen Umbau.5 Parallel sinkt das Dopamin im Entzug. Das führt zu Dysphorie, Anhedonie, innerem Grau, massiver Dringlichkeit. Keine Rauschsuche mehr, sondern Flucht aus einem künstlich erzeugten Minuszustand. Das Bier fühlt sich nicht wie Genuss an, sondern wie Rettung. Der Stoff entfernt einen Zustand, den der Stoff selbst mitgebaut hat.6 Das ist das Geschäftsmodell jeder Droge, vor allem der Pharmaindustrie. Und es ist das Geschäftsmodell jeder Beziehung, aus der man nicht rauskommt.
Ethanol fährt direkt in die entgleisten Systeme. Mehr GABA, weniger Alarm, weniger Schmerz, weniger Panik. Die Verknüpfung ist effizient. Bier beendet das Sterben.7 Und sobald Geschmack, Geruch, Dosenzischen, Supermarktweg, Kälte, erstes Schlucken verknüpft sind, bekommen diese Reize Incentive-Salienz.8
Das Gefühl, zellulär zu ersticken, summiert fünf Systeme gleichzeitig.9 — Ein biochemischer Bürgerkrieg. Die Medizin hat einen Namen für den Zustand, in dem der Körper gleichzeitig hyperventiliert, zittert, halluziniert und krampft. Sie nennt ihn Vergiftung.10
In den ersten zwei Wochen nach dem Alkohol nahm ich täglich eine dreifache Dosis Ashwagandha11, um die Panik zu besänftigen. Ashwagandha belastet die Leber, nach Alkoholismus riskant. Kombiniert mit Trockenfasten war es das Einzige, das Schlimmeres verhinderte.
Wenn der Körper sofort beginnt, eine Substanz zu kompensieren, dann betrachtet er sie als Schaden. Kompensation ist die Antwort des Organismus auf Verletzung. Die Pupille verengt sich bei Licht, das ist Regulation. Alkohol löst keine Regulation aus. Er löst Umbau aus. Der Körper errichtet ein neues Gleichgewicht. Es funktioniert ohne die Substanz schlechter als das alte. Neuroadaptation nennt man das.
Und ein Stoff, gegen den der Körper unmittelbar Verteidigungsmaßnahmen einleitet, ist per definitionem ein Gift, egal welches Etikett die Kultur draufklebt. Niemand schluckt freiwillig kleine Mengen Frostschutzmittel, nennt das Genuss, und begründet es damit, dass der Körper ja bei Glykolaufnahme interessante metabolische Reaktionen produziere. Niemand inhaliert freiwillig Rauch — oh, Moment.
Kritiker müssen nicht beweisen, dass Alkohol Schaden verursacht. Konsumenten müssen beweisen, warum die Kompensationsreaktion ihres Körpers ein Irrtum sei. Und das können sie nicht, ohne den Körper für dümmer zu erklären als die Marketingabteilung der Brauerei.
Genuss ist ein kulturelles Konstrukt, das exakt dort einsetzt, wo der Körper Alarm schlägt — das Überschreiben des Empfindens durch eine antrainierte Bedeutungszuweisung. Wir genießen gar nicht, wir leiden. Unser Zellenstaat brüllt vor Schmerz. Er brüllt auch, wenn wir fettleibig sind. Was sich nach dem dritten Bier subjektiv als Entspannung anfühlt, ist objektiv die GABA-Überflutung als Reaktion auf eine toxische Belastung. Der Konsument verwechselt Gegenwehr mit Wohlbefinden. Vergiftung, umetikettiert als Vergnügen.
Das Bier steigert nichts. Es bringt mich auf Null. Das Bier hat mein Gehirn so umgebaut, dass es Bier braucht, um dort zu sein, wo Nicht-Trinker von Anfang an sind. Ich trinke, um aufzuholen. Das ist die ganze Tretmühle. Sprinten, um dort anzukommen, wo andere aufwachen.
Jeder, der als Kind das erste Mal Alkohol getrunken hat, fand es scheußlich. Jeder, der das erste Mal Kaffee probiert hat, fand es scheußlich. Jeder, der das erste Mal eine Zigarette geraucht hat, fand es scheußlich. Und heute bilden sich dieselben Leute ein, sie mögen den Geschmack. (Ich schließe mich nicht aus.) Wir waschen uns das Gehirn mit diesen Geschichten.
Der Mechanismus dahinter heißt DeltaFosB. Das Protein baut die Motivationsmaschine um.12 Der Körper erneuert sich permanent. DeltaFosB verändert, wie er sich erneuert. So lässt uns Alkohol mit der Zeit hässlicher werden. Weil wir unsere Zellen in Richtung Verfall wachsen lassen. Nicht nur äußerlich, auch charakterlich. Wir werden unsympathisch bis eklig. Auch wenn wir längst aufgehört haben mit dem Alkohol. Der Bauplan bleibt umgeschrieben.
Aber der Umbau allein erklärt nicht, warum wir weitermachen. Die Biochemie erklärt den Mechanismus. Die Erlaubnis kommt von woanders. Alkohol zerstört das Immunsystem, zerstört den Darm, entzündet den Körper permanent. Man macht alles kaputt. Niemand genießt es noch.
Draußen hustet gerade ein Säufer vor sich hin. Er wird morgen weitermachen und übermorgen und bis er tot ist. Ich kann ihm keine Schuld geben. Er weiß, dass es alles schlechter macht. Dass seine Leber verrottet, sein Gehirn schrumpft, sein Gesicht zerfällt. Dass es keinen Genuss mehr gibt. Trotzdem macht er weiter. Der Grund ist eine Geschichte, die er sich erzählt — unbewusst, permanent, blind machend.
Die Geschichte, die den Säufer draußen husten lässt, die ihn morgen weitermachen lässt, obwohl er am Krepieren ist: wir tragen sie alle. Dass es Genuss sei. Kultur, Feiern, Entspannung. Es ist keines dieser Dinge. Der Körper behandelt jede dieser Substanzen als Schaden und kompensiert sofort. Er kann es nicht genießen. Nichts an ihm tat es je, alles an ihm wehrt sich dagegen.
Was also genießt da, wenn nicht der Körper?
Nichts.
Es sei denn, wir halten den Geist für ein körperloses Glühwürmchen, das über dem Fleisch schwebt. Die meisten tun das. Sie trennen Körper und Geist, als wären das zwei verschiedene Dinge. Gedanken sind nicht vom Körper getrennt. Die Trennung fühlt sich phänomenologisch real an. Ontologisch ist sie Unsinn. Auch der Genuss ist ein körperlicher Vorgang, ein gekaperter. Das Belohnungssystem feuert, weil die Substanz es zwingt, nicht weil etwas Gutes passiert. Der Rauchmelder piept bei Wasserdampf. Das Piepen ist real. Der Brand ist es nicht.
Das Feierabendbier ist eine psychotische Verirrung. »Moderater Genuss« ist eine psychotische Leugnung biologischer Tatsachen. Man erzählt sich eine Geschichte so abwegig, dass sie den eigenen Körper überstimmt. Der Körper schreit. Das Narrativ ist lauter. Das ist der eigentliche Wahnsinn. Die Geschichte, nicht die Sucht. Mit Alkohol geht es mir nicht besser. Nicht fünf Minuten. Der Grund, warum ich trinke, ist die Erzählung: dass ich entspannen, genießen, Spaß haben könnte. Mein Körper sagt das Gegenteil, aber die Erzählung ist stärker.
Koffein funktioniert ähnlich. Abends erzählen wir uns, Alkohol sei Entspannung. Morgens erzählen wir uns, Kaffee mache wach. Koffein macht nicht wach. Es blockiert die Rezeptoren, die Müdigkeit melden. Das ist das Gegenteil von Wachheit.13 Kaffee macht taub für die eigene Erschöpfung. Und eine Gesellschaft, die ihre Erschöpfung nicht mehr spürt, hält sich für leistungsfähig, während sie zerfällt. Beim Alkohol heißt die Geschichte Entspannung. Beim Kaffee heißt sie Leistung. Genuss steht auf beiden Etiketten.
Wir sind verletzt und geschädigt. Trotzdem insistiert etwas in uns: Es muss doch gehen. Es muss doch entspannen. Das muss doch so sein.
Die Psychiatrie hat einen Namen dafür. Sie nennt es Perseveration. Das zwanghafte Wiederholen einer Handlung, obwohl sie schadet, obwohl jede Wiederholung den Schaden vergrößert, obwohl der Körper bei jeder Wiederholung lauter schreit. Perseveration ist Symptom einer Frontalhirnschädigung. Der präfrontale Cortex, der Verhalten anhand von Konsequenzen korrigiert, funktioniert nicht mehr. Die Einsicht kommt an. Sie kommt nur nicht mehr dort an, wo sie etwas ändern könnte. Der Süchtige ist beschädigt von der Substanz, die er nicht aufhören kann zu nehmen, weil sie ihm die Fähigkeit genommen hat, aufzuhören. Wie jemand, der seine Beine sieht, das Feuer sieht, den Befehl zu rennen hört und stehen bleibt, weil der Befehl nicht mehr unten ankommt.
Freud nannte das Wiederholungszwang. Er sah Veteranen, die ihre Traumata wiederholten, ohne Auflösung, ohne Lerneffekt, gegen jedes Interesse an Wohlbefinden. Er postulierte eine Kraft, die das Lustprinzip überschreibt. Etwas im Menschen zwingt zur Wiederholung dessen, was ihm schadet.14 Die Gegenkraft sitzt im präfrontalen Cortex, und Alkohol zerstört sie.
Der physiologische Entzug dauert Tage, vielleicht Wochen. Was Menschen Monate und Jahre im Rückfallzyklus hält, ist nicht die GABAerge Gegenregulation, sondern die Geschichte, dass etwas fehlt. Dass das Leben ohne Substanz weniger sei, leer und grau. Dass man ohne sie nicht feiern, nicht entspannen, nicht leben kann. Die Geschichte hält den Entzug am Leben. Die Biochemie wäre längst fertig. Die Biochemie heilt sich selbst, wenn man sie lässt. Aber man lässt sie nicht.
Das Nervensystem steht an der Tür mit gepackten Koffern. Der Mensch dreht den Schlüssel um und geht zurück ins Bett. Der Körper ist seit sechs Wochen fertig. Er wartet. Jeden Abend kommt die Hand und reißt die Naht wieder auf. Und nennt es Entspannung.
Man greift lieber zur Flasche als zum eigenen Nervensystem. Und dann nennt man das Selbstfürsorge. Wir haben Rauchverbote in Restaurants, Warnhinweise auf Zigaretten und Alkoholsteuern. Wir haben keine einzige Maßnahme, die verhindert, dass morgen Abend wieder alle dasselbe tun. Weil die Maßnahme wäre, die Geschichte zu beenden.
Und an der Geschichte verdient jeder. Die Leute in der Kneipe, die morgen arbeiten und abends wieder trinken — die normalen Alkoholiker —, erzählen sich dieselbe Geschichte. Die Gesellschaft lebt die Geschichte vor. Die Schwersüchtigen sterben daran.
Mein letzter Mitbewohner hörte wegen des Alkohols auf zu arbeiten. Natürlich hat er sich eingeredet, es liege nicht am Alkohol. Er kündigte, bekam Bürgergeld, säuft weiter vom Bürgergeld. Der Staat finanziert den Verfall.15
Als ich das aussprach, fragten mich Leute, wie ich das lösen wolle. Leute, die abends ihr Glas Wein trinken, oder ihr Feierabendbier. Sie erzählen sich dieselbe Geschichte, tragen sie weiter, damit andere daran krepieren. Die Schwersüchtigen können nicht bei einem Bier bleiben. Sie sterben an derselben Geschichte, die normale Trinker jeden Abend bestätigen. Stressresistenz sinkt, bis man gar nichts mehr aushält. Vor allem geregelte Erwerbsarbeit nicht. Dann kündigt man und bekommt Bürgergeld. Und trinkt natürlich weiter. Der Stress, den der Alkohol verursacht, rechtfertigt den Alkohol. Das ist, als würde man sich die Knochen brechen, um die Krücken zu rechtfertigen.16 Palliativmedizin lindert Schmerzen am Lebensende. Bürgergeld lindert Schmerzen anstelle des Lebens.
Drogen erschöpfen. Irgendwann fehlt die Energie für alles. Wir beklagen das. Und trinken weiter. Ich schließe mich ein. Ich saß oft genug bei Boris, habe die Geschichte miterzählt. Der Unterschied ist, dass ich aufgehört habe, mir einzureden, es sei belangslos. Die Gesellschaft muss aufhören, diese Geschichte am Leben zu erhalten. Viele krepieren an diesen Geschichten.
Das autonome Individuum, das frei für sich entscheidet, gibt es nicht. Der Körper ist kein Individuum. Er ist eine Kolonie von Billionen Organismen, die nicht an der Haut aufhört. Geschichten breiten sich aus wie ein Feuer. Ich kann nicht frei sein, solange meine Umgebung gefangen ist.
Eigenverantwortung. Die Lieblingsausrede. Aber das ist bei Drogen nicht möglich. Wir tragen das alle mit. Der Mechanismus ist bei allen Drogen derselbe: der Körper kompensiert, also ist es Schaden. Was sich angeblich unterscheidet, ist die Geschwindigkeit. Heroin zerstört schnell und sichtbar. Alkohol und Koffein zerstören langsam und unsichtbar, weil alle es tun. Koffein zerstört keinen einzelnen Menschen in einem Jahr. Koffein zerstört das Baseline-Wohlgefühl einer ganzen Bevölkerung über Jahrzehnte. Crystal Meth und Heroin meiden wir. Alkohol und Koffein nehmen wir täglich. Der eigentliche Unterschied ist die Geschichte. Bei den einen gibt es kein verbindliches Narrativ von Genuss oder Entspannung. Bei den anderen schon.
»Bei Heroin sieht man die Folgen schneller.«
Natürlich tut man das.
Nur nicht weil Koffein und Alkohol weniger anrichten als Heroin. Wir sehen die Schäden nicht, weil wir alle geschädigt sind. Koffeinkaputt ist Normalzustand. Heroinkaputt nicht. Aufhören ist wie: nach Jahren aus einem Keller steigen und feststellen, dass alle anderen auch im Keller leben und ihn für die Welt halten.
Menschen, die nicht abhängig sind, sind anders. Wir haben uns an die Kümmerexistenz gewöhnt, geistig und körperlich, weil wir alle dasselbe tun. Normal ist es trotzdem nicht. Die Schäden sind sichtbar für jeden, der hinsieht und weiß, wie ein gesunder Mensch aussieht. Wenn wir alle Crystal rauchen würden, würden wir den Unterschied auch nicht wahrnehmen. Niemand sieht hin, weil alle mitmachen.
Dopamin ist nicht nur für Antrieb da, sondern der Grund, warum wir uns im Ruhezustand wohlfühlen. Das ist der normale Zustand des Menschen. Wer länger Drogen genommen hat, fühlt sich nüchtern permanent unwohl. Das System braucht Jahre, um sich zu erholen. Die meisten geben ihm keine Jahre. Sie schießen weiter. Alkohol funktioniert genauso. Die ganze Stadt ist am Saufen. Ausdruck von Überforderung, Stress und Erniedrigung, die der Selbstwert nicht aushält. Man besäuft sich, um das zu verdrängen. Die Wahrheit, abgehängt zu sein, ist nicht vereinbar mit dem Selbstbild. Also säuft man den inneren Beobachter weg. Seit Corona säuft alles in Berlin. Kein Einkaufswagen ohne dieses Zeug. Die Leute werden erniedrigt und versuchen, das mit ihrem narzisstischen Selbstbild zu vereinbaren. Es lässt sich nicht vereinbaren. Also muss der Beobachter verschwinden.
Dopamin-Rezeptoren werden abgebaut. Verbleibende werden unempfindlicher. Ohne starken Reiz kein Wohlgefühl mehr. Baseline weg. Wenn man aufhört, kommt sie zurück, vielleicht. Über Monate, Jahre. Aber wer zwischendurch trinkt, startet von vorn. Und die meisten trinken zwischendurch.
Das Transmittersystem ist kaputt. Die Homöostase funktioniert nicht mehr. Alles andere folgt daraus. Das kaputte dopaminerge System ist der zentrale Grund für alles, was wir sehen. Man stelle sich vor, das Dopaminsystem sei gesund. Man kann wieder Frieden denken. Man kann Stress bewältigen, der fünfmal so stark ist. Statt von Rausch zu Rausch zu taumeln und in den Lücken zu ersticken.
Der gesellschaftliche Zerfall ist primär neurochemisch, nicht ökonomisch, nicht politisch, nicht kulturell. Das kaputte Dopaminsystem ist nicht eine Folge der Krise, sondern die Krise selbst. Nicht die Partei zerfällt, nicht die Wirtschaft, nicht der Anstand. Die Synapse zerfällt. Sie trinken Alkohol, die Menschen, die uns regieren, die Richter, die uns verurteilen. Manche von ihnen rauchen. Und alles andere folgt dem Zerfall nach unten wie Wasser einem Riss. Wir diskutieren über Risse in der Tapete, während das Fundament ins Grundwasser sackt. Das Fundament ist Dopamin. Der Rest ist Dekoration.
Der soziale Unfrieden, die Gewalt, die Reizbarkeit, die Komplexitätsverweigerung, die Regression, die drei Millionen Inchauspé- und Stefanie-Stahl-Käufer — alles Symptome eines kollektiven Transmitterversagens.
Stress zerstört Dopamin. Zerstörtes Dopamin treibt in die Flasche. Die Flasche zerstört mehr Dopamin. Ein Massengrab mit Drehtür. Man fragt sich, warum die Leute so gereizt sind, so aggressiv und leer. Man fragt sich das mit einem Kaffee in der Hand.
Die populäre Darstellung lautet: Dopamin gleich Belohnung, gleich Motivation, gleich Antrieb. Was fehlt, ist, dass Dopamin auch die tonische Grundstimmung reguliert. Das Gefühl, dass es okay ist, einfach nur da zu sein. Ohne Reiz, ohne Kick, ohne Ablenkung. Wer dieses System chronisch überreizt — Zucker, Alkohol, Nikotin, Koffein, Pornografie, Social Web, Doom-Scrolling —, verliert nicht nur die Fähigkeit zur Motivation, sondern er verliert die Fähigkeit zum Frieden. Das Ruhegefühl stirbt zuerst.
Keine Traurigkeit ist das. Traurigkeit hat einen Gegenstand. Es ist das Gefühl, dass die Farben noch da sind, aber nichts mehr leuchtet. Wie ein Fernseher ohne Ton und ohne Bild, der trotzdem läuft. Als hätte jemand den Boden nicht entfernt, sondern nur so weit abgesenkt, dass man ihn nicht mehr spürt. Man steht. Aber man spürt nicht, worauf. Und dann braucht man den nächsten Reiz, nicht um sich gut zu fühlen, sondern um sich überhaupt zu fühlen.
Die Mikroexpressionen, das Verhalten im Umgang mit anderen und sich selbst — es gibt keinen äußeren Grund dafür. Der gesamte Ausdruck, jede Pore schreit das in den Raum. Ich sehe, dass es drogenbedingt ist. In der Regel alkoholbedingt. Manche rauchen und kiffen zusätzlich. Kiffen steigt stark an.
Auch Zucker macht das Dopaminsystem kaputt. Und Übergewicht. Übergewicht stumpft genauso ab wie harte Drogen. Zucker wirkt im Gehirn wie Kokain, im Nucleus accumbens jedenfalls. Daraus folgt permanenter Stress, ohne äußeren Grund.
Man muss nur die Augen aufmachen und in die Gesichter der Menschen schauen. Darauf achten, wie sie sich bewegen, was sie treibt, was in ihrer Stimme ist, in ihren Lautabsichten, ihren Gesten. Ich sehe die Gesichter. Die permanente Anspannung. Das ist ein Nervensystem, das nicht mehr runterkommt. Und die Nebenniere im Dauerbetrieb, weil das Dopaminsystem die Homöostase nicht mehr hält. Und dann reicht ein falscher Blick im Supermarkt für eine Eskalation, die vor zehn Jahren undenkbar gewesen wäre.
Wir suchen die Ursache in der Politik, in der Wirtschaft, in der Migration, im Klima. Die Ursache steht im Kühlschrank. Und niemand sieht es. Niemand kann es sehen. Blindheit ist nicht das Gegenteil von Sehen. Blindheit ist, wenn alle dasselbe sehen und es normal nennen. Fische entwickeln keinen Begriff von Wasser, wenn es für sie nie etwas anderes gab.
Aber Nichtstun lässt sich nicht verkaufen. Niemand profitiert davon, wenn man aufhört. Heilung ist der einzige Markt ohne Kunden. Man müsste ein Patent anmelden auf Verzicht.
Patentanspruch No. 1: Der Anwender unterlässt sämtliche Substanzen und wartet, bis der Organismus sich selbst repariert.
Patentanspruch No. 2: Es wird keine Ersatzsubstanz verabreicht. Vorrichtung zur Durchführung: nichts.
Das Patentamt würde ablehnen. Eine Erfindung muss ein technisches Problem mit technischen Mitteln lösen. Nichtstun ist kein technisches Mittel. Dass es wirkt, ist unerheblich. Dass es besser wirkt als alles, was patentierbar wäre — kein Kriterium. Jede patentierbare Lösung — Antidepressiva, Schlafmittel, Entzugskliniken, Nahrungsergänzung, Mikrodosierung, Therapie — muss das Problem, das sie löst, zunächst erzeugen oder aufrechterhalten, um wirtschaftlich tragfähig zu sein. Die einzige Lösung, die das Problem nicht erzeugt, ist nicht patentierbar, nicht verkaufbar, nicht vermarktbar. Weil sie darin besteht, aufzuhören. Die gesamte Suchtökonomie existiert in dieser Lücke.
Diese Geschichten müssen verschwinden. Denn solange sie leben, sterben wir.
Jeden Tag.



Das Ende der Geschichte:
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Redaktioneller Hinweis: Die wissenschaftlichen Aussagen in diesem Text basieren auf begutachteter Fachliteratur. Biografische Passagen sind Erfahrungsbericht, keine Verallgemeinerung. Es bestehen keine Interessenkonflikte. Meinungen sind kein Ersatz für Daten. Bethany R. Canver, Richard K. Newman, Anna E. Gomez, »Alcohol Withdrawal Syndrome«, in: StatPearls [Internet], 14.02.2024.
Markku Linnoila, Ivan Mefford, David Nutt, Bryon Adinoff, »Alcohol Withdrawal and Noradrenergic Function«, in: Annals of Internal Medicine, Vol. 107, Issue 6, 01.12.1987, 875—89.
Sarah M. G. J. Roelofs, »Hyperventilation, Anxiety, Craving for Alcohol: A Subacute Alcohol Withdrawal Syndrome«, in: Alcohol, Vol. 2, Issue 3, 1985, 501—5.
Zvani L. Rossetti, Sonia Carboni, »Ethanol Withdrawal Is Associated with Increased Extracellular Glutamate in the Rat Striatum«, in: European Journal of Pharmacology, Vol. 283, Issue 1—3, 05.09.1995, 177—83.
George F. Koob, Michel Le Moal, »Neurobiological mechanisms for opponent motivational processes in addiction«, in: Philosophical Transactions of the Royal Society B, Vol. 363, Issue 1507, 24.07.2008, 3113—23.
Allostatische Logik; negative Verstärkung.
George F. Koob, »Addiction Is a Reward Deficit and Stress Surfeit Disorder«, in: Frontiers in Psychiatry, Vol. 4, August 2013, Art. 72.
Canver et al. 2024.
Nicht mehr richtig denken gehört zum Entzug. Es kann auch Thiaminmangel sein. Wernicke-Korsakoff beginnt so: Verwirrtheit, Augenbewegungsstörungen, Gangataxie. — Nichts, worüber man philosophieren sollte, während man halb wegdämmert.
Neuroexzitatorischer Rebound, noradrenerger Alarm, Hyperventilation, Stressachsen-Aktivierung, Belohnungsdefizit.
Plötzliches Reduzieren von Alkohol kann tödlich sein. Ihn nicht zu reduzieren kann auch tödlich sein.
Ich kann es nicht empfehlen.
DeltaFosB ist ein Transkriptionsfaktor, ein molekularer Umbauhelfer in den Belohnungsnetzwerken. Jede Dosis schichtet ihn auf. Es akkumuliert, und mit ihm die Veränderung. Es bleibt, wenn die Droge längst weg ist, und hält das Gehirn auf Sucht gepolt.
Eric J. Nestler, Michel Barrot, David W. Self, »ΔFosB: A sustained molecular switch for addiction«, in: PNAS, Vol. 98, Issue 20, 25.09.2001, 11042—6.
DeltaFosB macht Bier nicht lecker. Geschmackswandel bei Alkohol hängt an gelernter Reizbedeutung, Abstumpfung gegen das Abstoßende und der Verknüpfung von Geschmack, Geruch und Kontext mit schneller Erleichterung.
Ticro Goto, Kreativer Suizid. Rauchen, Hunger und die Lüge vom inneren Kind, Berlin 2026, 131—54.
Sigmund Freud, Jenseits des Lustprinzips, Leipzig/Wien/Zürich 1920.
Goto 2026, 245—56.







Selten finde ich Texte so schmerzhaft und notwendig zugleich.