Irgendwo in Deutschland sitzt eine Frau mit Diabetes Typ 2 und isst ihren Salat vor dem Steak, weil eine Biochemikerin es ihr gesagt hat. Sie hat das Buch gekauft und das Praxisbuch und das Supplement. Sie hat den Essig getrunken. Die Reihenfolge eingehalten. Ihr Blutzucker ist nicht besser geworden. Aber sie glaubt, sie sei schuld. (Das soll sie auch.) Also kauft sie den Sensor. Irgendwann wird sie blind. Oder sie verliert einen Fuß. Oder sie stirbt.
Im 19. Jahrhundert nannte man sie Quacksalber. Sie verkauften Wundermittel auf Marktplätzen, Tinkturen gegen alles, Pillen ohne Wirkstoff. Wer starb, war selbst schuld. Wer überlebte, war Beweis. Heute nennt man sie Bestsellerautoren. Der Marktplatz heißt Amazon, die Tinktur heißt Supplement.
Heilung ist unbequem. Drei Tage ohne Zucker, und das Gehirn schreit. Der Kopf tut weh, man zittert, beginnt sich und die Welt zu hassen. Der Körper will Zucker, um sein angegessenes falsches Gleichgewicht zu halten. Der Weg raus führt durch den Entzug. Es gibt keinen Hack, der den Schmerz umgeht. Es gibt nur Lügen, die ihn verschieben. Das Gehirn baut sie selbst, wenn es süchtig ist. Es verändert sich nur unter Druck.
Das weiß jeder Arzt. Und jeder Dealer.
Und dann kam eine Frau und erklärte Millionen von Menschen, dass Schmerz optional ist. Sie nennt sich »Glucose Goddess«. Ihr richtiger Name ist Jessie Inchauspé. Den braucht man sich aber nicht zu merken. Der Titel genügt. Sie erschien wie jeder Messias — mit einer Botschaft, die zu schön ist, um wahr zu sein.1
Heilung kostet nichts. Kein Verzicht, kein Entzug, kein Schmerz.
Drum verkaufte sie drei Millionen Kopien, machte 48 Millionen Euro Umsatz, sammelte sechs Millionen Follower.
Die Frage ist nur, wofür.
Die meisten sind noch immer krank.
In ihrem Amazon-Video hüpft Inchauspé, drückt das Buch an die Brust wie ein Kuscheltier, reißt die Augen auf. Die Stimme geht hoch, die Hände flattern. Alles an ihr sagt: Ich bin fünf Jahre alt und erzähle von meinem Geburtstag.
Wenn die Körpersprache den Wachhund betäubt hat, kommen die Worte. »Ich bin Wissenschaftlerin«, sagt sie in Interviews. Der Satz ist technisch korrekt, strategisch gelogen. Inchauspé hat Biochemie studiert.2 Sie hat nie einen Patienten behandelt, nie eine klinische Studie durchgeführt, nie einen Artikel in einer Fachzeitschrift veröffentlicht. Vor dem Buch hat sie in Startups gearbeitet und gelernt, wie man Produkte verkauft.
Jede Sekte braucht eine Ursprungsgeschichte. Sie hat eine. Als Teenager brach sie sich die Wirbelsäule. Danach kam, was sie »Depersonalisationsstörung« nennt. Das Gefühl, dass man selbst und die Welt aufhören, real zu sein. Die Ärzte, sagt sie, wussten nicht weiter. Das kenne ich. Bei meiner Epilepsie wussten die Ärzte auch nicht weiter. Der Unterschied ist, dass ich daraus kein Imperium gebaut habe. Ich habe einen Ausweg gesucht. Sie hat sich Kunden gesucht.
Dann kaufte sie einen Blutzuckersensor, glättete ihre Kurven, und die Störung verschwand. Das ist plausibel. Ich hatte unter Zuckerspikes keine Depersonalisation, aber Wahrnehmungsverzerrungen und Schmerzen. Ich hätte auf Zucker nicht studieren können.3
Inchauspés Geschichte hat alles, was eine gute Geschichte braucht. Leid, Wendepunkt, Erlösung. Auch wenn es für den behaupteten Zusammenhang zwischen Blutzucker und Depersonalisation natürlich keinen Beleg gibt.
Wenn das Vertrauen steht, kommt das Versprechen. Blutzuckerkontrolle heilt alles. Heißhunger, Müdigkeit, Hautprobleme, Depressionen — alles derselbe Hebel. Mühe kostet es keine, das ist der Slogan: »trotzdem essen, was man will«. Die Wirkung beginnt nach der ersten Mahlzeit und hält für immer. Alles auf einmal, sofort und lebenslang.
Ein Finanzberater, der verspricht, alle Geldprobleme sofort und für immer zu lösen, und dass man weiter ausgeben darf wie bisher, verliert seine Lizenz vor morgen früh.
Bücher dürfen das.
Vielfach gestapelt ist das Versprechen auf dem Cover.
Erstens die Totalität. Alle physischen und psychischen Beschwerden würden geheilt. Auf dem Banner stehen Diabetes, Herzerkrankungen, Demenz, Krebs, Unfruchtbarkeit, psychische Störungen.
Zweitens die Mühelosigkeit. »Trotzdem essen, was man will.« Das ist der zentrale Satz, der bedeutet, dass keine Veränderung nötig ist.
Drittens die Sofortigkeit. »Sich sofort besser fühlen.« Das erste Kapitel verspricht spürbare Verbesserung nach der ersten Mahlzeit.
Viertens die Dauerhaftigkeit. »Für immer verändern.«
Alles, sofort, für immer, ohne Veränderung. Das ist die Logik von Religionen.
Und die einer Droge.
Es ist dasselbe Muster wie bei Stefanie Stahl. Auf dem Cover von Das Kind in dir muss Heimat finden steht: »Der Schlüssel zur Lösung (fast) aller Probleme.« Das »fast« steht in Klammern. Es ist da, damit niemand klagen kann. Es ist nicht da, damit jemand es liest. Es existiert für die Rechtsabteilung. Inchauspé kopiert das: Alles heilen. Trotzdem alles essen. Zwei Sätze, die sich ausschließen, verkauft als Einheit.
Stahl verspricht, alle Probleme zu lösen. Inchauspé übertrifft sie und verspricht, alle Probleme zu lösen, ohne etwas zu ändern dabei. Weiter den Döner. Weiter das Junkfood. Weiter den Industriemüll, nach dem das Gehirn schreit, weil die Lebensmittelindustrie es so dressiert hat. Weiter die Sucht, die sich als Appetit verkleidet. Das perfekte Angebot für den perfekten Süchtigen.
Womit wir bei der Reihenfolge-Lüge wären. Ihre Botschaft: Iss das Gemüse zuerst, dann das Steak, dann die Nudeln, und dein Leben wird besser. Das Gemüse öffnet die Tür, dann Protein und Fett, zuletzt Kohlenhydrate.
Angeblich bildet das ein Netz im Magen.
Hübsches Bild.
Mitnichten.
Speisebrei kennt keine Reihenfolge. Der Magen ist eine Betonmischmaschine. Sobald Nahrung ankommt, beginnt die Peristaltik. Der Magen rührt alles durcheinander. Dann kommt der Pylorus und lässt den Brei in den Dünndarm. Nur was flüssig genug ist, darf durch. Kontrolle darüber existiert nicht.
Aber Reihenfolge täuscht ein Gefühl von Kontrolle über das eigene Leben vor. Und das ist ehrlicherweise ja das, worum es bei alledem eigentlich geht.
Zehn Hacks insgesamt. Drei Binsen. Vier Belanglosigkeiten. Zwei Absurditäten. Und einer, der schadet.
Trink Essig vor dem Essen.
Inchauspé empfiehlt, vor jeder Mahlzeit ein Glas Wasser mit Essig zu trinken. Was isoliertes Wasser mit dem Körper macht, wissen alle, die bereits länger mitlesen.4
Das Buch enthält aber auch gute Ratschläge. Gemüse darunter, Spaziergänge nach dem Essen, Frühstück ohne Zucker. Immerhin. Das Offensichtliche, um Vertrauen zu erzeugen. Man liest das mit dem Gemüse und nickt. Mit dem Spaziergang und nickt. Das Gehirn stuft sie als vertrauenswürdig ein. Die Frau hat recht. Skepsis sinkt. Und dann schluckt man den Rest. Hacks, Pillen, Abo.
Sie nennt Essig eine »magische Substanz«. Essig reizt die Schleimhäute. Und in der Regel sind die Schleimhäute verletzt, der Darm ist porös, die Speiseröhre gereizt. Bei der Mehrheit ist Alkohol die Hauptursache. 85 Prozent der Erwachsenen in Deutschland trinken Alkohol. Alkohol zerstört die Schleimhäute. Der Darm ist chronisch entzündet und durchlässig. Leaky Gut nennt man das. Eine beliebte Diagnose, nebenbei gesagt, weil sie keine Veränderung fordert. Anders als Alkoholsucht, die fordert, dass man aufhört. Leaky Gut fordert nur, dass man einen Namen hat für das, was man sich selbst antut.
Das erwähnt die Autorin aber auch nicht. Und dann sollen sie Essig trinken, die Leute, auf nüchternem Magen. Weil es magisch ist.
Die Substanz, die tatsächlich tut, was Inchauspé dem Essig zuschreibt, ist Zitronensaft. Er wirkt so, wie sie für Essig behauptet. Er wird basisch verstoffwechselt, heilt statt zu reizen. Das steht nicht in ihrem Buch. In meinen Büchern steht das. Und die Auflage passt in einen Karton. Einen kleinen. Ihre füllt Lagerhallen.
Was hilft, verkauft sich schlecht.
Ein geschlossener Kreislauf der Selbstzerstörung, getarnt als Gesundheitsbewusstsein. Jede Station wird von den Betroffenen als vernünftige Entscheidung erlebt.
Erste Station, Alkohol. Der ist natürlich normal. Ach was, Kultur ist das. Reinheitsgebot und so. Zerstört die Darmschleimhaut. Einerlei. Danach lebenslang Supplemente, um den Mangel zu kompensieren. Einerlei. Den bemerkt man doch gar nicht mehr, wenn man ehrlich ist.5
Zweite Station, kaputter Darm. Leaky Gut. Eine Diagnose wie vom Himmel gefallen. Keine Ursache im eigenen Verhalten; geoffenbart wie ein Gefühl.
Dritte Station, Essig, weil die Göttin es empfiehlt. Der Essig reizt die Schleimhaut, die der Alkohol zerstört hat.
Vierte Station, Exazerbation. Also Supplement. Und Sensor. Und das nächste Buch. Zahlungsdaten speichern für nächsten Einkauf.
Leaky Gut heißt ich bin krank heißt ich kann nichts dafür heißt ich muss nichts ändern.
Das Buch verkauft die Erlaubnis, nichts zu ändern. Echte Veränderung tut weh. Inchauspé verpackt es in Kinderzeichnungen. Babynahrung für erschöpfte Gehirne. Wer den ganzen Tag gearbeitet hat, will keine Komplexität.
Als ich anfing zu studieren, hörte ich auf, Zucker zu essen. Ich schwitzte vom Zucker, zitterte, sah Auren. Mein Körper behandelt Zucker wie das, was er ist. Keine Reihenfolge hat geholfen, kein Essig. Nur eines: aufhören.
Nach sechs Wochen war der Entzug vorbei. Der Nebel ging weg. Ich konnte denken. Danach kamen vier Exzellenzuniversitäten, weil mein Gehirn aufhörte, sich selbst zu sabotieren. Ohne Zucker und ohne Trick. »Trotzdem essen, was man will« ist »trotzdem die Droge nehmen«. Es ist der Satz »ich hab es unter Kontrolle«. Jeder Süchtige sagt diesen Satz. Jeder hat ihn schon mal gehört. Es ist der Kernsatz jeder Substanzabhängigkeit.
Ich habe 2025 ein Getränkeunternehmen gegründet und Matrizen entwickelt, die ohne Zucker und ohne Süßstoffe süß schmecken. Ich kenne den Unterschied zwischen Essig und Zitronensaft aus der Formulierung. Ich weiß, warum Zimt in einer Kapsel nicht dasselbe tut wie Zimt im Essen. Ich weiß, was Bioverfügbarkeit bedeutet, weil ich das Problem lösen musste, das Inchauspé nicht einmal versteht.
Ich habe 900 Abonnenten.
Inchauspé lässt Drogeriezutaten in Kapseln füllen und macht Millionen.
Folgeprodukte sind Geschäftsmodell. Erst die Offenbarung für 14 Euro. Dann das Praxisbuch für 25. Der Leser gibt sich selbst die Schuld. Die Autorin verdoppelt den Umsatz. Dann das Supplement für 75 im Monat. Dann der Sensor für 99. Inchauspé hat aus einer banalen Weisheit ein Franchise gebaut, das gesunde Menschen in permanente Selbstüberwachung treibt.
Das Anti-Spike-Supplement enthält Maulbeerblattextrakt, Zimt, Chrom. Jeder dieser Stoffe hat in irgendeiner Reagenzglasstudie irgendeinen Effekt auf irgendeine Messgröße gezeigt. Die Kombination wurde nie getestet, an keinem Tier, an keinem Menschen, in keiner Studie.6
Zimt-Kapseln kosten vier Euro. Chrom-Tabletten fünf Euro. Maulbeerblatt-Extrakt sieben Euro. Kannst du bei Amazon kaufen. Sogar in Bioqualität. Zusammen sechzehn Euro für drei Monate. Inchauspé verlangt 225 Euro für denselben Zeitraum, also Faktor vierzehn. Herstellungskosten pro Dose liegen bei vier bis sieben Euro, großzügig gerechnet, inklusive Kapsel, Verpackung, Labeling und Versand. Bruttomarge neunzig Prozent. Von 75 Euro bleiben ihr 68. Sechs Millionen Instagram-Follower und 1,8 Millionen YouTube-Abonnenten sind die Werbung. Das Supplement muss nicht beworben werden. Bei konservativ geschätzten 30.000 Abonnenten sind das zwei Millionen Euro Gewinn pro Monat. Nur mit dem Supplement. Vor dem Sensor, vor den Büchern, vor den Vorträgen.
Was sie gemacht hat, ist bemerkenswert simpel.
Zuerst hat sie drei Inhaltsstoffe ausgewählt, für die es irgendeine Studie gibt, die irgendeinen Effekt auf Blutzucker zeigt. Maulbeerblattextrakt, Zimtrindenextrakt, Chrom. Dazu einen »proprietary blend« aus Gemüseextrakten, der hauptsächlich als Füllmaterial dient und auf dem Etikett beeindruckend klingt. Die Dosierungen hat sie aus den Einzelstudien abgeleitet, die sie im Buch zitiert. Googeln mit Masterabschluss.
Dann hat sie eine E-Mail geschrieben. An einen Private-Label-Hersteller. GMP-zertifizierte Produzenten in Europa starten ab 500 Einheiten, manche ab einhundert. Der Hersteller prüft, mischt, füllt, druckt, verpackt. Sie muss dafür keine Fabrik betreten, kein Labor besitzen, nichts testen. Sie muss nur eine E-Mail schreiben.
»Anti-Spike Formula« auf das Etikett, »clinically proven« daneben — das gilt für die Einzelstoffe, in Dosierungen, die in der Kapsel nicht vorkommen. Ein juristischer Trick. Das Produkt als Ganzes wurde nie geprüft. Dann ihr Logo, ihre Farben — druckt der Hersteller — und ein Shopify-Shop, ein Wochenende Arbeit. Produktfotos, Beschreibung, Abo-Modell mit Rabatt. 75 Euro Einzelkauf, weniger im Abo. Zahlungsabwicklung über Stripe, Versand über den Hersteller.
Dann Instagram-Post und Video mit der Kapsel.
»Die Lösung für alle, die den Glukosetrick leben wollen, aber noch mehr Unterstützung brauchen.«
Übersetzt: Für alle, bei denen es nicht geklappt hat. Also für alle.
Kein Werbebudget nötig. Die Gemeinde kauft gewissenhaft.7
Was sie nicht gemacht hat: klinische Studie, Tierversuch, Humanstudie, Toxizitätsprüfung der Kombination, Arzt konsultiert, Wechselwirkungen geprüft, Langzeitwirkung untersucht, Warnung für Schwangere, Diabetiker oder Menschen mit Essstörungen formuliert. Obwohl genau diese Gruppen ihr Buch kaufen. Nichts davon ist bei Nahrungsergänzungsmitteln in der EU gesetzlich vorgeschrieben.
Jeder mit einer E-Mail-Adresse und dreitausend Euro kann ein Supplement verkaufen. Der Unterschied ist nur, dass Inchauspé sechs Millionen Follower hat, die nicht fragen, was in der Kapsel ist.
Und für den unwahrscheinlichen Fall, dass ich gerade jemanden auf Gedanken gebracht habe: Ein Anti-Spike-Supplement, das tatsächlich wirkt, kombiniert Enzyme und Pflanzenstoffe so, dass sie sich gegenseitig verstärken. Zum Beispiel Kurkuma, NAC, Bromelain, Nattokinase, Grüntee-, Ingwer- und Schwarzer-Pfeffer-Extrakt. Unabhängig laborgeprüft, studienbasiert dosiert. Solche Präparate kosten maximal 35 Euro. Weniger als die Hälfte von dem, was Inchauspé für Drogeriezutaten in hübscher Verpackung verlangt. Der Unterschied ist, dass man dafür etwas von Biologie verstehen muss.
Mit dem Sensor erfindet Inchauspé ein Problem, das kaum jemand hat. Normale Blutzuckerschwankungen nach dem Essen werden zu Spikes dämonisiert. Für echte Diabetiker ein Schlag ins Gesicht. Ein Gerät, mit dem man die Angst beobachten kann, die Inchauspé verkauft. Ein geschlossener Kreislauf. Die Angst finanziert sich selbst. Der Sensor kostet 99 Dollar im Monat.8
Die Pointe ist, dass dieser Sensor Glukose im Unterhautfettgewebe misst. Für Diabetiker ist das wichtig, für gesunde Menschen ist es irrelevant. Die Glukose im Fettgewebe sagt nämlich nichts über die Glukose im Gehirn und damit nichts über die Symptome wie Heißhunger oder Stimmungsschwankungen.
Duane Mellor, Ernährungswissenschaftler an der Aston Medical School, erklärt das Problem. Ein kontinuierlicher Glukosemonitor misst kapilläre Glukose, einen Marker für die zentrale Glukose in den Arterien. Brain Fog hingegen hängt mit Glukose in der Zerebrospinalflüssigkeit zusammen. Der Monitor misst das Falsche. Inchauspés Beweisinstrument beweist nichts. Es misst die falsche Flüssigkeit. Dazu kommt, dass wer ständig auf Zahlen starrt, die er nicht versteht, Angst vor dem Essen entwickelt. Orthorexie nennt man das.9
Es gibt Menschen mit Diabetes, Adipositas, Binge-Eating-Störung. Menschen, die verzweifelt sind, nachts aufstehen und den Kühlschrank leeren, weil der Heißhunger stärker ist als der Wille. Nun sagt das Banner: »Schluss mit Heißhunger.« Und das Buch: »Trotzdem essen, was man will.« Und das ist kein Widerspruch für jemanden, der verzweifelt genug ist. Traumatisierte kaufen das Innere Kind, weil echte Therapie schmerzt. Diabetiker kaufen die Glukose-Göttin, weil Verzicht schmerzt. Beide bezahlen mit ihrer Gesundheit. Der Unterschied ist, dass eine Gruppe davon auch körperlich stirbt.
Die freundlichsten Gesichter verbergen die größte Grausamkeit. Stefanie Stahl lächelt. Giulia Enders lächelt. Inchauspé hüpft. Die nettesten Frauen, die Sachbücher kennen. Dahinter ein Geschäftsmodell, das auf Nichtwirkung basiert. Das Produkt liefert nichts. Der Kunde glaubt, er sei schuld. Er kauft das nächste Buch, das nächste Supplement, den nächsten Sensor. Ein Messer, das sich lächelnd dreht. Wer einen Menschen ausraubt, ist ein Verbrecher. Wer ihn lächelnd ausraubt und ihm einredet, er habe sich selbst bestohlen, ist ein Bestsellerautor.
Inchauspé hat Biochemie studiert. Sie weiß, was Oxytocin macht. Sie weiß, wie man es auslöst. Sie weiß, was eine Kaskade ist und wie man sie baut. Sie weiß, was sie tut. Also hüpft sie. Drückt das Buch an die Brust und verspricht, dass alles gut wird.
Sofort.
Für immer.
Ohne irgendetwas zu verändern.
Du hast ihr geglaubt, das Buch gekauft und vielleicht auch das Praxisbuch und das Supplement und den Sensor. Du hast in der richtigen Reihenfolge gegessen und Essig getrunken und Kurven auf dem Bildschirm beobachtet.
Und du bist trotzdem krank.
Die Göttin hüpft weiter. Du bleibst, wo du bist.
Es gibt keinen Trick.



Was Veränderung tatsächlich kostet. 507 Quellen, keine Hacks:
→ [Amazon-Link/979-8252624617]
Jessie Inchauspé, Glucose Revolution: The Life-Changing Power of Balancing Your Blood Sugar, New York 2022.
Jahrgang 1992, geboren in Biarritz. Bachelor in Mathematik am King’s College London, Master in Biochemie an der Georgetown University. Nach dem Master ging sie zu 23andMe. Dort ließ sie sich einen Glukosemonitor einsetzen. Als Probandin einer Firmenstudie. 2018 gründete sie den Instagram-Account @glucosegoddess. Zwei Bestseller, Glucose Revolution 2022 und The Glucose Goddess Method 2023, erschienen in 43 Sprachen. 2025 bekam sie eine eigene TV-Show auf Channel 4 in Großbritannien.
Ticro Goto, Kreativer Suizid. Rauchen, Hunger und die Lüge vom inneren Kind, Berlin 2026, 235—44.
Goto 2026, 83—129.
Abby Langer, zugelassene Ernährungsberaterin (Registered Dietitian), Toronto. Zit. in: Daryl Austin, »The Glucose Goddess supplement to reduce blood sugar spikes is going viral. Is it worth trying?«, in: TODAY, 16.02.2024.
Von der Idee bis zum verkaufsfertigen Produkt vergehen drei bis vier Wochen. Investitionskosten für die erste Charge: 2.000 bis 5.000 Euro. Rückfluss bei 75 Euro Verkaufspreis und 500 Flaschen: 37.500 Euro. Mit der ersten Charge.
Inchauspé ist Markenbotschafterin von Dexcom.
Freedom Food Alliance, »Open Letter to Channel 4 Regarding Misinformation in Eat Smart: Secrets of the Glucose Goddess«, 26.06.2025. Unterzeichnet von über vierzig zugelassenen Ernährungsberatern, Ernährungswissenschaftlern und Medizinern.






