Trinkst du auch genug?
Musst du nicht beantworten. Das war keine Frage, nur eine Regel, die keiner begründen muss, weil alle wissen, dass sie stimmt. Man muss mehr trinken. Zwei Liter am Tag, sonst trocknet der Körper aus. Und die, die sich den Quatsch ausgedacht haben, wissen genau, dass das stimmt.
Ganz sicher.
Mein Umzug nach Berlin, Mai 2014, fühlte sich an wie Neuanfang. Ich war euphorisiert.
Mein Körper sah das anders. Der war völlig überfordert.
Dann trank ich, bis mein Körper schmerzte. Kaum auf den Beinen halten konnte ich mich, weil ich literweise Wasser kippte. Dröhnender Kopf, als würde jemand mit einem Hammer auf einen Eimer schlagen. Ich war im Eimer.
Aufhören ging nicht. Der Gedanke ans Aufhören ging nicht. Und je schlimmer die Schmerzen, desto mehr trank ich, um die Schmerzen zu tilgen.
Ich ging in die Küche, nahm die nächste Flasche, ex’te sie. So wie ein Säufer ein Bier ex’t. Literflaschenweise, kohlensäurehaltig.
Adelholzener.
Ich konnte die Flasche nicht absetzen, als würde sie mir etwas in den Mund drücken.
Dann war sie leer und die Schmerzen ein volles Gefäß.
Etwas in mir schrie, dass das Wasser die Ursache war. Ich spürte die Schreie. Aber ich konnte sie durch Wachs nicht hören, den Gedanken nicht denken.
Die Schmerzen waren unerträglich.
Ich trank die nächste Flasche, um die Schmerzen zu mildern.
Ich muss mehr Wasser trinken, damit es aufhört.
Und nie etwas Geringeres. Immer Wasser. Flüssiges Manna, das leuchtete im Raum. Wasser war süßer als Limonade, intensiver als Gin Tonic.
Ich ging in die Küche, meine Beine bewegten mich dorthin, nahm die nächste Flasche. Schmerzen noch schlimmer.
Noch ein Liter, dann hört es auf.
Es hört nicht auf. Mir stand das Wasser im Hals. Manchmal fiel es aus dem Mund, das Wasser, weil im Körper kein Platz mehr war.
Es war, als würde ich immer tiefer schneiden, um den Schmerz zu lindern. Das ist die Schleife jeder Sucht. Lösen mit dem was bindet.
Und wir reden nicht über Liquid Ecstasy.
Wir reden über Wasser.
Die heilige Schrift der Hydration ist eine Publikation aus dem Jahr 1945.1 Dort empfahl ein Gremium2 pro Kalorie ein Milliliter Wasser. Bei zweitausend Kalorien sind das zwei Liter oder acht Gläser am Tag.
Das ist der Ursprung. Eine konfabulierende Ernährungskommission ohne medizinisches Fundament. Entstanden während des Zweiten Weltkriegs, ursprünglich für die Versorgung der Streitkräfte. Keine Experimente, keine Kontrollgruppen, keine Peer-Review.
Das gesamte Dogma der Hydrationslehre führt auf diesen einen Absatz zurück.
Was bis heute systematisch unterschlagen wird, ist der unmittelbar folgende Satz in derselben Publikation.
»Most of this quantity is contained in prepared foods.«3
Der größte Teil dieser Menge wird bereits durch die Nahrung aufgenommen. Das kam nicht in die Enzyklika. Es wurde abgeschnitten.
Milliarden von Litern, achtzig Jahre. Und die ganze Zeit stand der entscheidende Satz in der Originalquelle. Jeder hätte ihn lesen können.
So entstehen Wahrheiten. Aus einem Halbsatz, den niemand liest, und einer Mehrheit, die ihn nachplappert.
Niemand schlug nach. 57 Jahre lang. In dieser Zeit wurde die Berliner Mauer gebaut und wieder abgerissen. Ein Mensch betrat den Mond. Das Pockenvirus wurde ausgerottet. Homosexualität entkriminalisiert. Das Internet erfunden. Das menschliche Genom sequenziert. Drei Päpste starben. Der Zwei-Liter-Mythos blieb.
Dann kam Heinz Valtin. Ein Nephrologe, der zwei Standardlehrbücher geschrieben hatte, die jeder seiner Kollegen kannte und keiner gelesen hatte. Er tat, was vor ihm niemand für nötig hielt.
Er suchte nach dem Beleg.
Eine einzige kontrollierte Studie, die zeigt, dass gesunde Erwachsene in gemäßigtem Klima zwei Liter Wasser am Tag brauchen.
Seine Analyse4 erschien in der Hauszeitschrift der amerikanischen Physiologen, einer Institution, die seit 1898 erscheint. In jenem Fach, dessen Mitglieder den Mythos ein halbes Jahrhundert weitergetragen hatten, ohne den Originaltext je aufzuschlagen. Es hätte keinen besseren Ort dafür geben können.
Sein Befund: Es gibt keinen Befund. Nicht den Fetzen. Die Empfehlung ist eine freie Erfindung. Wissenschaftlich ungefähr so fundiert wie die Vier-Säfte-Lehre im Mittelalter.
Valtin widerlegte auch andere Mythen. Dass dunkler Urin Dehydrierung bedeute. Oder dass man bei Durst bereits dehydriert sei.
Durst beginnt, wenn die Blutkonzentration um zwei Prozent steigt. Dehydrierung beginnt bei fünf. Wer sagt, Durst sei ein Warnsignal für Dehydrierung, kann auch sagen, Hunger sei ein Warnsignal für Verhungern. Und Müdigkeit ein Warnsignal für Tod.5
Valtins Artikel erhielt weltweite Aufmerksamkeit. Die internationale Presse berichtete. Jahrelang erklärte er in Interviews immer dieselbe Sache. Sein Befund verankerte sich in der peer-reviewten Standardliteratur.
Nichts passierte.
Die Industrie verkaufte weiter, in feierlicher Unbeugsamkeit. Flaschen wurden größer. Kinder lernten Körperselbstmisshandlung.
57 Jahre Trägheit.
17 Jahre Fahrlässigkeit.
Valtin starb mit 93.
Ehre seinem Andenken.
Lesefehler sterben schnell. Lesefehler mit Aktionären leben ewig. Danone, der weltweit größte Flaschenwasserhersteller nach Nestlé, PepsiCo und Coca-Cola, hat dafür sogar eine eigene Lobbygruppe.6 Sie wurde nicht von Danone gesponsert. Sie wurde von Danone gegründet.7
2008 schuf Danone eine pseudowissenschaftliche Plattform. Sechs Jahre nach der Demontage durch Valtin.
»Water can no longer be the forgotten nutrient.«8
Wasser darf nicht länger der vergessene Nährstoff sein. Als hätte jemand das Wasser vergessen, das in jedem Apfel sitzt. Die Lobbygruppe veranstaltet Konferenzen und finanziert Studien. Die Co-Autoren bekommen ihr Gehalt von Danone. Es bestehen gewiss keine Interessenkonflikte. Die Lobbygruppe gibt Empfehlungen, die alle dasselbe sagen.
Wir trinken alle nicht genug. Wir müssen mehr trinken.
Ausgerechnet die Wissenschaft, sagen sie, müsse das Bewusstsein für Dehydrierung schärfen. Die Wissenschaft, die seit Valtin weiß, dass es bei gesunden Menschen in Industrieländern keine Dehydrierung gibt.
Es gibt nur den Mangel an gekauftem Wasser.
Die globale Flaschenwasserindustrie setzt jährlich über dreihundert Milliarden Euro um.9 Dasselbe Wasser, das in Deutschland für weniger als einen halben Cent pro Liter aus dem Hahn kommt, abgefüllt in Plastik, verkauft für das Tausendfache.
Die teuerste Flüssigkeit der Welt nach Diamantstaub.
Die Normalisierung der Wasserflasche als Accessoire ist die größte Marketingleistung des 20. Jahrhunderts. In den 1980ern ging kein Mensch mit einer Flasche Wasser aus dem Haus. Heute steht auf jedem Schreibtisch eine. Die Physiologie hat sich nicht verändert. Verändert hat sich nur, was die Industrie verkauft, und dass alle es kaufen.
Die Industrie hat es geschafft, dass Menschen für etwas zahlen, das ihnen die Stadt kostenlos in die Wohnung pumpt. Sie schleppen das Plastik nach Hause, trinken es leer, schleppen es zum Pfandautomaten, bekommen fünfundzwanzig Cent und nennen das Selbstfürsorge. Die Hand, die die Flasche hält, hält gleichzeitig die Quittung für ihre eigene Verblödung.
Saker und Kollegen zeigten, was im Gehirn passiert, wenn Menschen trinken, ohne Durst zu haben.10 Sie schoben Probanden in eine Röhre und pumpten ihnen Wasser über einen Schlauch in den Mund, während der Scanner las, was das Gehirn mit der Flüssigkeit vorhatte. Bei der Gruppe mit echtem Durst registrierte das Gehirn instinktiv Vergnügen. Der anteriore mittlere cinguläre Cortex und der orbitofrontale Cortex leuchteten wie ein Feuerwerk. Tiefsitzende Belohnungszentren, die auch aktiv sind, wenn jemand hungrig in einen Apfel beißt. Trinken geschieht automatisch, wenn der Körper danach verlangt.
Dann forderten die Forscher die Probanden auf, über den Durst hinaus weiterzutrinken. Plötzlich war das Trinken nicht mehr angenehm. Das Gehirn hemmte den Schluckreflex. Dreimal anstrengender wurde der Schluck. Der motorische Cortex und der präfrontale Cortex leuchteten auf. Dieselben Areale, die feuern, wenn ein Mensch gegen seinen Willen etwas tut.
Physische Barriere im Hals.
Die Forscher wiederholten den Versuch mit achtprozentiger Zuckerplörre. (Die Industrie nennt das Limonade.) Durstig mochten sie die Zuckerlösung. Übersättigt ekelten sie sich. Der Zucker half nicht.
Sobald eine Wasservergiftung droht, hat das Flüssigkeitsgleichgewicht Priorität. Der dritte Schluck kostet mehr als der erste. Der vierte kostet mehr als der dritte. Irgendwann blockiert der Hals, und was bleibt, ist die Erziehung, die ihn zwingt weiterzutrinken.
Verhungern ist ein langsamer Tod. Ertrinken ist ein schneller. Der Körper stuft Überhydrierung als gefährlicher ein als Energiemangel. Und gegen ebendieses Urteil der Evolution trinken Menschen täglich an.
Weil ihnen das jemand gesagt hat.
Wäre es tatsächlich überlebensnotwendig, mehr zu trinken als der Durst vorgibt, hätte die Evolution einen stärkeren Durstmechanismus selektiert. Sie hat es nicht getan. Hew-Butler und Kollegen sagen, die Schwierigkeit vieler Menschen, zwei Liter Wasser täglich zu trinken, deute auf einen inhibitorischen neuronalen Schaltkreis, der Übertrinken bei Säugetieren begrenzt, beim Menschen aber bewusst überschrieben werden kann.11
Wir drücken uns das Wasser mit Gewalt in den Körper. Weil uns das jemand empfiehlt. 700 Millionen Jahre Selektion für einen einzigen Zweck. Dem Überleben. Und dann kommt eine Ernährungskommission und schreibt das um. Die Evolution macht in 300.000 Jahren weniger Fehler als die DGE in siebzig.
Die Schluckhemmung ist der stumme Protest des Körpers. Diesen Mechanismus möchten Kommissionen ausschalten, indem sie der Bevölkerung wissenschaftsfeindliche Propaganda ins Hirn schmieren. Der Mensch ist das einzige Wesen, das seinen eigenen Metabolismus verneint. Mit einer Plastikflasche. Freiwillig, und mit dem Gefühl, dass es gut sei.
Die Flüssigkeit, die der Körper braucht, steckt in der Nahrung. Zellwasser ist etwas anderes als isoliertes Wasser. Eine Tomate besteht zu 95 Prozent aus Wasser. Ich aß sie jahrelang und trank kein Glas Wasser dazu. Das Wasser in der Tomate ist eingebettet in eine Matrix aus Mineralien, Elektrolyten, Vitaminen und Ballaststoffen. Diese Matrix steuert den Absorptionsprozess. Entscheidend ist die osmotische Differenz.
Flaschenwasser ist hypoton. Es trifft die Darmschleimhaut und muss aufwendig reguliert werden. Der Körper muss alles verstellen — Elektrolyte verdünnen, osmotischen Druck anpassen, Ordnung wiederherstellen, die niemand gestört hätte, wenn niemand getrunken hätte. Wasser aus einer Tomate kommt in einem physiologisch assimilierbaren Paket. Die Zelle liefert das Wasser anschlussfertig. Der Körper muss nicht erst umbauen, was er aufnimmt.
Das wollte die 1945er-Empfehlung eigentlich sagen, bevor jemand den entscheidenden Satz wegließ.
Essen, nicht trinken.
So wie jedes Säugetier, das keine Leitlinie hat, seine Flüssigkeit über die Nahrung bekommt, reguliert durch Durst.
Während meines Studiums in Berlin aß ich pfundweise Cherrytomaten. Zitrusfrüchte, Kokosnüsse. Sonst nichts. Kein isoliertes Wasser. Die Flüssigkeit kam aus der Nahrung. Es war die gesündeste Zeit meines Lebens.
Ich war nicht mehr krank. Meine Haut war klar und weich, meine Energie hielt den Tag, mein Kopf war ruhig. Durst war nicht. Mein Körper bekam bereits, was er brauchte. Was ich lange als eigentümliche Störung interpretierte, war in Wahrheit gesund. Was andere für gesund hielten, war chronische Selbstvergiftung, langsam genug, dass niemand es merkte. Mein Körper war perfekt hydriert, wurde hübscher als jemals.
Ich war das Messgerät.
Trinkst du auch genug?
Das war die Frage, die in Wahrheit eine Antwort war. Der strenge Lehrer-Ton, die Erziehungsgeste, als sprächen nicht mehr sie selbst. Das Programm und die Immunreaktion.
»Wie kommst du denn auf deine zwei Liter am Tag?«
Mein Schauspiellehrer.
Meine zwei Liter. Als wäre das eine physikalische Konstante. Als hätte Gott persönlich die Trinkmenge in die Schöpfung eingeschrieben, irgendwo zwischen Schwerkraft und Lichtgeschwindigkeit.
Cherrytomate steht nirgends eingeschrieben.
Zu viel Wasser verdünnt die Natriumkonzentration im Blut.12
Der Name dafür lautet Hyponatriämie.
Das Gehirn sitzt in einem unnachgiebigen knöchernen Tresor. Wenn die Hirnzellen anschwellen, weil Wasser einströmt, drückt das Gehirn gegen die Schädeldecke.
Die ist nicht nachgiebig.
Wasser muss immer verstoffwechselt werden. Nieren müssen filtern, Zellen osmotischen Druck regulieren. Wenn Natriumwerte sinken, drückt Flüssigkeit in Zellen.13 Die schwellen an. Entzündung.14
De Wardener und Herxheimer, zwei Ärzte, probierten es aus, an sich selbst.15 Elf Tage lang tranken sie jeweils zehn Liter Wasser pro Tag, alle dreißig bis sechzig Minuten ein halbes Glas, und beobachteten, was geschah.
Ihre Haut wurde blass, kalt, das Gesicht schwoll an, der Kopf tat weh. Die Lippen schienen auszutrocknen, ironischerweise. Essen schmeckte fad, nach nichts, wie Tomaten vom Discounter statt vom Hof. Labil wurden sie. Teile ihres Sichtfelds fielen aus.16 Einfache Aufgaben wie Säcke in einen Teich.
Sie wurden dumm. Wähnten sich gesund.
Wer weitertrinkt, baut sich ein Ödem in den Kopf. Was bei vielen Menschen freilich nicht groß auffallen würde, weil sie ohnehin so leben, als sei ihr Gehirn bereits eins. Rasierklinge aus Wasser purer Zeitgeist. Ein funktionierendes Gehirn müsste Verantwortung übernehmen. Ein geschwollenes darf Karaffen aufstellen.
Extremhydrierung ist sichtbar, chronisch erhöhte Wasserzufuhr nicht. Was praktisch ist, wenn man verwaschen sprechen, Dinge vergessen und Gedanken nicht zu Ende denken möchte. Zum Beispiel weil die anderen Leute das ja auch alle so machen. Dazugehören heißt, dieselben Symptome zu haben, und Zugehörigkeit war schon immer teurer als Klarheit. Anpassung auf dem Niveau der Hirnzellen.
Elektrolyte brauchen Gleichgewicht. Wer chronisch übertrinkt, schwebt über einem unsichtbaren Abgrund. Der Körper ist ständig damit beschäftigt, überschüssiges Wasser loszuwerden. Was er dabei nicht tut: sich selbst reparieren. Schön sein. Neurogenese, Immunfunktion, Zellerneuerung — das wartet alles.
Mein Kopf schmerzte, mir war übel. Ich war verwirrt oft, dachte lange, ich sei nicht normal. Aber das passiert bei jedem, der zu viel Wasser trinkt.
Nein, das ist kein Nährstoffmangel, Stress oder Long-COVID. Hör einfach auf, das Zeug zu kippen, als gäbe es kein Morgen.
Die öffentliche Gehirnwäsche drückte mich immer wieder zum Flaschenwasser. Ich kaufte mir hochwertiges alpines Wasser. Vielleicht, dachte ich, war es nur die Qualität. Vielleicht war ich vorher nur zu arm gewesen für die richtige Selbstzerstörung.
Die Folgen waren dieselben, auch zum doppelten Preis.
Ich konnte nicht mehr denken. Es fühlte sich an, als würden sich meine Organe auflösen. Es brannte alles, Zellenstaat in Öl. Ödeme dann, und ich spürte Teile meines Körpers nicht mehr, Haut zum Zerreißen gespannt. Was nicht raus konnte, ging nach innen. Ich lag invalid und wartete. Dass es aufhört. Heute habe ich eine überdehnte Blase, ausgeleierte Harnleiter und irreparable Nierenschäden.
Mit Danone jeden Tag ein Lächeln.
Die sogenannte Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) ist die ernährungswissenschaftliche Infrastruktur der Bundesrepublik. Sie entwickelt Qualitätsstandards für Kitas, Schulen, Betriebe, Behörden, Kliniken, Senioreneinrichtungen. Wer sich prüfen lässt, erhält ein Siegel.
»DGE-geprüfte Qualität.«
Wer abweicht, verliert es. Wer es verliert, verliert Aufträge. Juristisch freiwillig, ökonomisch alternativlos.
In fünf Bundesländern ist das nicht einmal mehr freiwillig. Berlin, Thüringen, Bremen, Hamburg und das Saarland haben das für Schulverpflegung gesetzlich verankert. Ein Schulleiter, der seinen Schülern beibringt, auf ihren Durst zu hören statt auf einen Trinkplan, handelt dort rechtswidrig.
Gleichzeitig warnt die DGE vor Todesfällen, in ihrem Positionspapier für Sportler.
»In der Vergangenheit orientierten sich Sportler häufig an dem Leitsatz ›Trinken bevor der Durst kommt‹. Dadurch kann jedoch das Risiko für das Auftreten einer Hyponatriämie erhöht sein, die in Extremfällen auch schon zu Todesfällen bei Freizeitsportlern geführt hat.«17
Die Korrektur existiert. Sie steht in Fachzeitschriften, die Sportmediziner lesen. Indes anempfiehlt die DGE der Bevölkerung weiterhin, zu trinken, ohne Durst zu haben. Die eigenen Zahlen liest sie offenbar nicht. Die unkorrigierte Fehlinformation steht dort, wo Todesfälle vernachlässigbar sind, in den Broschüren für alle anderen, für die Erzieher, Kantinenbetreiber, Pflegekräfte und Senioren.
Eine Institution, die öffentlich zur Selbstverletzung aufruft. SVV — konsequent schizophren. So wie die Probanden im fMRT von Saker und Kollegen. So wie der 22-jährige Läufer, der 2007 in London zusammenbrach und starb.
Er kam auf seine zwei Liter.
Die Boston-Marathon-Studie von Almond und Kollegen zeigt das Wasser-Tourette.18 Dreizehn Prozent der untersuchten Läufer wiesen am Ende des Rennens eine Hyponatriämie auf. Drei hatten lebensbedrohlich niedrige Natriumwerte. Die Eliteläufer traf es nicht. Die Braven traf es, die vier Stunden brauchten, an jeder Wasserstation stehenblieben, drei Liter reindrückten und im Ziel mehr wogen als beim Start.
Mitchell Rosner, Nierenspezialist wie Valtin, warnt seit Jahrzehnten vor der Wasservergiftung. Die Literatur zählt mindestens zwölf bestätigte Todesfälle, merkt aber an, dass die wahre Zahl höher liegen dürfte.19 Rosner hat 2019 in einem Fachvortrag protokolliert, dass das Trinkverhalten der Opfer anerzogen sei (»conditioned«).
»Fragt man diese Leute, so ist es nicht der Durst, der ihr Handeln bestimmt. Es ist vielmehr das Gefühl, dass ihnen gesagt wurde, sie müssten ständig trinken.«20
Auf die Frage, gegen wen er kämpfen müsse, nannte Rosner die Sporttrainer. Sie seien mit der Idee verheiratet, mehr zu trinken sei besser.21
Trink, bevor der Durst kommt.
Macht Sinn.
Ich esse ja auch, bevor der Hunger kommt, schlafe, bevor die Müdigkeit kommt, und erbreche, bevor mir übel ist.
Erst die Beerdigung, dann der Tod.
Vor der Zwei-Liter-Empfehlung gab es Hyponatriämie nicht. Sie ist Ergebnis eines weit verbreiteten Missverständnisses. Die Krankheit kommt vom Wasser, nicht vom fehlenden Salz.22 Salz ist nur das Opfer. In deutschen und österreichischen Krankenhäusern hat sie fast jeder dritte Patient.23 Die europäische Leitlinie dreier Fachgesellschaften weiß das seit 2014. Sie wird trotzdem nicht weitergegeben.
Ich habe in Krankenhäusern gewohnt. Nach jedem epilepsiebedingten Aufenthalt wog ich mehrere Kilo mehr, weil sie mich tropfweise vollgepumpt hatten, oft über den Schlauch. Überall standen Wasserflaschen, als hinge das Leben daran. Aus Glas. Immerhin. Gleichzeitig diagnostizierten mir die Ärzte einen Kaliummangel.
Die häufigste Elektrolytstörung ist eine Wasserkrankheit.24 Und sie wird in Schulen erprobt. Feste Trinkzeiten, Karaffen bereitstellen, Rituale einbauen. Erziehung gegen den eigenen Körper.
»Wer erst trinkt, wenn sich ein Durstgefühl einstellt, wartet zu lange. Durst ist ein deutliches Warnsignal des Körpers für Flüssigkeitsdefizite. Schüler sollten nicht erst trinken, wenn sie durstig sind.«25
Das glauben auch die Lehrer, die von der Schule angewiesen werden, den Kindern eine Rasierklinge in die Hand zu drücken. Ihnen beizubringen, ihr Körperselbst wie ein Geschwür herauszuschneiden und Wasser zu trinken, ohne Durst. So wie Kindern im 19. Jahrhundert beigebracht wurde, ihre Bedürfnisse zu unterdrücken. Katharina Rutschky nannte das schwarze Pädagogik. Leider hat diese Form der Fürsorge nur ihr Ressort gewechselt. Früher zwang man Kinder, Suppe zu essen. Heute zwingt man sie, Wasser zu trinken.
Mir wäre die Tomatensuppe lieber gewesen.
In Deutschland sind zehn Prozent chronisch nierenkrank. Neun Millionen Menschen.26 Offiziell wegen Bluthochdruck und Diabetes. Übersetzt: wegen Übergewicht und Substanzabhängigkeit natürlich. Die DGE empfiehlt den neun Millionen, die den Überfluss nicht ausscheiden können, gegen ihren Durst zu trinken.27 Die Hälfte der über 75-jährigen hat kranke Nieren. Das ist, als würde man einem Erhängten sagen, er soll die Schlinge fester ziehen. Genau die Zielgruppe von »Fit im Alter«, dem DGE-Programm für Senioreneinrichtungen.
Assistierter Suizid, finanziert aus Steuermitteln.
Die Tabakindustrie vertuschte bis 196428, was sie seit den 1920ern29 wusste. Die Zuckerindustrie vertuschte hundert Jahre, was seit 1863 bekannt war.30 Bei Wasser musste man lange gar nichts vertuschen, weil nie jemand nachschaute. Den Nachsatz von 1945 ignoriert man geflissentlich. Seit den 2000er Jahren wissen wir, dass der Zwei-Liter-Mythos Gehirnwäsche ist. Seit den 2010er Jahren wissen wir per fMRT, dass der Körper sich gegen das Übertrinken wehrt. Dass chronisches Übertrinken von isoliertem Wasser physiologischen Schaden anrichtet.
Wasser und Zucker haben dasselbe Muster. Beides ist im organischen Verbund harmlos, als Tomate, Grapefruit, Banane. Isoliert geschluckt macht beides krank.
Genauso logisch hätte die DGE Alkoholikern empfehlen können, mehr zu trinken, weil Rotwein gut fürs Herz sei. Nur dass bei Alkohol immerhin Klarheit über die Folgen herrscht. Beim Wasser existiert dieses Bewusstsein nicht. Es gibt kein Wort dafür. Niemand sagt »ich bin wassersüchtig«. Das Konzept existiert nicht, also existiert die Krankheit nicht, also existiere ich als Leidender nicht.
Psychogene Polydipsie.
Zwanghaftes Trinken enormer Mengen Wasser ohne körperliche Ursache. Achtzig Prozent der Betroffenen haben eine psychiatrische Diagnose. Schizophrenie, Depression, Angstzustände.
Die Krankheit war lange ein Rätsel. Niemand wusste, warum die Patienten sich das antun. Viele sagen ihren Ärzten, das Trinken helfe ihnen mental. Schizophrene berichten, dass Wasser die Stimmen im Kopf leiser macht.31 Manche trinken zwanghaft, um ihren Bewusstseinszustand zu verändern. Weil sie sich keinen Alkohol leisten können, oder weil sie als Insassen einer psychiatrischen Anstalt keinen bekommen. Sie trinken so viel, bis das schwellende Gehirn sie betrunken macht. Trunkenheit tödlicher als Voddy Bull.
Ich wusste damals nichts davon. Ich spürte nur, dass mein Körper sich wehrte. Die Erklärung gab es schon.
Forscher setzten Mäuse32 chronischem sozialen Stress aus. In fremde Käfige, wo dominante Artgenossen sie angriffen. Social-Defeat-Stress-Paradigma. Andere wurden isoliert. Einsamkeit wirkt ähnlich wie körperliche Gewalt. In beiden Gruppen dasselbe Resultat: sie fingen an, unkontrolliert Wasser zu trinken.33
Molekulare Untersuchungen zeigen, dass der Trinkvorgang das mesolimbische Dopamin-Belohnungssystem stimuliert.34 Trinken wirkt angstlösend (anxiolytisch). Ähnlich wie Hopfen wirkt (auch ohne Alkohol). Die Handlung selbst beruhigt übererregte, stressgeflutete Hirnareale. Derselbe Mechanismus wie bei jeder anderen Sucht. Das ventrale tegmentale Areal feuert, das ventrale Striatum antwortet, Dopamin flutet, Angst lässt kurz nach.
Kurz.
Dann kommt der Absturz.
Weitertrinken.
Nikotin, Koffein, Alkohol, Wasser. Dieselbe Schleife. Nur dass kein Mensch Wasser als Droge anerkennt.
Stimulus, Konsum, kurzfristige Erleichterung.
Verschlechterung, erneuter Konsum.
Das ist der Suchtkreislauf. Dieselbe Dopaminschleife wie bei jeder anderen Droge. Eine Substanz, die mir jeder empfiehlt. Bei der Leute mich rügen, wenn ich sie mir nicht in den Hals drücke. Ich hatte eine Krankheit, die mich beinahe umgebracht hätte, und mein gesamtes kulturelles und soziales Umfeld, jeder Arzt oder Ratgeber, jede Zeitschrift oder DGE-Empfehlung sagte mir: Trink mehr.
Ignoriere deinen Körper.
Mach ihn kaputt. Wie wir alle.
Das war das Schlimmste. Dass ich mit niemandem darüber reden konnte. Weil alle mir ständig erzählt haben, ich solle mehr Wasser trinken.



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Redaktioneller Hinweis: Die wissenschaftlichen Aussagen in diesem Text basieren auf begutachteter Fachliteratur. Biografische Passagen sind Erfahrungsbericht, keine Verallgemeinerung. Es bestehen keine Interessenkonflikte. Meinungen sind kein Ersatz für Daten.Food and Nutrition Board, National Research Council, Recommended Dietary Allowances, Washington, D.C. 1945.
Food and Nutrition Board des US National Research Council.
Zit. n. Heinz Valtin, »›Drink at least eight glasses of water a day.‹ Really? Is there scientific evidence for ›8x8‹?«, in: American Journal of Physiology-Regulatory, Integrative and Comparative Physiology, Vol. 283, 08.08.2002, R993—R1004.
Valtin 2002.
Ebd.
Hydration for Health.
Margaret McCartney, »Waterlogged?«, in: British Medical Journal, Vol. 343, 12.07.2011, d4280.
Gründungsjahr und Slogan im Wortlaut: Hydration for Health, »Our Mission«. Abgerufen am 10.04.2026.
Grand View Research, »Bottled Water Market Size, Share & Trends Analysis Report, 2024-2033«, 2024. Geschätzter globaler Umsatz 2024: rund 320 Milliarden Euro (348,64 Mrd. USD). Ähnliche Werte nennen Data Bridge Market Research (317 Mrd. Euro) und Straits Research (324 Mrd. Euro).
Pascal Saker, Michael J. Farrell, Gary F. Egan, et al., »Overdrinking, swallowing inhibition, and regional brain responses prior to swallowing«, in: PNAS, Vol. 113, Issue 43, 10.10.2016, 12274—9.
Tamara Hew-Butler, Valerie Smith-Hale, Alyssa Pollard-McGrandy, Matthew VanSumeren, »Of Mice and Men—The Physiology, Psychology, and Pathology of Overhydration«, in: Nutrients, Vol. 11, Issue 7, 07.07.2019, Artikel 1539.
Corinna Giuliani, Alessandro Peri, »Effects of Hyponatremia on the Brain«, in: Journal of Clinical Medicine, Vol. 3, Issue 4, 28.10.2014, 1163—77.
Ab einem Plasma-Natrium unter 135 Millimol pro Liter.
Reinout M. Swart, Ewout J. Hoorn, Michiel G. Betjes, Robert Zietse, »Hyponatremia and Inflammation: The Emerging Role of Interleukin-6 in Osmoregulation«, in: Nephron Physiology, Vol. 118, Issue 2, Mai 2011, 45—51.
Hugh Edwin De Wardener, Andrew Herxheimer, »The effect of a high water intake on the kidney’s ability to concentrate the urine in man«, in: The Journal of Physiology, Vol. 139, Issue 1, 14.11.1957, 42—52.
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Mitchell H. Rosner, »Exercise-Associated Hyponatremia«, in: Transactions of the American Clinical and Climatological Association, Vol. 130, 2019, 76—87.
Tamara Hew-Butler, Valentina Loi, Antonello Pani, Mitchell H. Rosner, »Exercise-Associated Hyponatremia: 2017 Update«, in: Frontiers in Medicine, Vol. 4, 03.03.2017, Art. 21.
»It does seem to be that this is really a conditioned behavior more than anything. You ask these people, and it’s not thirst that’s really guiding their activity. It’s really the sense that they feel like they’ve been told that they have to drink constantly.«
Mitchell H. Rosner, »Exercise-Associated Hyponatremia«, in: Transactions of the American Clinical and Climatological Association, Vol. 130, 2019, 76—87.
»The biggest group that we fight is the athletic trainers who really just frankly are wedded to the idea that more hydration is good.« (Rosner, ebd.)
»Der Hyponatriämie liegt in der Regel kein Natriummangel, sondern primär eine Störung des Flüssigkeitshaushaltes des Körpers zu Grunde.«
Bernhard K. Krämer, »Hyponatriämie«, in: Arzneiverordnung in der Praxis, hg. v. der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Bd. 43, Heft 4, 2016, 188—94.
In Notaufnahmen zehn Prozent, auf Intensivstation knapp zwanzig Prozent, bei Hospitalisierten bis zu vierzig Prozent.
Fabian Perschinka, Paul Köglberger, Sebastian J. Klein, Michael Joannidis, »Hyponatriämie. Ätiologie, Diagnostik und Akuttherapie«, in: Medizinische Klinik – Intensivmedizin und Notfallmedizin, Bd. 118, Heft 6, 30.08.2023, 505—17.
Die Autoren benennen als Ursache der Hyponatriämie die »übereifrige Befolgung von Hydratationsprotokollen« (509).
Goce Spasovski, Raymond Vanholder, Bruno Allolio et al., »Clinical practice guideline on diagnosis and treatment of hyponatraemia«, in: European Journal of Endocrinology, Vol. 170, Issue 3, März 2014, G1—G47.
DGE (Hg.), DGE-Praxiswissen: Trinken in der Schule, 2. Auflage, Bonn 2012. Die Broschüre erscheint im Rahmen des DGE-Projekts »Schule + Essen = Note 1«, Qualitätsstandards in fünfter Auflage, zuletzt aktualisiert 2023.
Deutsche Gesellschaft für Nephrologie, »Weltnierentag 2019. Nierengesundheit geht alle an. Überall.«, Pressemitteilung vom 27.02.2019.
Ebd.
U.S. Department of Health, Education, and Welfare, Smoking and Health: Report of the Advisory Committee to the Surgeon General of the Public Health Service, Washington 1964, PHS Publication No. 1103.
Kenneth M. Cummings, Anthony Brown, Richard J. O’Connor, »The Cigarette Controversy«, in: Cancer Epidemiology, Biomarkers & Prevention, Vol. 16, Issue 6, 01.06.2007, 1070—6.
William Banting, Letter on Corpulence, Addressed to the Public, London 1863.
Banting identifizierte nach einer ärztlichen Behandlung Zucker und Stärke als Hauptursachen seiner Krankheit. Sein Arzt William Harvey hatte diese Erkenntnisse aus der Leberphysiologie Claude Bernards in Paris übernommen, dem Begründer der experimentellen Medizin.
Das Buch wurde zum internationalen Bestseller und löste eine europaweite Diätwelle aus. Bantings Name wurde zum Synonym für Diät, im Schwedischen bis heute das offizielle Wort dafür.
Der Befund zu Zucker und Krankheit war also bereits öffentlich, populär und international diskutiert. Die Zuckerindustrie hundert Jahre später musste den common sense aus dem kollektiven Gedächtnis radieren.
Die Wasseraufnahme reduziert die Erregbarkeit dopaminerger Neuronen im ventralen tegmentalen Areal, dem Belohnungsareal des Gehirns. Bei Schizophrenie ist die dopaminerge Rezeptorerregbarkeit erhöht. Polydipsie wirkt dann entweder belohnend oder angstlösend.
Hew-Butler et al. 2019.
Mäusegehirn und Menschengehirn teilen dasselbe Belohnungssystem, dasselbe ventrale tegmentale Areal, dasselbe ventrale Striatum, dieselbe Dopamin-Kaskade. Die Schleife ist dieselbe.
Wataru Iio, Natsumi Tokutake, Yoshitaka Matsukawa, et al., »Subchronic and mild social defeat stress accelerates food intake and body weight gain with polydipsia-like features in mice«, in: Behavioural Brain Research, Vol. 270, 15.08.2014, 339—48.
Moshe Gross, Albert Pinhasov, »Chronic mild stress in submissive mice: Marked polydipsia and social avoidance without hedonic deficit in the sucrose preference test«, in: Behavioural Brain Research, Vol. 298, Part B, 01.02.2016, 25—34.
Hew-Butler et al. 2019.






