Stell dir ein Land vor, das von Alpen gekrönt und vom Meer umschlungen wird, ein klingender Resonanzraum, in dem Flüsse wie geschmolzenes Silber durchs satte Grün gleiten. Mildes Klima, ertragreiche Böden, üppige Vegetation: Italien war im Trecento ein Inkubator für Ideen. Zwischen Marmorfelsen und Weinreben erklärte der Mensch sich selbst zum Schöpfer, meißelte sein eigenes Antlitz und erfand das moderne Ich.
Von Naturfestungen geschützt, strömten Waren durch die befahrbaren Wasseradern — und eine unbändige geistige Beweglichkeit, die sogar landumschlossene Städte wie Florenz und Rom zu Laboren künstlerischer Vielfalt machte. Die Voraussetzungen waren so glänzend, dass Italiens Metropole gleich zweimal zum Epizentrum der Welt aufstieg: zuerst im Heiligen Römischen Reich, dann im Herzen des Christentums.
Man spricht gern von einer englischen, spanischen, deutschen oder französischen Renaissance, doch das ist Etikettenschwindel. Die Stile, mit denen das übrige Europa das Mittelalter hinter sich ließ, nahmen allesamt Maß an Italien oder wurden von seinem Feuer entzündet. Genau genommen gab es nur eine echte Renaissance; die anderen sind matte Abbilder. Darum ist es keine Übertreibung, Florenz, Venedig und Rom als Wiege der neuzeitlichen abendländischen Kultur zu betrachten.
»Rinascita« meint nichts Geringeres als die Wiedergeburt des Menschen zur Gottähnlichkeit. Geprägt hat das Wort Giorgio Vasari (1511—1574), und gilt seither als Vater der Renaissance. Mit seinem 1550 erschienenen Künstlerbuch legte er das erste kunstgeschichtliche Werk der Welt vor. Zwar malte Vasari auch selbst, doch überstrahlten seine Kritiken seine Gemälde bei Weitem. Den heute geläufigen Begriff »Renaissance« prägten erst 1750 Voltaire und die Enzyklopädisten.



