Die meisten Menschen begehen Selbstmord auf Raten. Sie nennen es Frühstück, Mittagessen, Abendessen. Sie nennen es zwei Liter am Tag.1 Sie nennen es ausgewogene Ernährung. Sie sterben daran und niemand nennt es Mord. Weil es langsam passiert, und weil alle mitmachen. Die Industrie lebt davon, dass niemand darüber nachdenkt. Denn der Körper kann sich selbst heilen — das ist der hippokratische Punkt. Wer das weiß, braucht keinen Arzt. Also weiß es niemand.
Wer den eigenen Körper in eine Giftmülldeponie verwandelt, hält die Wirtschaft am Laufen. Gesunde Menschen bringen niemandem was. Mikroplastik, Pestizide, Schwermetalle, Medikamentenreste im Körper haben nur Vorteile. Denn ein geheilter Patient ist ebenso kein Kunde wie ein toter. Optimal ist der Kranke, der langsam genug stirbt, um das Geld von der Kasse zum Arzt zu rüberschieben.
Das ist das Spiel. Es gibt kein anderes.
Die Industrie braucht uns fett. Denn Fett bindet Gifte. Gifte verursachen Entzündungen. Und Entzündungen halten uns klein. Also gibt es eine Zuckerindustrie, und eine Kaffeeindustrie. Gibt es das Feierabendbier, das Glas Rotwein zum Essen. Und eine Propaganda, die das alles als Leben verkauft. Dass wir unser eigenes Grab mit uns herumschleppen. Dass unsere Kinder lernen, ihr eigenes zu graben.
Man kann es auch schneller beenden. Menschen tun das jeden Tag. Dumm nur, dass sich der schnelle Tod nicht monetarisieren lässt. Weder von der Lebensmittelindustrie, die die Krankheiten verursacht, noch von den Ärzten, die sie verwalten. Der einzige Grund, warum man Suizid verhindert, ist, dass er den Umsatz unterbricht.
Es gibt noch einen dritten Weg. Er ist gratis, deshalb kennt ihn niemand, und er ist einfach, deshalb geht ihn niemand.
Man muss nur aufhören.
Ich habe alles versucht, um von einer Sucht wegzukommen, ohne sie danach durch eine andere zu ersetzen.2 Vom Nikotin, ohne auf Alkohol zu wechseln, oder auf Koffein, oder auf Fressen, oder alles gleichzeitig. Ich habe versucht, mein von Umweltgiften durchlöchertes Gehirn zu reparieren und jahrelang gegengesteuert.
Nichts davon verdient Papier.
Ich kenne genau ein Mittel, das verlässlich aus den Eingeweiden der Hölle herauszieht, wenn man nichts mehr zu verlieren hat und es kein Rückweg mehr gibt zur inneren Quelle. Es bleibt als letzter Ruf, mich selbst oder den Æther zu bewegen. Niemand, der abhängig ist und loskommen will, ohne seine Sucht bloß zu verschieben wie Gläser auf einem Tisch, kommt um dieses Mittel herum.
Trockenfasten.
Wenn überhaupt noch etwas hilft, dann das. Danach kommt nur der Tod. Trockenfasten zwingt das Leben und die Welt, sich zu entscheiden. Wollt ihr mich oder wollt ihr mich nicht. Soll ich noch mitspielen oder soll ich das Spielbrett verlassen.
Es gibt eine Frau, die ein Buch darüber geschrieben hat. Sie hat dasselbe erlebt wie ich. Den Ausstieg planen, dem Leben ein Ultimatum stellen. Und als hätte man es erfunden, verbindet ihre Geschichte sogar meine beiden Herkunftslinien — Kanada und Sibirien.
Michelle B. Slater.3
Slater hat in Hopkins promoviert und lehrte französische und vergleichende Literaturwissenschaft. Sie lief Marathon, fuhr Ski, meditierte viel. Ihre Ernährungsbiografie fällt mit meiner in eins. Seit ihrer Jugend vegan, später roh-vegan, kein Zucker, kein Gluten.
Dann entwickelte sie eine Autoimmunerkrankung, genau wie ich. Nur dass der Grund bei ihr Lyme-Borreliose war. Eine durch Zecken übertragene Infektionskrankheit, gegen die es keinen Impfstoff gibt.
Die Symptome waren wie meine. Bettlägerig, chronisch erschöpft. Die Gelenke schmerzten. Sie konnte kein Buch halten, ihre Hände nicht öffnen. Psoriasis, Tinnitus, Tachykardie, Gedächtnisausfälle, Migräne, Candida, Rückenschmerzen. Sie konnte nicht mehr lesen, nicht mehr unterrichten, nicht mehr Auto fahren. Ich konnte nicht mehr promovieren.
Sie war bei allen Lyme-Spezialisten. Die gaben ihr Antibiotika, die ihre Leber kaputtmachten. Sie probierte Supplemente, unzählige. Schröpfen, Akupunktur — »everything imaginable«. Was auch immer sie versuchte, es lief über unwegsames Gelände.
Sechs Jahre lang.
Dann bereitete sie den assistierten Suizid vor.
»This body is no longer inhabitable. I can’t stay here any longer.«
Nicht mein Satz — aber meiner.
Ich kontaktierte damals ein Bestattungsinstitut. Suchte mir alles aus, die günstigste Option. Zweitausend Euro inklusive allem. Ich zahlte in Raten und ließ mir eine Patientenverfügung ausfertigen, die ich einem Freund aus Kassel gab. Ich nahm Kontakt mit Dignitas Schweiz auf. Slater nahm Kontakt mit MAID in Kanada auf.
»Either I’m going to suicide or I’m going to heal. There is no other way.«
Jährlich bringen sich in den USA rund 1.200 Menschen wegen Lyme um.4 Trockenfasten wird selbstverständlich nicht angeboten.
Als letzte Option entdeckte Slater das Trockenfasten. Sie nahm Kontakt mit Sergey I. Filonov auf.
Der setzte sie auf ein Vorbereitungsprotokoll. Zuerst die Supplemente gegen Lyme absetzen, die sie täglich einnahm. Ihr Berg davon war fast so groß wie bei mir gegen meine Epilepsie und Autoimmunenzephalitis. Dann Kurzfasten zu Hause. Erst 24 Stunden trocken, dann drei Tage. Dieses anfängliche Fasten war für sie das härteste, obwohl es viel kürzer war als das spätere. Das erste Trockenfasten ist das härteste, weil der Körper den Umschaltvorgang noch nicht kennt. Danach schaltet er schneller. Die Krise kommt früher und verläuft sanfter.
Danach reiste sie in die Altai-Region in Sibirien. Zwei Monate war sie dort bei Filonov, von August bis Oktober 2017. Tägliche Lebermassagen zur Entgiftung. Zehn Kilometer gehen pro Tag. Schlafen und meditieren in der Natur. Weitere Kurzfasten zur Vorbereitung auf das große Fasten.
Filonovs Protokoll für schwere Erkrankungen ist das fraktionierte Trockenfasten. Fünf bis sieben Tage trocken, drei Tage rehydrieren, dann neun bis elf Tage trocken. Der Patient durchläuft zwei azidotische Krisen. Die erste zwischen Tag drei und fünf, die zweite zwischen Tag neun und elf. Die erste räumt auf, die zweite zerstört die Krankheit.5
Slater war zu krank für die volle Vorbereitung und Filonov passte an. Das Fasten funktionierte trotzdem, weil die Vorbereitung nur entscheidet, wie angenehm der Weg ist.
»My body kept burning off these diseased cells.«
Dann kam die eigentliche Behandlung. Elf Tage Trockenfasten ohne Unterbrechung.
Was in diesen Tagen in Slaters Körper geschah, heißt Autophagie. Der strikte Entzug von Wasser und Nahrung zwingt den Körper, sein eigenes Fett zu verbrennen. Die Abbauprodukte sind sauer. Das Blut übersäuert. Der Körper bekommt keine Feuchtigkeit von außen und sucht sein Inneres nach verwertbaren Ressourcen ab. Er baut zuerst ab, was krank, schwach, entzündet oder mutiert ist, um daraus Energie und Wasser zu gewinnen. Die Übersäuerung ist das Werkzeug. Das kranke Gewebe dient als Brennholz, um das System am Laufen zu halten. Zellen fressen sich selbst, beginnend mit dem Müll. Yoshinori Ohsumi erhielt für seine Forschung dazu6 2016 den Nobelpreis.
Die schärfste Form der Autophagie ist die sogenannte chaperon-vermittelte. Sie sucht gezielt aus, was zerstört werden muss. Beim Trockenfasten beginnt sie an Tag drei. Beim Wasserfasten, wenn überhaupt, frühestens an Tag sieben.
Trockenfasten beschleunigt Autophagie, weil der Körper sein Wasser aus dem eigenen Fett synthetisieren muss. Bei Autoimmunerkrankungen ist das Körperinnere Sumpfwasser, voller Entzündungen. Der übliche Reinigungsweg der Zelle ist blockiert.7 Trockenfasten filtert den Sumpf und zerstört kranke Zellen und Gewebe. Es öffnet einen zweiten Signalweg, den hypertonen8, der noch arbeitet.9 Filonov vergleicht das mit einem chirurgischen Eingriff ohne Skalpell.10
Das endogene Wasser entsteht frisch aus der Fettoxidation. Es enthält keine der Toxine, die im gespeicherten Körperwasser zirkulieren.
Wasserfasten hält die Entzündungen aufrecht und nährt alles, was im Körper lebt. Auch das, was den Körper tötet. Bakterien und Pilze brauchen Wasser, um zu überleben und sich zu teilen. Wer beim Fasten trinkt, teilt seine Ration mit dem, was ihn krank macht. Wasser hält Parasiten am Leben und verlangsamt die Zellreinigung. Wasser trinken ist Körperverletzung. Filonovs Akten zeigen Patienten, die nach drei Wochen Wasserfasten immer noch Parasiten in sich trugen. Die Parasiten hatten gefastet. Sie hatten überlebt, weil sie zu trinken bekamen.11
Trockenfasten bricht die Solidarität mit dem Erreger. Wenn nichts mehr kommt, fängt der Körper an, sich selbst zu trinken. Das nennt man Heilung. Der Wasserentzug trocknet die Erreger aus. Den Menschen nicht. Was ohne Wasser nicht überlebt, stirbt zuerst. Gesunde Zellen sind robuster, evolutionär an Dürreperioden angepasst, fremde Erreger nicht.
Beim Trockenfasten steht das Verdauungssystem still. Erst wenn der Darm schweigt, hat das Immunsystem die Hände frei. Das Blutvolumen sinkt, die Anzahl der Abwehrzellen bleibt gleich. Die Konzentration von Immunzellen und entzündungshemmenden Hormonen pro Milliliter vervielfacht sich. Alles Überflüssige, Krankhafte, Fehlfunktionierende, alle mit Viren oder Toxinen infizierten, alle strahlengeschädigten Zellen müssen den Organismus verlassen oder gefressen werden. (Sie verlassen den Organismus nicht.)
Der Mechanismus arbeitet ohne Zutun. Die Aufgabe des Fastenden ist, ihn nicht zu stören. Slater half dabei ihre jahrelange Erfahrung mit Meditation. Wenn Durst und Schmerz unerträglich wurden, ließ sie den Schmerz mental los. Sie trennte ihren Geist von den Alarmsignalen ihres Körpers.
Die letzte Phase nennt Filonov Autolyse.12 Ein Immunsystem-Reset durch schnelles Recycling weißer Blutkörperchen. Insulinempfindlichkeit und Schilddrüsenfunktion verbessern sich. Beim Wasserfasten passiert das alles nicht. Beim Trockenfasten schon.
Am neunten Tag und in der neunten Nacht geschieht die eigentliche Heilung. Nach der neunten Nacht sah Slater strahlend aus. Am elften Tag sagte sie: »This is the best day of my life.«
Alle Symptome — verschwunden. Als sie Sibirien verließ, fühlte sie sich grunderneuert. Kein Symptom kehrte zurück. Nach der Rückkehr fastete Slater nur noch kurz. Ein paar Tage trocken bei Allergiesymptomen. Vier Bücher schrieb sie nach der Genesung. Sie lief jeden Tag, fuhr Ski, wanderte im Sommer in den Schweizer Alpen. Jahrelang hatte sie versucht, ihren Körper zu reparieren, indem sie etwas reindrückte. Die Rettung war das Gegenteil.
»Instead of putting all of these substances in my body — it’s what could I take out of my body. This is the brilliant discovery. […] The body is the doctor.«
Solange die Krücke verfügbar ist, lernt das System nicht, ohne sie zu gehen. Slaters Körper brauchte neun Tage ohne Wasser, um zu lernen, dass er selbst heilen kann. Sie wäre heute tot, genau wie ich, wenn sie diesen Weg nicht gegangen wäre.
Erst als sie dem Körper alles entzog, baute er sich selbst um. Und als er wieder aufbaute, baute er sauber auf.
Der Arzt im Körper wartet seit Jahren. Wir stopfen ihm den Mund, ersticken ihn mit Essen. Dann bezahlen wir einen anderen, um uns selbst beim Sterben zuzusehen.




Aufhören ist nicht genug:
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Redaktioneller Hinweis: Die wissenschaftlichen Aussagen in diesem Text basieren auf begutachteter Fachliteratur. Biografische Passagen sind Erfahrungsbericht, keine Verallgemeinerung. Es bestehen keine Interessenkonflikte. Meinungen sind kein Ersatz für Daten.Ticro Goto, Kreativer Suizid. Rauchen, Hunger und die Lüge vom inneren Kind, Berlin 2026.
Robert C. Bransfield, »Suicide and Lyme and associated diseases«, in: Neuropsychiatric Disease and Treatment, Vol. 13, 16.06.2017, 1575—87.
Für Europa ist eine 75 Prozent höhere Suizidrate nachgewiesen, bei bis zu 200.000 Lyme-Fällen jährlich allein in Deutschland.
Brian A. Fallon, Trine Madsen, Annette Erlangsen, Michael E. Benros, »Lyme Borreliosis and Associations With Mental Disorders and Suicidal Behavior: A Nationwide Danish Cohort Study«, in: American Journal of Psychiatry, Vol. 178, Issue 10, 28.07.2021, 921—31.
Sergey Ivanovich Filonov, 20 вопросов и ответов о сухом лечебном голодании, Barnaul/Altai 2008. Englische Übersetzung: 20 Questions and Answers About Dry Fasting, o.O. 2020.
Yoshinori Ohsumi, »Historical landmarks of autophagy research«, in: Cell Research, Vol. 24, Issue 1, 24.12.2013, 9—23.
Kazuhiko Takeshige, Misuzu Baba, Shoji Tsuboi, Tamotsu Noda, Yoshinori Ohsumi, »Autophagy in yeast demonstrated with proteinase-deficient mutants and conditions for its induction«, in: Journal of Cell Biology, Vol. 119, Issue 2, 02.10.1992, 301—11.
Beth Levine, Noboru Mizushima, Herbert W. Virgin, »Autophagy in immunity and inflammation«, in: Nature, Vol. 469, 20.01.2011, 323—35.
Hyperton bedeutet salziger als das Zellinnere. Das Blut entzieht den Zellen Wasser durch osmotischen Druck.
Naoki Tamura, Shun Kageyama, Masaaki Komatsu, Satoshi Waguri, »Hyperosmotic Stress Induces Unconventional Autophagy Independent of the Ulk1 Complex«, in: Molecular and Cellular Biology, Vol. 39, Issue 16, 29.07.2019, e00024-19.
Filonov 2008.
Filonov dokumentiert mehrere Fälle (Filonov 2008).
Filonov definiert Autolyse anders als westliche Medizin. Er meint damit die systemische Selbstauflösung krankhafter Strukturen mit Immunsystem-Reset.






Ich sitze auch gerade an meinen ersten 2 Büchern. Die Form zu finden ist für meinen immer gerne zirkulierendem Geist gar nicht so leicht. Das mit dem Podcast behalten wir mal im Hinterkopf. Wäre für meine introvertiert gewordene Art tatsächlich Mut zur Klarheit.
Wieder einmal eine tiefgreifende Analyse auf multiplen Ebenen. Wir können gerne bei Interesse einen gemeinsamen Artikel verfassen. Ich glaube unsere Blickwinkel resonieren sehr gut und haben dennoch jeweils ein eigenes Augenmaß.