24 Kommentare
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Avatar von ashes

Das ist eine unverschämte Veralgemeinerung. Ich habe Bürgergeld bezogen, eine Tochter (alleinerziehend) grogezogen mit Vielen Dingen, die ich mir micht leisten konnte. Zu behaupten dass alle die Bürgergeld beziehen stinkende verwarloste Drogenkonsumenten sind ist ein rechtes Narrativ. Ich schmeis dich raus.

Avatar von Ticro Goto

Mein Text ist knapp 5000 Wörter lang, du hast die Überschrift gelesen.

Wer Bürgergeld bezieht und meinen Text nicht für einen Angriff hält, hat ihn gelesen. Wer ihn für einen Angriff hält, hat genau das getan, was der Text beschreibt: reflexhaft die Ausnahme als Regel reklamiert, ohne den Rest zur Kenntnis zu nehmen. Im Text steht ausdrücklich, dass es Menschen mit chronischen Erkrankungen, Behinderungen und realen Notlagen gibt. Wer für sein Kind kämpft, ist nicht gemeint und weiß das beim Lesen sofort.

Du hast nicht gelesen.

Wer nach der Überschrift “rausschmeißt”, ohne den Text zu öffnen, beweist exakt das Verhalten, das mein Text obduziert: einen biologischen Reflex ohne Beteiligung des Großhirns. Bevor du mich rausschmeißt, schmeiße ich mich selbst raus. Spart Zeit.

Avatar von Snoopy

Hey, du schreibst im Text: “Ich habe noch nie einen Sozialhilfeempfänger gesehen, der keinen Alkohol trinkt. Die meisten rauchen. Selbstverständlich.” Gepaart mit der provokativen Überschrift kann ich ashes Kritik einer unverschämten Verallgemeinerung verstehen, da bringt auch der Einwurf “aber nicht alle” nichts, sowas ist halt einfach verletzend für die, auf die es nicht zutrifft. (Unabhängig von den Zahlen.) Grüße

Avatar von Ticro Goto

Ich habe nicht "alle" geschrieben. Ich habe geschrieben, dass ich in anderthalb Jahrzehnten, in Dutzenden WGs, in verschiedenen Städten, Milieus und Altersgruppen keinen einzigen Sozialhilfeempfänger gesehen habe, der keinen Alkohol trinkt. Und dass die meisten rauchen. Beides sind empirische Aussagen, keine Allaussagen. "Die meisten" heißt "die meisten", nicht "alle".

Wer "die meisten rauchen" als Verletzung liest, müsste es sachlich widerlegen. Mit welchen Zahlen? Die Suchtprävalenz im Leistungsbezug ist dokumentiert. Wer sie bestreiten will, braucht Daten. Gekränktsein ist keins.

Und der eigentliche Punkt: Wer nicht gemeint ist, fühlt sich beim Lesen nicht angesprochen. Wer trotzdem getroffen wird, sollte sich fragen, wovor er gerade flieht. Das steht sogar im Text. Der Reflex, sofort die Ausnahme zu suchen, ist Teil der Verdrängung. Er stellt den Randfall ins Scheinwerferlicht, damit der Regelfall im Schatten verschwinden kann.

Ich habe nicht zu wenig differenziert. Ich habe nur zu viel benannt.

Liebe Grüße

Avatar von Snoopy

Guten Morgen. Es ging mir vor allem um den Satz "Ich habe noch nie xyz gesehen." Wenn ich schreiben würde "Ich habe noch nie einen Text von Ticro gelesen, der gut ist", würdest du dich verständlicherweise auch angegriffen fühlen (zumindest könnten das die meisten verstehen).

Schreib ich dann noch "Aber Ticro, ich meinte doch nicht, dass ALLE deine Texte schlecht sind", würd das auch nicht mehr so viel bringen. Leser hätten schon meine Einstellung deinen Texten gegenüber gecheckt und du dich (wahrscheinlich) schon semi-gekränkt gefühlt.

Ich verstehe, dass du teilweise provozieren musst bzw. das wirklich deine Überzeugungen sind, aber du kannst die beleidigten Reaktionen dann nicht so runterspielen und sagen "aber nicht alle" oder "je nachdem wer sich angesprochen fühlt" (also kannst du schon, aber does it work that way?).

Btw ich lese deine Texte immer recht neugierig, aber das stößt mir auch etwas auf und ich würde dir raten, das etwas einzudämmen, auch falls du mehr Reichweite suchst. Btw wie grenzt du deine "empirischen Aussagen" von anektdotischer Evidenz ab? Ich denke, daraus kann man dir leicht einen Strick drehen. Grüße (und keinen Kaffee heute morgen :D)

Avatar von Ticro Goto

Deine Analogie ist sauber formuliert, aber sie trifft nicht. "Ich habe noch nie einen guten Text von Ticro gelesen" wäre ein Geschmacksurteil über eine Person. "Ich habe noch nie einen Sozialhilfeempfänger gesehen, der keinen Alkohol trinkt" ist eine Beobachtung über eine Kohorte, über anderthalb Jahrzehnte, in Dutzenden WGs, verschiedenen Städten, Milieus, Altersgruppen. Das sind zwei verschiedene Sprechakte.

Zur anekdotischen Evidenz. Anekdotisch ist ein einzelnes Erlebnis letzte Woche Dienstag zwischen 15 und 16 Uhr. Fünfzehn Jahre systematische Beobachtung derselben Konstellation, in wechselnden Milieus, über Hunderte Personen, ist etwas anderes. Beides unter dasselbe Etikett zu stellen, ist ein Kategorienfehler, der die Abstufung zwischen "Zufall" und "Muster" einebnet. Es gibt wissenschaftliche Studien zur Suchtprävalenz im Leistungsbezug. Ich habe sie bewusst ausgelassen, weil der Text seine Kraft aus der Nähe zur Realität zieht. Daraus, dass meine Wohnung nach ihnen stank, nicht daraus, dass es Papers in Science oder Nature dazu gibt.

Und zum Eigentlichen: Der Text ist so formuliert, wie er formuliert ist, weil er Fluchtrouten schließt. Ich kann die Sprache nicht glätten, um das Schweigen fortzuführen. Ich sage, was ich beobachte, und ich behaupte, dass ich nicht der Einzige bin, der das sieht. Im Gegenteil. Du musst dir das nicht zu eigen machen. Davon lebt der Diskurs. Aber der heftigste Widerspruch gegen diesen Text kommt nicht aus den Gründen, die du anführst. Er kommt von Betroffenen, die insgeheim wissen, dass es stimmt.

Dass Menschen getroffen werden, die nicht gemeint sind, ist ein bemerkenswertes Phänomen. Dummerweise hat die Realität keine Triggerwarnung. Und ich darf voraussetzen, dass wer nicht gemeint ist, sich beim Lesen auch nicht getroffen fühlt. Wer sich trotzdem getroffen fühlt, sollte sich fragen, warum.

Da spiele ich nicht mit.

Avatar von Anna Olsen

Die Wahrheit ist oft unbequem, aber deshalb nicht weniger wahr.

Avatar von Kassandra Hohenfels

Ich finde es super, dass das jemand mal ausspricht! Mich würde aber interessieren, ob es auch offizielle Daten zur Einschätzung der Dunkelziffer gibt?

Avatar von Ticro Goto

Danke für die Frage. Offizielle Zahlen zur Dunkelziffer gibt es nicht.

Wer Bürgergeld bezieht, muss weder zum Arzt gehen noch dem Jobcenter etwas mitteilen. Es gibt keinen Arbeitgeber, der ein Attest verlangt. Es gibt keine Instanz, die fragt, was mit dem Geld geschieht. Die restlichen neunzig Prozent bleiben deshalb im Dunkeln.

Es gibt keine Untersuchung darüber, wofür Bürgergeldempfänger ihr Geld ausgeben. Diese Studie würde niemand finanzieren. Die Dunkelziffer ist die Studie, die niemand schreibt, weil niemand sie wissen will.

Was wir aber haben, ist Neurowissenschaft, Toxikologie, Suchtforschung.

Wer über längere Zeit neurotoxische Substanzen konsumiert, entwickelt messbare Veränderungen im dopaminergen System, erhöht Delta-FosB im Nucleus accumbens, entwickelt Entzündungsprozesse im Gehirn. Die Folge sind Symptome, die das Jobcenter als Depression oder Angststörung usw. einstuft. Was niemand dokumentiert, ist der Ursprung. Der Konsum dahinter bleibt unsichtbar.

Das ist der Kreislauf, den ich benenne. Drogen erzeugen Entzündungen. Entzündungen erzeugen Symptome. Symptome erzeugen Diagnosen. Diagnosen erzeugen Bezug. Bezug finanziert weitere Drogen. Das Jobcenter zahlt, was die Krankheit verursacht, die den Bezug rechtfertigt. Und niemand darf sagen, dass es so ist.

Mein Text ist natürlich keine Studie. Und das behaupte ich auch nicht. Er ist aber immerhin Ergebnis von anderthalb Jahrzehnten Zusammenleben mit Betroffenen, kombiniert mit der Studienlage, die ich in meinem letzten Buch (“Kreativer Suizid”) auf über fünfhundert Quellen gestützt habe. Die neurowissenschaftliche Evidenz, wie Substanzen Gehirne zerlegen und Arbeitsfähigkeit löschen, ist ziemlich robust. Was fehlt, ist die Erhebung auf der anderen Seite: im Leistungsbezug. Und diese Lücke ist in Deutschland leider kein Versäumnis.

Ich will das System übrigens nicht abschaffen. Viele Menschen sind in Not und brauchen es. Ich will, dass man anfängt hinzuschauen, wer darin verschwindet und warum.

Liebe Grüße

Avatar von Kassandra Hohenfels

Wow ich finde das tatsächlich total spannend und habe Ähnliches in meinem sehr nahen Umfeld erlebt, aber nicht über so lange Zeit und in solchem Ausmaß wie du, sondern nur über den Freundeskreis dieser einen Person, der eben auch (fast) nur aus Harz4lern besteht. Da habe ich eben selbiges beobachten können wie du: Fast jeder raucht, Alkoholsucht zumindest in über der Hälfte der Fälle (bereits ein Todesfall einer Frau in mittleren Alter) und eine Person starb im mittleren Alter an einer Überdosis Drogen, eine dritte Person ist bereits verstorben, woran weiß ich nicht, aber ich weiß, dass sie rauchte, Drogen konsumierte UND Alkohol trank.

Mir hat sich daher auch der Verdacht aufgedrängt, dass Bürgergeld in der aktuellen Form nicht sinnig ist. Vor allem bei der mir nahestehenden Person war es so, dass sie vorher bereits ab und an Alkohol trank, durch mehrere Schicksalsschläge dann anfing, viel Alkohol zu trinken. Ob Depressionen vorher oder nachher erst im Spiel waren, weiß ich nicht, ich vermute zumindest, dass sie vor der Sucht auch schon da waren und sich vertieften. Sie hat Bürgergeld bezogen, wodurch sie sich überhaupt erst das Rauchen und den Alk finanzieren konnte. Sie war tatsächlich bemüht, Arbeit zu finden, konnte aber nichts durchziehen (was vermutlich daran liegt, dass der Alkohol, das Rauchen usw ihr Gehirn bereits verändert hatte, vermute ich jetzt mal basierend auf deinem Text).

Dass Bürgergeld also nicht nur gut, sondern auch sehr schlecht ist, dämmerte mir bereits als Kind, aber wenn ich diesen Verdacht ansprach, bekam ich kein Gehör. Zugegebenermaßen weiß ich auch nicht, wie man das System verbessern kann. Vielleicht hast du dazu Ideen?

Den Zusammenhang zu Entzündungen kannte ich noch nicht. Das klingt für mich wie eine steile These, dazu müsste ich mich tiefer einlesen. Das wäre echt krass, wenn das "der gemeinsame Nenner" der Zusammenhänge/des Kreislaufes wäre!

Avatar von Ticro Goto
2dBearbeitet

Danke, Kassandra. Das ist kein Einzelfall, was du beschreibst.

Zum Entzündungs-Zusammenhang: Das klingt steil, ist aber etabliert. Stichwort Neuroinflammation bei Substanzgebrauchsstörungen. Mikroglia-Aktivierung durch Alkohol, Opioide, Stimulanzien, Cannabis. Proinflammatorische Zytokine, die Serotonin- und Dopamin-Haushalt verschieben und klinisch als Depression, Angst, Apathie imponieren. In meinem letzten Buch ist Kapitel elf dem Entzündungszusammenhang und den daraus folgenden psychischen Erkrankungen gewidmet, mit Schwerpunkt Depression. Kapitel sechs geht über fünfzig Seiten über Alkohol, Kapitel zwölf über Cannabis. Insgesamt über fünfhundert Quellen. Das Buch ist zu zwei Dritteln evidenzbasierte Wissenschaft und zu einem Drittel Biografie. Beides fundiert sich gegenseitig. Ohne die Erfahrung sind die Studien beliebig, ohne die Studien ist die Erfahrung Anekdote.

Zur Frage nach Ideen für die Systemverbesserung: Ich bin kein Politiker, und ich halte den Reflex, immer zuerst das System umbauen zu wollen, für Teil des Problems. Die meisten Probleme lösen sich, wenn man aufhört, das Falsche zu tun. Wenn man aufhört, das Falsche zu tun, geschieht das Richtige von selbst.

Das eigentliche Problem ist näher, als die meisten es sehen wollen. Wie schlafe ich. Was esse ich. Bewege ich mich. Habe ich gesunde Kontakte zu gesunden Menschen. Behandle ich meinen Körper wie einen Tempel oder wie ein Giftfass. Trinke ich, rauche ich, schütte ich mich mit Koffein zu, lasse ich mich berieseln, rege ich mich über Politik auf, statt das in Ordnung zu bringen, was in meinem eigenen Umfeld tatsächlich stattfindet. Die meisten tun das nicht, weil sie unter Substanzen sind. Als ich geraucht habe, konnte ich Wichtiges nicht mehr von Unwichtigem trennen. Ich habe mich verzettelt. Als ich aufhörte, kam die Unterscheidung zurück. Signal und Rauschen wurden wieder getrennt. Wenige Wochen später habe ich ein Unternehmen gegründet.

Ich hatte Politikwissenschaft in Kassel angefangen und nach kurzer Zeit abgebrochen, weil die Studierenden dort stundenlang über globale Gerechtigkeit diskutierten, aber nicht in der Lage waren, in der U-Bahn den Mund aufzumachen, wenn jemand belästigt wurde. Das ist die Form von Engagement, an die ich nicht mehr glaube. Wer schreit, es müsse sich alles verändern, hat oft zuallererst eine Ablenkung davor gesucht, sich selbst verändern zu müssen.

Was ich ganz fest weiß: Gesellschaften verändern sich durch Beispiele. Wer sein eigenes Leben in Ordnung bringt, verändert mehr Menschen als jeder Manifestentwurf. Ich habe das mehrfach beobachtet, bei mir und bei anderen. Und Kassandra, dass du hinschaust und die Parallele ziehst, ist schon Teil der Veränderung.

Die meisten schauen weg.

Avatar von Annette Schneider

Low grade Inflammation und Neuroinflammation ist kein allzu neues Phänomen und in der klinischen Psychoneuroimmunologie sehr gut untersucht.

Avatar von Antje

Statistiken (und noch dazu welche, die auf das schöne Wort ALLE hinauslaufen) auf Basis von persönlichen Bekannten oder Beobachtungen im Supermarkt zu erstellen ist im besten Fall eines: unwissenschaftlich. Mehr gibt es zu dieser Analyse aus meiner Sicht nicht zu sagen, außer, dass da offenbar jemand sein Lebensthema unbedingt als letzte und allgemeingültige Weisheit verkaufen will. Die Weltenretter sind das, was diese Welt nun wirklich gar nicht braucht. Was sie bräuchte und zu wenig hat: differenzierte Analysen auf Basis echter Daten. Übrigens: Ich trinke keinen Alkohol und nehme keine Drogen. Habe also nix zu verteidigen.

Avatar von Ticro Goto

Mein Text bezeichnet sich ausdrücklich als persönliche Beobachtung über anderthalb Jahrzehnte.

“Weltenretter” ist eine Motivunterstellung. Hatten wir hier schon oft. Funktioniert immer dann, wenn man inhaltlich nichts zu sagen hat.

Und “ich habe nix zu verteidigen” ist die eleganteste Selbstautorisierung, die es gibt. Ich bin neutral, also habe ich recht. Nur fehlt zwischen deiner Neutralität und deiner Autorität ein einziges Argument. Du forderst differenzierte Analysen auf Basis echter Daten und lieferst keine einzige.

Liebe Grüße

Avatar von Em

Ich habe deinen Text mit großem Interesse gelesen und möchte dir erst einmal für die Zeit danken, die du darein gesteckt hast um deine Perspektive zu teilen.

Hier ein paar Gedanken meinerseits dazu:

1. Mich würde interessieren, was deine Lösungsvorschläge wären um Suchterkrankten besser zu helfen und sie nicht (im Zweifelsfall noch mit gutgemeinter staatlicher Hilfe) in der Suchterkrankung versinken zu lassen. Mehr Sozialarbeiter? Engeren Kontakt? Alkohol schwerer zugänglich machen? Ich denke nicht, dass eine Sucht einfach verschwindet, sobald Gelder gekürzt werden, oder? Die Suchterkrankung ist vorher da und führt - ob mit oder ohne Sozialhilfe - zur Arbeitsunfähigkeit.

2. Vielen Dank für deine Quellenangaben!

3. Jetzt möchte ich doch auch nochmal meinen Senf zur “Verallgemeinerungsdebatte” hier in den Kommentaren geben. Ich hoffe du kannst ihn als konstruktives Senf-Feedback und nicht als Angriff wahrnehmen.

Im Text schreibst du “Nur zehn Prozent der Bürgergeldempfänger haben offiziell eine Suchterkrankung. […] Die restlichen neunzig Prozent riechen genauso. Sie sind nur nie untersucht worden.” Damit kommt man in Summe auf 100% also alle.

Es sind auch keine aufgerundeten 95,9%.Ich stimme dir zu und denke auch, dass es bei den Suchterkrankungen eine Dunkelziffer gibt. Die ist ein Problem! (Hier wieder die Frage -Wie denkst du könnte man es lösen?)

Trotzdem glaube ich nicht, dass es so viele sind wie du sagst und wahrnimmst. Wie du schon gesagt hast DU kennst keine Sozialempfänger die keinen Alkohol trinken. Meine These ist es, dass dies, wenn auch dadurch nicht falsch, doch eine Bubble-Wahrnehmung ist. Ich könnte den Satz genauso sagen mit ICH kenne tatsächlich keinen einzigen Menschen in meinem Umfeld der Grundsicherung bekommt und überhaupt Alkohol trinkt. Dafür viele Menschen, die schwer krank sind bis hin zu höheren Pflegegraden und trotzdem im Rahmen ihrer Möglichkeiten alles geben, einen positiven Beitrag zur Gesellschaft zu leisten.

Ist deswegen deine Wahrnehmung falsch? Nein. Denn in deinem Umfeld sind es ja wirklich 100% . Genauso bei mir. Von diesen 100% auszugehen und dann zu sagen - wahrscheinlich sind es grundsätzlich allgemein 99,9% und es gibt natürlich auch Einzelfälle finde ich allerdings falsch. “Aber alle, die arbeitslos sind, nehmen Drogen.” ist keine Empirie, sondern persönliche Wahrnehmung, was sie nicht weniger wert macht, aber anders gewichtet.

Dafür gibt es auch zu viele andere Zahlen. 10% der Menschen befinden sich in einer ungeförderten Ausbildung, gehen zur Schule oder studieren. 7% sind wegen ärztlich diagnostizierter Krankheit nicht arbeitsfähig. “Wer nüchtern aufwacht, nüchtern arbeitet, nüchtern einschläft, findet Arbeit. Immer. “ - nicht immer. Und auch nicht nur in Einzelfällen nicht. Und diese Erkrankungen sind nicht nur Depressionen oder Neurodivergenz. Selbst wenn man davon ausgehen würde, dass grundsätzlich alle Sozialempfänger mit Depressionen und Neurodivergenz Drogenprobleme haben (was mit Sicherheit nicht stimmt - da wirst du mir zustimmen) bleiben hier mehrere Prozent.

7% kümmern sich um Kinder oder (ebenfalls medizinisch diagnostiziert) um pflegebedürftige Angehörige.(Dass das grundsätzlich keine Sucht ausschließt ist mir bewusst.) (Quelle: https://www.gegen-hartz.de/news/so-unterschiedlich-sind-buergergeld-bezieher)

Es gibt noch viele andere Personengruppen wie z.B. Rentner/innen die ich hier aufzählen könnte. In jeder dieser Gruppen gibt es mit Sicherheit ein paar schwarze Schafe und ich möchte nicht kleinreden, dass die 10% + Dunkelziffer trotzdem zu viel sind, aber 100% sind es nicht!

4. Ich gehe davon aus, dass du mit dem “reichsten Sozialsystem der Welt” die höchsten Sozialausgaben (prozentual zur Bevölkerung) meinst - das ist falsch. Siehe dazu dieser Artikel - https://dsv-europa.de/de/news/2024/04/sozialausgaben-in-deutschland.html?utm_source=perplexity

5. Ich nehme war, dass viele deiner “immer” und “alle” Aussagen persönliche Erfahrung widerspiegeln und nicht als repräsentative Studie zu verstehen sind. An dieser Stelle die konstruktive Kritik und Bitte diese Aussagen in Zukunft genauer als persönliche Wahrnehmung zu kennzeichnen und sie von den (gut durch Quellen belegten) Fakten zu trennen.

Vielen Dank, dass ich durch deinen Text einen Blick in eine andere “Bubble” werfen konnte. Er hat mich bereichert und zum nachdenken angeregt. Ich freue mich auf die eventuell anschließende Debatte :)

Avatar von Ticro Goto
18hBearbeitet

Danke für deinen Kommentar.

Zur Lösungsfrage habe ich weiter oben im Thread ausführlich geantwortet, unter anderem Kassandra gegenüber (https://kokos-und-zitrone.de/p/burgergeld-heit-du-nimmst-drogen/comment/240641703). Niedrigschwellige, nicht-stigmatisierende Suchtdiagnostik im Leistungsbezug. Begleitung statt Kontrolle. Kopplung von Bezug an medizinische Betreuung als Angebot. Aktuell fragt niemand, und niemand schaut hin. Die Leute sollen nicht alleine gelassen werden.

Zur 100%-Frage: In den Milieus, in denen ich gelebt habe, war das Muster ausnahmslos. Ich bin mit dieser Beobachtung hier offenbar auch nicht allein (https://kokos-und-zitrone.de/p/burgergeld-heit-du-nimmst-drogen/comment/240629303). Das ist etwas anderes als eine Aussage über alle Bürgergeldempfänger in Deutschland, und das weiß jeder, der den Text liest. Daraus einen Vorwurf zu basteln und über Formulierungen zu streiten statt über Inhalte, ist eine rhetorische Konstruktion.

Für derlei Spielereien ist mir das Thema zu wichtig.

Zur Größenordnung der Dunkelziffer: Auch dazu ausführlich weiter oben im Thread (https://kokos-und-zitrone.de/p/burgergeld-heit-du-nimmst-drogen/comment/240622545). Die offiziellen zehn Prozent beruhen auf ärztlich kodierten Diagnosen. Sie erfassen nur diejenigen, die im Gesundheitssystem behandlungsbedürftig aufgetaucht sind. Wer keinen Arzt aufsucht, wird nicht gezählt, und das ist im Leistungsbezug der Regelfall. Die tatsächliche Prävalenz liegt mit Sicherheit höher. Wie hoch, weiß niemand, weil niemand es untersucht.

Ich halte das für einen Missstand.

Zum “reichsten Sozialsystem der Welt”: Natürlich kann man sich für den Sachzusammenhang irrelevante Details rausgreifen, um vom Inhalt abzulenken. Man kann sich über “reichstes” versus “ausgabenstärkstes in Europa” streiten, wie im philosophischen Seminar. Nur ändert das nichts am Zustand in den Wohnungen, die ich beschreibe. Die stinken nicht weniger, weil das Adjektiv anders lautet.

Zum letzten Punkt über die Gewichtung zwischen Erfahrung und Studienlage: Wenn ich über Erfahrungen schreibe und sie als solche markiere, darf ich voraussetzen, dass Leser Erfahrungen als Erfahrungen behandeln. Die Ebenen sind im Text getrennt. Wer das nicht sehen will, macht den Text zur Projektionsfläche der eigenen Unbehaglichkeit. Dagegen kann ich nichts machen, aber ich muss das auch nicht kommentieren.

Was dein Kommentar insgesamt versucht, ist die Debatte von der konkreten und ja, leider auch stinkenden Realität in eine abstrakte Diskussion über Formulierungen und Prozentsätze zu ziehen. Das ist eine beliebte Fluchtroute, wenn man selbst nicht mit diesen Menschen gelebt hat, die soziale Realität nicht persönlich kennt, oder der Inhalt selbst einfach nicht widerlegbar ist.

Ich mache diese Route nicht auf.

Mein Text handelt von Menschen, die an dem krepieren, was ein System ihnen bezahlt. Daran ändert keine Formulierungsdebatte etwas.

Diesen Menschen muss geholfen werden. Und das passiert nicht, solange wir wegschauen.

Avatar von Sheeko

Sauber beobachtet – und zugleich so zugespitzt, dass der Mensch dabei fast verschwindet.

Vielleicht liegt genau dort die eigentliche Spannung des Textes.

Avatar von Ticro Goto
1dBearbeitet

Danke. Nicht im Zentrum steht das Opfer. Das verschwindet tatsächlich.

Hervor treten Menschen.

Das macht ja inzwischen kaum noch jemand. Hinsehen. Lieber lässt man sie krepieren, statt die Wahrheit auszusprechen.

Ich habe zu viele an Drogen verloren, dass ich teilnehmen könnte an dieser selbstgerechten Heuchelei.

Es überlebt keine Theorie den Kontakt mit der Wahrheit.

Avatar von KarlKraus

Deine Argumente sind sicher nicht alle falsch; in der Summe ergibt sich jedoch eine inakzeptable Diffamierung von Leuten am untersten Ende der sozioökonomischen Hackordnung.

Dabei werden von dir Kausalzusammenhänge verdreht, um einen selbstgefälligen Neoliberalismus rechtzufertigen, welcher suggeriert, dass der Sozialstaat weniger gesund für die Menschen hier in Deutschland sei, als in irgendwelchen Slums unter toxischen Arbeits- und Lebensbedingungen notgedrungen "fleißig" ums nackte Überleben zu kämpfen. Die Verächtlichmachung von Suchtkranken (Gestank etc.) kommt noch erschwerend hinzu.

Avatar von Ticro Goto

Drei Manöver in einem Kommentar.

Erstens “Diffamierung”. Ein Text, der beschreibt, was messbar stattfindet, ist dergleichen nicht. Er ist Beschreibung. Du verwechselst “unangenehm” mit “unwahr”. Das sind zwei verschiedene Kategorien. (Aber das ist ein philosophisches Problem. Triage ist mir wichtiger.)

Zweitens “Neoliberalismus”. Macht Spaß, was du schreibst. Also. Mein Text fordert keinen Sozialabbau, keine Deregulierung, keine Lohnsenkung. Er fordert Hinschauen. Augen aufmachen. Das als neoliberal zu etikettieren, ist dasselbe Manöver wie “rechtes Narrativ” weiter oben in diesem Thread. Nur eben anders verklebt. Eher langweilig. Vielleicht kannst du dir da noch was Schlaueres ausdenken. Weil weißt du was: Wer einem Text, der Fakten benennt, eine politische Richtung unterstellt, der hat das eigene Sortiersystem vor den Text geschoben. Kannst du mir folgen?

Drittens “Slums”. Mein Glückwunsch. Ich habe natürlich nirgends geschrieben, deutsche Sozialempfänger sollten dankbar sein, weil es anderswo schlimmer ist. Aber das weißt du ja auch genau. Das ist einfach ein Strohmann, den du selbst gebaut hast, um ihn dann abzuschießen. Vielleicht weil du gerade mit deinen Gefühlen nicht klarkommst. Vielleicht, weil du es nicht gewohnt bist, Text zu lesen, die geradeheraus Tatsachen benennen. Mein Text vergleicht nichts mit nichts. Er beschreibt einen spezifischen Mechanismus in einem spezifischen System. Egal, ob dir das gerade in den Kram passt.

Und zuletzt zum Geruch. Dass ich den Geruch erwähne, ist keine Verächtlichmachung. Es ist eine klinische Beobachtung. Wer über Jahre Alkohol, Cannabis und mangelnde Hygiene kombiniert, produziert messbare Körperausdünstungen. Ich habe die begutachtete Fachliteratur dazu sogar zitiert. Und das zu benennen, gehört zur Beschreibung des Phänomens. Wenn du das nicht aushältst, diese einfache Realität, darfst du dich fragen, worin du eigentlich deine Aufgabe siehst in dieser Welt.

Avatar von Ticro Goto

Thank you. So can you, apparently.

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Avatar von Ticro Goto

Der Text schließt Alleinerziehende, Menschen in Ausbildung und chronisch Kranke ausdrücklich aus. Das steht dort. Dass du mir vorwirfst, sie zu stigmatisieren, zeigt, dass du den Text nicht gelesen hast.

Wer sich die Mühe macht, auch nur zwei meiner Texte zu lesen, weiß, woraus mein Schreiben gemacht ist. Aus Zuwendung zu Menschen, die leiden, weil ich weiß, was das ist.

Empathielos ist, Texte zu beurteilen, die man nicht versteht, und Urteile zu fällen über einen Autor, dessen Biografie man nicht kennt.