Die Psychiatrie metastasiert. Die Symptome wurden normalisiert. Die Diagnose ist jetzt Identität. Die Störung ist jetzt geschützt. Ein Dreijähriger versteckt sich hinter dem Bein der Mutter. Ein Vierzigjähriger heult, weil jemand eine Studie zitiert hat. Entwicklungsphase nennt man das beim Dreijährigen. Beim Vierzigjährigen nennt man es Persönlichkeit. Die Generation danach muss googeln, was sie fühlt. Sie alle dürfen jetzt wählen. Und Kinder erziehen.
Wenn die Krankheit aufhört, als Krankheit erkennbar zu sein, wird sie Mehrheit.
Sie sitzen in Redaktionen. In Gerichten. In Personalabteilungen. Sie entscheiden, wer spricht. Wer schweigt. Wer verschwindet. Für sie ist Wahrheit, was sich wahr anfühlt. Beleidigung ist, was sich falsch anfühlt. Dazwischen gibt es nichts. Sie zerstören Existenzen, weil ein Satz wehgetan hat. Sie entscheiden über Leben (über deins) und haften für nichts.
Ein Gefühl ist ein Signal. Ein Signal muss gelesen werden. Es kann übersteuern, aus einer alten Wunde kommen und eine neue Situation vergiften. Signal sagt: prüf nach. Entität sagt: gehorche. Das ist der Unterschied zwischen einem Rauchmelder und einem Gott. Wer sein Gefühl als Signal erlebt, kann warten. Wer es als Gott erlebt, muss sofort reagieren. Der Körper zieht sich zusammen, der Blick wird hart. Der Satz des anderen wird zum Angriff. In einem Gerichtssaal wird eine erlaubte Äußerung zur Zumutung. Weil jemand sich zugemutet fühlt. Und das Gefühl hat jetzt Rechtsprechung.
Eine Frau kommentierte meinen Text zum inneren Kind. Ich zitierte Studien und sie nannte mich »nicht gesprächsfähig«. Die Sache war die Person. Die Unterscheidung existierte nicht. Einer meiner früheren Mitbewohner redete Unsinn. Ich argumentierte und er sagte: »Ja, aber ich fühle das doch gerade.« Damit war für ihn alles geklärt. Das Gefühl ist da, also hat das Gefühl recht. Er fühlte sich verletzt, also hatte ich ihn verletzt. Monate später sprach er noch von diesem Gespräch, das drei Minuten gegangen war. Beruflich kompetent, emotional vier. Ich wurde 2026 für eine legale Meinungsäußerung verurteilt. Die Realität war dokumentiert. Das Gericht las die Akte. Das Gericht las das Gefühl. Das Gefühl wog schwerer. Über 1.350 Euro.
Die Fälle folgen einer Logik.
Die Frage, ob ein Gefühl angemessen ist, setzt voraus, dass Gefühl und Realität zwei verschiedene Dinge sind. Ohne diese Unterscheidung gibt es keinen Maßstab, keine gemeinsame Welt. Nur Inseln. Der eine lebt, wo Argumente gelten. Der andere, wo Gefühle gelten. Sie stehen nebeneinander und sprechen dieselbe Sprache. Aber sie meinen nichts Gemeinsames.
Wenn du diesen Text liest und dich angegriffen fühlst, bist du ein Beleg. Ob ich recht habe, ist nicht der Punkt. Du prüfst nicht, ob es stimmt, sondern ob es sich falsch anfühlt. Und wenn es sich falsch anfühlt, bin ich der Feind. Ohne gemeinsame Realität gibt es keine Korrektur. Nur Krieg. Jeder Einwand ist eine Kriegserklärung, jede Fußnote eine Waffe. Ich zitiere die Forschung und die Reaktion ist Vernichtungswille. Weil ich einen Gott angegriffen habe. Und wer etwas Heiliges berührt, darf vernichtet werden.1
Eine ganze Generation ist ohne etwas aufgewachsen. Sie wissen nicht, was; sie merken nur, dass es nicht funktioniert.2 Bei ihnen ist niemand gekommen. Der Raum zwischen Reiz und Reaktion ist nicht gewachsen. Da ist nur Kurzschluss. Sie sind vierzig und funktionieren wie Säuglinge. Nur dass Säuglinge keine Macht haben. Wer sein Gefühl nicht befragen kann, ist steuerbar. Er merkt nicht, dass jemand auf seinen Knöpfen spielt. Er ist eine Oberfläche. Was ich sehe, hat ein Altersgefälle — und es wächst nach.
Empathie setzt voraus, dass man das eigene Gefühl befragen kann. Wer das nicht kann, sieht den anderen nicht. Er sieht nur, was der andere in ihm auslöst. Er ist grausam, weil er nichts sieht. Die Grausamkeit passiert ihm.
Zwei Formen hat diese Blindheit. Bei der einen wird jede Regung zur Katastrophe. Bei der anderen verschwindet sie ganz. Beides ist derselbe Defekt. Keiner von beiden liest das Signal. Der eine ertrinkt darin. Der andere hört es nicht. Die Verwaltungsmassenmörder des Dritten Reichs waren emotional Kinder. Sie töteten industriell und weinten abends bei Wagner. Die Gefühlsblindheit war die Voraussetzung, nicht das Hindernis.3 Wer blind ist für die eigenen Gefühle, ist unberechenbar. Mit solchen Menschen zu leben ist wie neben einer Bombe zu schlafen.
Die Methode, die Verständnis verspricht und Veränderung erspart, wird denselben Weg gehen wie die Lobotomie. Ein Symptom wird zum Therapieziel gemacht. Lobotomie galt als Durchbruch. Moniz bekam den Nobelpreis. Freeman fuhr von Stadt zu Stadt, zehn Minuten pro Patient.4 Die Patienten wurden ruhiger. Manche so ruhig, dass sie nie wieder sprachen.
Die Patienten heute fühlen sich verstanden. Die Methode gibt ihnen eine Vergangenheit, die alles erklärt und nichts verlangt. Das innere Kind wurde verletzt, also darf ich so bleiben, wie ich bin. Die Therapiedauer wächst. Den Leuten geht es nicht besser.5 Der Zusammenhang wird irgendwann auffallen. Wahrscheinlich zu spät. Auch die Therapie legitimiert sich durch Existenz. Sie misst sich an der Nachfrage. Was sie bewirkt, fragt niemand.
Das Gefühl ist da, also hat es Recht. Die Struktur ist da, also hat sie Recht. Ein Formular erzeugt ein Formular. Eine Stelle prüft den Eingang einer Prüfung, die nur existiert, weil die Stelle existiert.6 Niemand wird gesünder. Niemand wird klüger. Niemand wird freier. Aber es wurde gearbeitet.
Das Buch wurde gekauft, also stimmt es. Es liegt auf dem Tisch. In ihm steht, was man hören will. Kaffee schützt vor Demenz. Zwei Liter Wasser am Tag sind gesund. Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit. Das innere Kind muss Heimat finden. Die Zuckerprobleme bleiben natürlich. Die Insulinresistenz bleibt. Die Entzündungswerte bleiben. Aber man hat ja die schöne Frau auf YouTube. Sie ist Wissenschaftlerin. Sie hat Studien zitiert.
Die versteht das schon.
Fiktionen funktionieren, solange man weiß, dass sie Fiktionen sind.7 Der Moment, in dem man es vergisst, beginnt die Psychose. Kürzer und kürzer wird die Zündschnur, weil die Distanz verschwindet. Leute unterscheiden nicht mehr zwischen Als-ob und Ist. »Ich fühle das doch gerade« ist ein Nebensatz mitnichten.
Es ist ein Massengrab.
Der Satz behandelt ein inneres Ereignis als äußere Tatsache. Er überspringt die Prüfung. Er überspringt die Welt. Er macht aus Empfindung Ontologie. Es fängt mit einem Gefühl an, das nicht befragt wird. Es endet mit einer Gesellschaft, die nicht mehr weiß, was real ist.
Uns geht es gut.



Das Buch, das die schöne Frau auf YouTube nicht empfehlen wird:
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Redaktioneller Hinweis: Die wissenschaftlichen Aussagen in diesem Text basieren auf begutachteter Fachliteratur. Biografische Passagen sind Erfahrungsbericht, keine Verallgemeinerung. Es bestehen keine Interessenkonflikte. Meinungen sind kein Ersatz für Daten. Anna C. Merritt, Daniel A. Effron, Benoît Monin, »Moral Self-Licensing: When Being Good Frees Us to Be Bad«, in: Social and Personality Psychology Compass, Vol. 4, Issue 5, 2010, 344—57.
Die Autoren beschreiben, wie der Mechanismus auf das Gefühl selbst übertragen wird. Das Vorhandensein des Gefühls wird zur moralischen Handlung, die alles Weitere legitimiert.
Stanley I. Greenspan, Beryl Lieff Benderly, The Growth of the Mind and the Endangered Origins of Intelligence, Reading (MA) 1997.
Robert Jay Lifton, The Nazi Doctors: Medical Killing and the Psychology of Genocide, New York 1986.
Jack El-Hai, The Lobotomist: A Maverick Medical Genius and His Tragic Quest to Rid the World of Mental Illness, Hoboken 2005.
Tom J. Johnsen, Oddgeir Friborg, »The Effects of Cognitive Behavioral Therapy as an Anti-Depressive Treatment is Falling: A Meta-Analysis«, in: Psychological Bulletin, Vol. 141, Issue 4, Juli 2015, 747—68.
Pim Cuijpers, Eirini Karyotaki, Leonore de Wit, David D. Ebert, »The Effects of Fifteen Evidence-Supported Therapies for Adult Depression: A Meta-Analytic Review«, in: Psychotherapy Research, Vol. 30, Issue 3, März 2020, 279—93.
David Graeber, Bullshit Jobs: A Theory, New York, 2018.
Hans Vaihinger, Die Philosophie des Als Ob: System der theoretischen, praktischen und religiösen Fiktionen der Menschheit auf Grund eines idealistischen Positivismus, Berlin 1911.




