Descartes hat mehr Menschen getötet als Malaria. Die Trennung des Geistes vom Körper ist ein Massengrab. Seit vierhundert Jahren verrotten Körper, weil ihre Bewohner sie für Möbel halten. Sie glauben, der Körper sei eine Maschine und der Geist ein Mieter. Oder ein Tempel und eine Seele. Oder ein Gefängnis und ein Lichtfunke. Selbsternannte Traumaheiler und Weiblichkeits-Aktivisten — egal welchen Geschlechts — glauben, der Körper sei ein Hindernis und der Geist müsse sich davon befreien. Verschiedene Kostüme, identische Spaltung. Der Körper ist immer das, was man überwindet. Nie das, was man ist. Er geht kaputt. Der Geist schaut zu. Psychopathologie mit Fußnoten.
Denken, Fühlen, Persönlichkeit sind biochemische Vorgänge, das Gehirn ist das Organ. Wer das als Reduktionismus liest, verachtet den Körper, hält ihn für geringer. Reduktionismus ist, den Körper vom Geist zu trennen und dann zu glauben, man könne den einen zerstören, ohne den anderen zu beschädigen. Diese Trennung ist die Krankheit. Der Geist ist Körper bis in die Synapse. Der Körper ist Geist bis in die Zelle. Gedanken wiegen etwas. Körper meinen etwas. Es gibt keinen Kern hinter der Oberfläche. Es gibt kein Innen hinter dem Außen. Es gibt keinen Geist hinter dem Körper. Was innen ist, ist außen. Wenn ich einen Körper sehe, sehe ich seine Gedanken, seine Gefühle. Sie verstecken sich nicht.
Der Körper ist kein Trägermaterial für etwas Höheres. Er ist das Höhere. Wer das nicht versteht, verachtet sich selbst, ohne es zu wissen, hält seinen Leib für etwas Niederes und nennt das dann Spiritualität. Er vergiftet ihn, mästet ihn, betäubt ihn. Dann wundert er sich über den Nebel im Kopf. — Ein adipöser, vergifteter Körper zeigt kein klares Bewusstsein. Er lebt in einem Fleischsack wie in einem Transportmittel, glaubt Charakter unabhängig vom Stoffwechsel, Persönlichkeit unabhängig vom Darm, Seele unabhängig vom Blut.
Dann schluckt er Pillen. Für die Seele, die angeblich nichts mit Chemie zu tun hat.
Der Mensch besteht aus Zellen, Knochen und Blutbahnen. Er besteht genauso aus dem, was er glaubt, wen er liebt und wovor er sich fürchtet. Die Medizin behandelt Krankheiten wie Maschinenschäden. Defekt finden, Chemie spritzen, Rechnung schreiben, nächster Patient. Das Modell funktioniert — solange der Schaden mechanisch ist.
Wer den Menschen in Geist und Körper spaltet, kann beide getrennt verkaufen. Der Psychiater bekommt den einen, der Chirurg den anderen. Seitdem stirbt der eine, während der andere zuschaut. Der gespaltene Mensch ist der ideale Kunde, weil er nicht versteht, wie ihm geschieht. Er kann sich nicht selbst heilen und zahlt. Bis er stirbt. Die profitabelste Ware der Welt.
Hilflosigkeit.
Sie wird in Schulen gelehrt, in Praxen verschrieben, in Nachrichten gesendet. Wer weiß, was sein Körper kann, ist kein Kunde. Vergessen ist das Geschäftsmodell.
Der Körper heilt sich selbst.
Wusste Hippokrates vor zweieinhalbtausend Jahren. Ein Körper, der sich selbst heilt, braucht keinen Arzt; ein Körper, der es vergessen hat, braucht alles. Also verschwand es aus dem Curriculum, aus den Leitlinien, dem Bewusstsein. Was kein Geld bringt, wird nicht gelehrt. Was nicht gelehrt wird, wird vergessen. Was vergessen wird, existiert nicht.
Wer nicht sein eigener Arzt ist, ist ein Narr, und wer isst, wenn er krank ist, füttert seine Krankheit. Auch das sagte Hippokrates, und verschrieb Fasten als Therapie.1
Der Körper macht den Rest. Jede Hochkultur wusste es. Fasten hieß immer, nichts essen und nichts trinken. So fasten Muslime im Ramadan, Juden an Yom Kippur. So fasteten Christen bis ins Mittelalter. Dann kam das 20. Jahrhundert. Eine Industrie entstand, für die Gesundheit ein Verlustgeschäft ist. Die davon lebt, dass du krank bleibst. Sie hat Fasten neu definiert. Fasten heißt heute Wasserfasten. Ein Widerspruch in sich. Wasser hält Parasiten am Leben, verdünnt das Blut, hält Entzündungen aufrecht. Die stärkste Medizin der Menschheitsgeschichte, beerdigt, von einem Wörterbuch. Du hast sie nie vermisst, weil du nie wusstest, dass sie existiert.
Es gibt zwei Arten von Stress. Angst-Stress, der tötet. Heilungs-Stress, der heilt. Wer glaubt, nach drei Tagen ohne Wasser zu sterben, tut es vielleicht auch. Aber es ist die Angst, die den Tod erzeugt, nicht die Biologie.
Sergei Filonov berichtete, wie nach einem Erdbeben in der Sowjetunion eine Entbindungsstation unter Trümmern begraben lag. Neugeborene überlebten dort zehn Tage ohne Wasser und Nahrung. Sie wussten nicht, dass man daran sterben kann. In einem anderen Fall verirrten sich Erwachsene in den Wäldern am Baikalsee — dem schönsten See in Sibirien. Sie liefen tagelang an einem Flussufer entlang, hatten unbegrenzten Zugang zu Trinkwasser. Sie starben trotzdem.
Die Panik tötete sie.
Die Forschung nennt das psychogenen Tod. Die Beobachtungen dazu reichen Jahrhunderte zurück.
Wer davon ausgeht, dass drei Tage ohne Wasser tödlich sind, kann keine dreizehn Tage trockenfasten. Der Glaube tötet vor dem Körper.
Es gibt zwei Wege zum Tod durch Vorstellung. Der erste tritt durch Panik ein. Jemand erfährt, dass er verfluchte Nahrung gegessen hat, oder erhält eine Tumordiagnose. Die Panik tötet. Der zweite Weg erfolgt durch Apathie. Der Mensch reagiert auf nichts mehr, selbst auf Verletzungen nicht. Er ist nicht mehr anwesend.
Bei den Tupinambá in Südamerika starb ein Mann kurz nach dem Fluch eines Medizinmanns.2 Bei den Maori in Neuseeland aß eine Frau unwissentlich eine Frucht von einem Ort, der mit einem Tabu belegt war. Als sie davon erfuhr, brach sie zusammen und war am nächsten Tag um zwölf Uhr tot.3
Gleichwohl skeptisch muss man bei historischen Anekdoten sein. Heimlich verabreichte Gifte lassen sich nicht ausschließen. Aber selbst wenn ich alle zweifelhaften Fälle herausfiltere, bleiben Berge verbürgter Fälle.
Sylvester M. Lambert, ein Arzt, arbeitete an einer Mission. Ein konvertierter Aborigine namens Rob hatte erfahren, dass der Hexendoktor Nebo einen Knochen auf ihn gerichtet hatte. Rob kollabierte. Lambert untersuchte ihn und fand nichts. Kein Fieber, kein Schmerz, keine Krankheit, kein Gift. Trotzdem lag der Mann im Sterben. Lambert und der Missionar holten Nebo und drohten ihm. Nebo beugte sich über Robs Bett. Es sei ein Irrtum gewesen, ein Scherz, er habe gar keinen Knochen auf ihn gerichtet. Am selben Abend war Rob wieder bei der Arbeit. Die Überzeugung hatte ihn fast getötet. Ihre Aufhebung heilte ihn sofort.
Der Harvard-Physiologe Walter B. Cannon erklärte den Vorfall durch eine massive Überreaktion des sympathischen Nervensystems. Das System steuert Kampf oder Flucht, und Todesangst übersteuert es so, dass die Organe die Belastung nicht mehr aushalten.4 Cannon nannte den Mechanismus Voodoo-Tod. Ihm fehlten jedoch die Mittel, die Neurobiologie dahinter zu verstehen. Erst 1981 entdeckte der Endokrinologe Wiley Vale das CRH-Hormon im Hypothalamus.5
Seitdem lässt sich die tödliche Befehlskette vom ersten Gedanken bis zum Organversagen verfolgen.
Ein extremer Angstreiz trifft im Gehirn ein. Die Gewissheit eines Fluches ist ein solcher Reiz. Die Amygdala schlägt mit maximaler Intensität, feuert Signale an den Hypothalamus. Der schüttet CRH aus. Das löst eine Kaskade aus, die in Überflutung mit Kortisol und Adrenalin gipfelt. Der Körper flutet sich mit Aufputschmitteln, weil er glaubt, um sein Überleben kämpfen zu müssen. Die Überdosis an Nervenchemikalien führt zu extremen Reaktionen. Blutgefäße kontrahieren so aggressiv, dass der Blutdruck erst massiv steigt und dann, weil das System überlastet ist, abstürzt. Herzrhythmusstörungen, Sauerstoffmangel, Gefäßkollaps. Das Herz hört auf zu schlagen. Die eigenen chemischen Warnsignale des Gehirns haben es vergiftet.
1973 erhielt ein Mann die Diagnose Leberkrebs. Drei Monate gab der Arzt ihm. Drei Monate nahm der Körper sich. Er starb termingerecht. Gehorsam bis zuletzt. Die Autopsie zeigte, dass der Tumor gar nicht gewachsen war. Der Pathologe Clifton Meador publizierte den Fall. Er schrieb, er kenne die pathologische Todesursache nicht. Der Mann war an der Diagnose gestorben, an der Erwartung des Todes.6
Angst tötet schneller als Krankheit.7
Das führt zum anderen Phänomen, dessen historische Spuren weit zurückreichen. In der Kolonie Jamestown zwischen 1607 und 1625 verhungerten Siedler mitten im Winter. Nahrung gab es. Sie suchten nur nicht mehr danach. Sie nannten es eine »Krankheit des Geistes«, Melancholie. Sie gaben auf.
Diese Form des psychogenen Todes wird Give-up-itis genannt.8 Menschen geben die Hoffnung auf, verlieren Lebenswillen. Der Körper stellt seine Funktionen ein. Keine tödliche organische Verletzung liegt vor.
Es gibt Berichte aus Kriegsgefangenenlagern in Korea und Vietnam. Das paradoxe Detail in den Berichten der Lagerärzte ist, dass diese Menschen nicht den Verstand verlieren. Tödliche Apathie ist nicht psychotisch. Die Betroffenen verstanden ihre Realität. Die Ärzte traten an die Pritschen, stellten Fragen, und die Gefangenen antworteten luzide, rational, klar. In der Sekunde, in der das Gespräch endete, fielen sie zurück in den apathischen Zustand. Der Intellekt war unbeschädigt, der Antrieb wie weggewischt.
Der Militärpsychologe John Leach kartierte 2018 den Weg in diesen Tod. Fünf Stufen, von sozialem Rückzug über Apathie bis zum psychogenen Tod. Trauma fährt die Dopaminproduktion unter den Schwellenwert, ab dem Motivation existiert. Der Mensch gibt auf und stirbt. Weder Suizid noch Depression. Beobachtet in Kriegsgefangenenlagern, auf Schiffbrüchen, in Konzentrationslagern.9
Phase eins ist der Rückzug.
Die Betroffenen werden passiv. Sie kapseln sich emotional und sozial von ihrer Umgebung ab. Das ist zunächst ein Schutzmechanismus. Das Gehirn schirmt sich ab, um emotionale Energie zu sparen. Eine Mikrodosis davon kennt jeder. Irgendein Projekt, das gegen die Wand fährt, man kann nicht mehr reden, kapselt sich ab und so weiter. Hier geht es um denselben Zustand, tausendfach verstärkt und ohne Aussicht auf ein Ende.
Wenn sich die Situation nicht bessert, rutschen die Menschen in Phase zwei, die Apathie.
Die medizinischen Quellen nennen das eine extreme Trägheit. Ein Überlebender aus einem russischen Gefängnis beschrieb eine Melancholie, die sich anfühlte wie ein physisches Gewicht auf der Brust. Äußerlich sieht man das am schlurfenden Gang. Ein sprechendes Merkmal ist auch die Vernachlässigung der Hygiene. Die Betroffenen hören auf, sich zu waschen, selbst wenn sauberes Wasser vor ihnen steht.
Das führt in Phase drei, die Abulie. — Willenslosigkeit.
Grundlegende Instinkte erlöschen. Überlebende beschrieben das als Gehirnmatsch (a mind like mush). Auf die Frage, woran sie gerade denken, antworteten sie: an nichts.
Leere breitet sich aus und geht über in Phase vier, die psychische Akinesie. — Emotionaler und physischer Stillstand. Gespenstische Gleichgültigkeit, selbst gegenüber extremen Schmerzen.
In Vietnam saß ein Kriegsgefangener so nah am Lagerfeuer, dass seine Haut und seine Haare anfingen zu brennen. Er zuckte nicht. Schläge von den Aufsehern nahmen die Betroffenen teilnahmslos hin. Sie registrierten den Schmerz nicht mehr. Inkontinenz setzte ein.
Wer die vierte Stufe erreicht, steht vor Phase fünf, dem psychogenen Tod. Die biologischen Systeme fahren herunter. Das Herz hört auf zu schlagen.
Zu diesem letzten Schritt gibt es eine Passage vom Psychiater Viktor Frankl, aus seinen Aufzeichnungen über Auschwitz.10 Da beschreibt Frankl, wie einige Häftlinge noch eine versteckte Zigarette bei sich trugen. In der Ökonomie des Lagers war eine Zigarette die wertvollste Währung, das Äquivalent zu einer lebensrettenden Schale Suppe. Wenn ein Häftling anfing, diese Währung selbst zu rauchen, wussten alle anderen Bescheid. Es war das Signal der finalen Kapitulation, ein kurzer Moment des hedonistischen Aufbäumens. Frankl notierte, dass jeder wusste: in vierzig Stunden wird dieser Mann tot sein.11
Der biologische Täter hinter der Give-up-itis lässt sich inzwischen benennen. Er ist eine Fehlfunktion im frontal-subkortikalen Kreislauf, im vorderen singulären Kortex. Diese Region steuert Motivation und zielgerichtetes Verhalten. Ein massives Dopamin-Ungleichgewicht entsteht. Dopamin treibt uns an, überhaupt etwas zu tun. Ohne Dopamin bleibt nur Antriebslosigkeit.
Das Gehirn bewertet permanent Stresssituationen. Wenn wir eine Bedrohung als kontrollierbar wahrnehmen, steigt der Dopaminspiegel. Das Gehirn schaltet auf aktives Coping. Wird dieselbe Situation als unkontrollierbar bewertet, passiert das Gegenteil. Der Dopaminspiegel im Nucleus accumbens stürzt ab. Das Gehirn legt den Organismus lahm, was evolutionär auch sinnvoll ist. In einer ausweglosen Situation Energie für Flucht oder Kampf zu verschwenden, würde nur schneller töten. Bei chronischem Trauma greift dieser Mechanismus zu tief. Give-up-itis ist die tödliche Endstufe einer biologischen Anpassungsreaktion. Die Psyche diktiert der Biologie das Ende.
Der Prozess ist bis in die späten Phasen reversibel. Wie beim Aborigine Rob, der beinahe gestorben war. Das erfordert extreme Reize von außen. Manchmal half liebevolle Pflege und stetiges Zureden, manchmal brauchte es drastische Maßnahmen. Ein Soldat bemerkte, wie sein Kamerad in die Apathie abglitt. Er fing an, ihn zu provozieren, zu treten, zu schlagen. Er tat es, bis der Apathische so wütend wurde, dass er aufsprang, um sich zu wehren. In Jamestown trieb man Menschen unter Androhung von Strafen zur Nahrungsbeschaffung.
Der externe Reiz durchbricht den inneren Stillstand, weil sich das System bei der Apathie nicht selbst aktivieren kann. Das nötige Molekül fehlt. Ein massiver externer Reiz zwingt die Person zu einer Handlung und umgeht die Blockade. Sobald der Körper sich bewegt, geht Dopamin wieder hoch.
Entscheidend ist der nächste Schritt, die bewusste Rückgewinnung von Kontrolle. Um den Prozess dauerhaft umzukehren, mussten die Gefangenen winzige, scheinbar bedeutungslose Handlungen ausführen. Ein Überlebender band sich jeden Morgen aus Prinzip die Schuhe penibel neu. Ein anderer rasierte sich jeden Tag, obwohl er dafür nur eine stumpfe Klinge und eisiges Wasser hatte. Es ging um Autonomie, um eine Handlung, die sie selbst kontrollierten.
Wenn der Glaube an einen Fluch den Körper töten kann und wenn das Greifen nach einem Schnürsenkel das Gehirn wiederbeleben kann, dann ist die innere Überzeugung ein medizinischer Faktor. Man kann ihn biologisch messen. Hoffnung ist eine Bedingung für biologisches Überleben.
Machtlosigkeit tötet, wenn sie das Dopamin unter die Wasserlinie des Lebens drückt. Aber es gibt auch Mikrodosen an Hilflosigkeit, die jeden Tag konsumiert werden. Wenn Leute zum Beispiel stundenlang durch apokalyptische Nachrichten scrollen, Kriege sehen und nichts dagegen tun können. Dazu kommt das Feststecken in Hierarchien und bürokratischen Strukturen, die jede Eigeninitiative ersticken. Mikrodosen haben einen kumulativen Effekt. Sie trainieren das Gehirn auf passives Coping. Ein unsichtbares Training, das Lebendigkeit abtötet.
Shchennikov hat über zwei Jahrzehnte in Selbstversuchen bis zu 21 Tage am Stück trockengefastet.12 Die physiologische Grenze liegt weit jenseits dessen, was die Angst erlaubt. Menschen, die nach einer Woche ohne Wasser sterben, sterben psychogen. Tot sind sie trotzdem. Aber der Körper hätte länger gekonnt. Der Glaube hat ihn getötet.
Filonovs Neugeborene unter den Trümmern hatten keine Angst, weil sie nicht wussten, dass man verdursten kann. Ihr Dopaminsystem blieb intakt. Die Erwachsenen im selben Gebäude, die wussten, was drei Tage ohne Wasser bedeuten, starben zuerst. So wie die Verirrten am Baikalsee. Sie wussten nicht, wo sie waren, ob jemand sie finden würde. Ihre eigene Vorstellungskraft terrorisierte sie zu Tode.
Leachs Forschung zeigt, dass die Wiederherstellung von Kontrolle den psychogenen Tod umkehrt. Wer weiß, dass der Körper sein eigenes Wasser herstellt, dass die Krise am neunten Tag die Heilung einleitet, dass der Prozess kontrollierbar ist, aktiviert Dopaminkreisläufe, die Leach als Gegenmittel identifiziert. Angst erzeugt den Tod. Wissen löst die Angst auf.
Filonov beobachtete, dass die Energie des Körpers dorthin fließt, wohin die Intention sie lenkt. Wer sich mit Trockenfasten von einem Tumor heilen will, dessen Körper nutzt die freigewordene Kapazität, um den Tumor zu tilgen. Wer Gewicht verlieren will, verliert Gewicht. Das sind die häufigsten Gründe bei Filonovs Patienten. Gewichtsabnahme zuerst, dann schwere Krankheit. Es gibt aber Menschen, die trockenfasten, um spirituelle Erleuchtung zu erreichen. Mönche zum Beispiel. Tiefe Ketose verändert ihre Gehirnchemie. Das ist der schnelle Weg. Der langsame Weg ist, jahrelang zu meditieren und weiter zu essen und zu trinken als wäre der Körper bloß ein »Tempel«, den man bewohnt.
Die Einstellung kann töten, und sie kann in eine Richtung heilen. Dass Leute das nicht verstehen, hat mit der Dichotomie zu tun, die den Geist als abstraktes Glühwürmchen betrachtet und den Körper als etwas Ungeistiges.
Auch Placebo sieht anders aus. Placebo heißt: falsche Intervention, echte Wirkung. Der Glaube ersetzt die Behandlung. Trockenfasten heißt: echte Intervention, gelenkte Wirkung. Die Intention fügt Richtung hinzu. Der Körper verbrennt Fett, zerlegt kranke Zellen, baut Gewebe um. Wohin er die freigewordenen Ressourcen lenkt, entscheidet das Gehirn. Es folgt der Aufmerksamkeit. Und wer jetzt fragt, wie die Intention ins Gehirn gelangt, steckt immer noch im Körperhass. Die Intention ist ein Gehirnprozess. Sie muss nirgendwohin gelangen. Und nein, das wertet sie nicht ab, sondern auf.
Der zentrale Heilungsmechanismus beim Fasten ist die Autophagie. Alles, was alt, beschädigt oder überflüssig ist, kaputte Proteine, verbrauchte Mitochondrien, wird zerlegt. Die Bausteine werden wieder verwertet, um neue Energie zu gewinnen oder neue Zellteile zu bauen. Lange dachte man, die Zelle registriere den Nährstoffmangel und räume isoliert auf. Eine lokale Reaktion. Das Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung hat gezeigt, dass die Realität anders aussieht. Das Gehirn spielt den Dirigenten. Schon nach kurzer Fastenzeit schüttet es Corticosteron aus. Dieses Hormon gibt der Leber den Befehl, die Autophagie hochzufahren.13
Das Gehirn steuert die Autophagie. Die Intention steuert das Gehirn. Also steuert die Intention die Heilung. Derselbe Mechanismus, der beim psychogenen Tod den Körper tötet, lenkt beim Trockenfasten die Reparatur.
Bewusstsein ist Körper. Körper ist Bewusstsein. Wer das eine vergiftet, vergiftet das andere. Wer das eine heilt, heilt das andere. Die Philosophen haben vierhundert Jahre gebraucht, um das zu vergessen. Die Forschung hat zwanzig gebraucht, um es zu beweisen.



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Redaktioneller Hinweis: Die wissenschaftlichen Aussagen in diesem Text basieren auf begutachteter Fachliteratur. Biografische Passagen sind Erfahrungsbericht, keine Verallgemeinerung. Es bestehen keine Interessenkonflikte. Meinungen sind kein Ersatz für Daten.Corpus Hippocraticum, 5. Jahrhundert v. u. Z. Die hippokratische Medizin beruht auf dem Grundsatz, dass der Körper sich selbst heilt (vis medicatrix naturae). Der Arzt assistiert der Natur, statt sie zu ersetzen. Fasten gehörte zu den therapeutischen Standardverordnungen.
Émile Littré, Œuvres complètes d’Hippocrate, 10 Bde., Paris 1839—1861.
William Henry Samuel Jones (Hg.), Hippocrates, Loeb Classical Library, London/Cambridge 1923 ff.
Deutsch: Richard Kapferer (Hg.), Die Werke des Hippokrates. Die hippokratische Schriftensammlung in neuer deutscher Übersetzung, Stuttgart 1933—1940.
Walter B. Cannon, »›Voodoo‹ Death«, in: American Anthropologist, Vol. 44, No. 2, April—Juni 1942, 169—81.
Gabriel Soares de Sousa, ein portugiesischer Kolonist, beobachtete im 16. Jahrhundert Todesfälle unter den Tupinambá, die durch Verurteilung eines Medizinmanns ausgelöst wurden. Cannon zitiert ihn.
William Brown, New Zealand and Its Aborigines. Being an Account of the Aborigines, Trade, and Resources of the Colony, London 1845.
Cannon dokumentierte Fälle aus Australien, Afrika, Haiti und Neuseeland. Verfluchte Personen starben ohne organische Ursache innerhalb von Stunden bis Tagen. Er identifizierte sympathoadrenale Überaktivierung als Todesursache (Cannon 1942).
Wylie Vale, Joachim Spiess, Catherine Rivier, Jean Rivier, »Characterization of a 41-Residue Ovine Hypothalamic Peptide That Stimulates Secretion of Corticotropin and β-Endorphin«, in: Science, Vol. 213, Issue 4514, 18.09.1981, 1394—7.
Vale isolierte CRH aus über 500.000 Schafshypothalami. Ein Peptid aus 41 Aminosäuren, das ACTH und Beta-Endorphin aus der Hypophyse freisetzt. Die biochemische Befehlskette vom Hypothalamus zur Nebenniere war damit vollständig beschreibbar.
Clifton K. Meador, »Hex Death: Voodoo Magic or Persuasion?«, in: Southern Medical Journal, Vol. 85, Issue 3, März 1992, 244—7.
Esther Sternberg bewertete Cannons Arbeit sechzig Jahre später neu. Sie identifizierte die hormonelle Kaskade, die Cannon 1942 noch nicht benennen konnte. Corticotropin Releasing Hormone aus dem Hypothalamus, Cortisol aus der Nebenniere, Katecholamine aus dem Nebennierenmark. Cannon hatte ihre Wirkung korrekt vorhergesagt.
Esther M. Sternberg, »Walter B. Cannon and ›Voodoo‹ Death: A Perspective from 60 Years On«, in: American Journal of Public Health, Vol. 92, Issue 10, Oktober 2002, 1564—6.
Martin Samuels beschrieb den Mechanismus im Detail. Extreme Angst löst über sympathische Überaktivierung tödliche Herzrhythmusstörungen aus. Die Autopsie zeigt keine koronare Ursache. Das Herz bricht, ohne dass die Arterien verstopft sind.
Martin A. Samuels, »›Voodoo‹ death revisited: The modern lessons of neurocardiology«, in: Cleveland Clinic Journal of Medicine, Vol. 74, Suppl. 1, Februar 2007, S8—16.
John Leach, »›Give-up-itis‹ revisited: Neuropathology of extremis«, in: Medical Hypotheses, Vol. 120, November 2018, 14—21.
Der Mechanismus ist Dopamin-Depletion im anterioren cingulären Schaltkreis und im Nucleus accumbens. Der präfrontale Cortex unterdrückt aktiv die Dopaminproduktion, sobald das Gehirn registriert, dass keine Flucht möglich ist. Kurz vor dem Tod zeigten die Sterbenden eine scheinbare Erholung, rauchten zum Beispiel eine letzte Zigarette. Leach interpretiert das als paradoxes Wiederaufleben zielgerichteten Verhaltens. Das Ziel ist das Aufgeben des Lebens (Leach 2018).
Viktor E. Frankl, …trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager, Wien 1946.
Frankl beschreibt drei Phasen der psychischen Anpassung im Lager: Schock bei der Aufnahme, Apathie im Alltag, Depersonalisierung und Desillusionierung bei den Überlebenden. Die Zigaretten-Passage steht in der zweiten Phase. Die Häftlinge lagen in ihrem eigenen Unrat, rauchten den letzten gehorteten Zigarettenstummel, standen nicht mehr auf (Frankl 1946).
Leonid Aleksandrovich Shchennikov, Способ оздоровления организма, патент Российской Федерации № 2021860, Moskau 1993.
Weiyi Chen, Oliver Mehlkop, Alexandra Scharn, et al., »Nutrient sensing AgRP neurons relay control of liver autophagy during energy deprivation«, in: Cell Metabolism, Vol. 35, Issue 5, 02.05.2023, 786—806.
AgRP-Neuronen im Hypothalamus lösen bei Nahrungsentzug die Ausschüttung von Corticosteron aus, das die Autophagie in der Leber einleitet. Bei Blockierung des Signalwegs setzte die Autophagie trotz Fasten nicht ein.





