Die meisten Menschen haben ihren Körper nie getroffen. Sie kennen nur die Lügen, die er ihnen erzählt. Dreimal täglich gehorchen sie.
Falco fastete wieder, inspiriert von meinen Texten. Das Interessante liege unter dem Hunger, sagte er. Essen war für ihn jahrelang Mutterersatz. Eine Betäubung, die aufhört zu wirken, sobald man aufhört zu essen.
Ich kenne das. Tage ohne Wasser, und mein Körper hätte weiter gefastet. Was mich jedes Mal zurückholte, waren die Geschichten, die ich mir erzähle, Narrative, die stärker sind als der Durst. Ich habe Trockenfasten nie abgebrochen, weil mein Körper etwas brauchte. Immer, weil etwas in mir sich vorstellte, er bräuchte es. Vorstellung schlägt Wille. Die Vorstellung war falsch, aber sie ließ sich nicht korrigieren. Ungehorsam erzeugte Angst. Angst brach mich. Hunger war Vorwand.
Was die meisten Menschen als Hunger interpretieren, ist Angst davor, was passieren könnte, wenn sie der Kompulsion nicht nachgeben. Die Antwort lautet: gar nichts. Hunger ist oft Angst in Verkleidung. Die körperlichen Symptome sind psychisch verursacht. Und die Psyche bezieht ihre Kraft aus Narrativen. Aus Geschichten, die ich mir erzähle, ohne sie zu hören. Was ich für Realität halte, ist eine Erzählung.
Saker zeigt, wie das Gehirn das Schlucken hemmt, wenn der Körper kein Wasser braucht.1 Meine Beobachtung zeigt die Gegenrichtung. Mein Gehirn erzeugt Verlangen, wenn ich mir Wasser vorstelle. Mein Körper braucht keines. Derselbe Cortex, derselbe Mechanismus, entgegengesetzte Wirkung. Ich stelle mir eiskaltes Sprudelwasser vor, und der Durst wächst mit der Schärfe des Bildes. Dopamin antwortet auf das Bild, das Bild füttert das Dopamin. Der Kreislauf braucht kein Wasser. Er braucht nur die Vorstellung. Sucht in Reinform. Das Verlangen entsteht im Bild. Der Körper empfängt das Signal und hält es für seins.
Der Test ist banal. Denke ich an Wasser, wächst der Durst. Denke ich an etwas anderes, schrumpft er. Physiologischer Bedarf würde bleiben, egal ob ich daran denke oder nicht. Verlangen braucht Aufmerksamkeit, um zu existieren. Es verschwindet, sobald ich aufhöre, es zu füttern.
Die Symptome sind real. Der Körper schreit, und das Schreien ist unerträglich. Hinter dem Schreien steht keine biologische Notwendigkeit. Was ich spüre, ist Psyche, übersetzt in Körper. Das zu wissen nimmt mir die Angst. Es nimmt mir nicht das Gefühl. Das bleibt unerträglich. Aber ohne die Angst kann ich den Reflex unterbrechen. Ich muss das Unerträgliche nicht sofort in Fressen übersetzen.
Die Religion, die es zu zerstören gilt, ist der Glaube, ein körperliches Gefühl habe automatisch eine körperliche Ursache. Das Gefühl mag real sein. Die Ursache ist nicht real. In Industrieländern essen die meisten Menschen längst nicht mehr aus körperlicher Notwendigkeit. Was wir Hunger nennen, ist ein psychischer Prozess, der sich körperlich anfühlt. Das Belohnungssystem verlangt seine Dosis, und der Körper gehorcht, obwohl er längst satt ist. Das Narrativ verlangt Nachschub.
Die Forschung unterscheidet zwei Arten von Hunger. Homöostatischer Hunger entsteht aus Energiedefizit, der Körper braucht Kalorien. Hedonischer Hunger entsteht aus Verlangen, das Gehirn will Belohnung. Der zweite regiert den Alltag. Michael Lowe prägte den Begriff.2 Die Unterscheidung erklärt, warum Menschen mit vierzig Kilo Übergewicht sich hungrig fühlen.
Der Unterschied lässt sich spüren. Echter Hunger ist ruhig. Er kommt, wartet, geht wieder. Hedonischer Hunger drängt. Er wird lauter, wenn man ihn ignoriert, und er hört erst auf, wenn er bekommt, was er will. Wer den Unterschied nicht kennt, verwechselt Entzug mit Bedürfnis. Hedonischer Hunger ist körperlich spürbar. Er zittert in den Händen, drückt im Magen, vernebelt den Kopf. Er fühlt sich an wie Biologie, ist aber antrainiert.
Kalorienreiche Nahrung ist permanent verfügbar. Das hat den homöostatischen Hunger ausgelöscht. Was die meisten Menschen für Hunger halten, ist hedonisches Verlangen. Geruch, Uhrzeit, Gewohnheit, Stress lösen es aus. Der Körper ist längst satt. Das Belohnungssystem hat es noch nicht gemerkt. Ghrelin, das Hungerhormon, folgt der Uhr, und die Uhr folgt der Gewohnheit. Wer jeden Tag um zwölf isst, produziert um zwölf Ghrelin, auch wenn der Körper nichts braucht. Das Hormon ist real, das Gefühl ist real, der Hunger ist trotzdem ein Phantom. Der Körper hat gelernt, zu einer bestimmten Zeit zu verlangen, was er zu keiner Zeit braucht.3
Der Hunger ist ein Gespenst. Er hat keinen Grund. Der Fundus des Magens produziert Ghrelin. Er tut es, weil er Essen erwartet. Die Leere ist irrelevant. Was zählt, ist die Erwartung. Mein Körper hat über Jahre gelernt, wann ich esse. Frühstück, Mittagessen, Abendessen. Jede Mahlzeit hat dem Magen beigebracht, wann er Ghrelin ausschütten soll. Der Körper folgt dem Stundenplan, den ich ihm geschrieben habe. Die Uhr sagt zwölf, der Magen gehorcht. Energie hat er genug. Das spielt keine Rolle. Der Reflex ist konditioniert, Pawlow mit Hormonen statt Speichel. Der Hund sabbert, weil die Glocke klingelt. Er sabbert, obwohl er nicht hungrig ist. Mein Magen schüttet Ghrelin aus, weil es zwölf Uhr ist. Er schüttet es aus, obwohl ich nicht verhungere.
Ghrelin kommt in Wellen. Jede Welle dauert zwanzig bis dreißig Minuten, dann ebbt sie ab. Das Signal meldet keinen Mangel. Es wiederholt ein gelerntes Muster. Mein Körper hat Reserven für Wochen. Was ich höre, ist eine klingelnde Uhr. Die Kurve ist gemessen. Ghrelin steigt, erreicht den Peak, fällt ab. Auch wenn man nichts isst. Kaum jemand weiß das. Um es zu wissen, müsste man warten. Aber wer wartet schon. Man spürt den Hunger, liest ihn als Dringlichkeit und isst sofort. Wer wartet, sieht es. Der Hunger verschwindet. Die Welle ebbt ab, ganz von allein. Der Körper baut das Hormon ab, der Spiegel fällt, das Signal erlischt.4 Bis zur nächsten gelernten Mahlzeit.
Der Beweis liegt vor. Menschen, die von drei Mahlzeiten auf eine wechseln, erleben nach wenigen Tagen eine Verschiebung. Die alten Hungerwellen verschwinden. Neue entstehen. Der Körper lernt um. Ghrelin behauptet Mangel. Die Wahrheit ist Gewohnheit. Der Mangel ist erfunden.
Was ich Hunger nenne, ist ein gelerntes Muster, das sich als Mangel ausgibt. Echte Energieknappheit fühlt sich anders an. Hypoglykämie, Cortisol-Alarm, Zittern, Schwindel, kognitive Ausfälle. Das sind die Signale des Mangels. Beim Fasten kommen sie auch. Bei normalen Fettreserven dauert das Wochen. Was nach Stunden kommt, hat damit nichts zu tun. Was ich in den ersten Tagen spüre, ist eine Gewohnheit, die protestiert, weil ich ihr nicht gehorche.
Die Parallele zur Sucht ist exakt. Der Raucher verlangt nach einer Zigarette zur Kaffeepause, nach dem Essen, bei Stress. Sein Körper braucht kein Nikotin. Er hat gelernt, es zu erwarten. Die Erwartung fühlt sich an wie Bedürfnis. Nikotinverlangen ist das Ghrelin des Rauchers. Ghrelin ebbt nach zwanzig bis dreißig Minuten ab, wenn man nichts isst. Nikotinverlangen ebbt nach fünf bis zwanzig Minuten ab, wenn man nicht raucht.5 Der Mechanismus ist derselbe. Eine Erwartung, die sich als Bedürfnis verkleidet, eine Uhr, die sich als Tank verkleidet. Das Hormon ist real, die Rezeptoren sind real, die Empfindung ist real. Alles daran ist echt. Die Interpretation ist die Lüge. Ich muss jetzt essen, sonst passiert etwas Schlimmes. Nichts Schlimmes passiert. Die Welle geht vorbei. Dahinter ist Ruhe.
Das Gehirn hat ein antizipatorisches Dopaminsystem. Es schüttet Dopamin aus, bevor die Belohnung kommt. Die Erwartung selbst ist der Auslöser. Sie braucht die Erfüllung gar nicht mehr. Schultz hat es in den Neunzigern an Affen gezeigt, seitdem zigfach repliziert.6 Die Dopamin-Neurone feuern beim Signal, das den Saft ankündigt. Beim Saft selbst feuern sie kaum noch. Die Erwartung ist der Rausch. Die Belohnung selbst ist Routine. Nach ausreichender Konditionierung feuert das Dopamin schon, wenn die Zeit gekommen ist, zu der das Signal normalerweise erscheint. Kein Signal mehr nötig, kein Reiz. Die Uhrzeit allein genügt.
Deshalb ist Sucht so schwer zu brechen. Man kämpft gegen eine Vorhersage, und Vorhersagen sind härter als Bedürfnisse. Ein Bedürfnis kann man stillen. Eine Vorhersage will recht behalten. Das Gehirn sagt voraus, dass um einundzwanzig Uhr Wein kommt. Kommt kein Wein, ist das ein Prediction Error, ein Vorhersagefehler. Der Fehler erzeugt Stress. Das System rebelliert. Der Alkohol fehlt dem Körper nicht. Die Vorhersage war falsch, das ist das Problem. Das Gehirn hasst falsche Vorhersagen mehr, als es Belohnung liebt. Der Irrtum schmerzt mehr als der Entzug.
Bei allen Süchten dasselbe Muster. Man wird um eine gewisse Uhrzeit unruhig, obwohl es keinen Grund gibt. Die Unruhe kommt von innen. Der Körper erwartet etwas, und die Erwartung fühlt sich an wie Not. Ich sah das jeden Abend. Mein Mitbewohner stapelte seine Substanzen. Energy-Drinks, Cannabis, dann eine ganze Flasche Wein. Sein ventrales Tegmentum7 feuerte, weil es Abend war, weil er abends immer trank, weil sein Gehirn gelernt hat, dass jetzt Ethanol kommt. Der Alkohol ist nicht das Bedürfnis. Er ist die Antwort auf ein Bedürfnis, das sein Gehirn selbst erzeugt hat. Die Dopamin-Neurone im VTA projizieren in den Nucleus accumbens. Sie erzeugen ein Gefühl, das sich anfühlt wie Verlangen, wie Unruhe, wie etwas fehlt. Der Körper spürt es im Bauch, in den Händen, im Kopf. Das Gefühl ist echt. Was fehlt, ist erfunden. Es wird etwas erwartet, und die Erwartung erzeugt den Mangel.
Er hatte ein Stapelsystem. Mehrere Süchte, übereinandergeschichtet, jede mit eigenem Zeitplan. Morgens Koffein. Cannabis irgendwann ab Nachmittag. Abends Ethanol. Dazwischen Energy-Drinks als Dauerinfusion. Jede Substanz hat ihren Moment. Einen konditionierten Zeitpunkt, an dem das Dopaminsystem feuert. Sein Körper hatte mehrere Wecker. Sie klingelten nacheinander, den ganzen Tag. Der Körper hat keinen Moment der Stille. Die Wecker überlappen sich. Irgendein Alarm ist immer an. Kein einziger Wecker meldet Mangel. Alle melden Erwartung. Das ist der gesamte Unterschied. Sein Gehirn antizipiert immer etwas, bereitet immer etwas vor. Die Maschine läuft ohne Pause. Bei sich ist er nie. Er lebt im Countdown. Immer auf dem Weg zur nächsten Substanz. Er hält die Grundunruhe für seinen Charakter. Sie treibt ihn von Substanz zu Substanz. Was er für Persönlichkeit hält, ist ein Fahrplan.
Die Kaffeepause ist der Kontext für die Zigarette. Aber der Kaffee selbst folgt demselben Muster. Der Körper braucht kein Koffein. Er erwartet es. Der Morgen ohne Kaffee ist Entzug, verkleidet als Müdigkeit. Derselbe Schaltkreis, dieselben Neurone, dieselbe Chemie wie bei jeder anderen Sucht. Der Hunger reiht sich ein. Ein weiterer Wecker im System. Eine weitere Erwartung. Ein weiterer falscher Mangel. Für seinen Körper ist das Verlangen nach Essen um zwölf und das Verlangen nach Wein um neun dasselbe. Antizipatorisches Dopamin, das sich anfühlt wie ein Bedürfnis.
Wer trockenfastet, erlebt eine Umkehrung. Der Ghrelinspiegel sinkt. Die Wellen, die vorher drängten, werden flach und selten. Ab Tag drei war der Hunger weg. Der Körper hat auf Ketose umgestellt. Er produziert Beta-Hydroxybutyrat. Es unterdrückt Ghrelin.8 Der Hunger wird leiser, weil ein anderes Molekül ihn zum Schweigen bringt. Die Chemie übernimmt, was der Wille nicht konnte. Der Körper fragt nicht mehr nach Essen. Er verbrennt sich selbst und ist zufrieden damit.
Gleichzeitig verändert sich ein anderes System. Leptin sinkt im Blut, aber im Gehirn passiert das Gegenteil. Die Empfindlichkeit steigt. Weniger Hormon, stärkeres Signal. Chronisches Überessen hat das Sättigungssignal taub gemacht. Fasten macht es wieder hörbar.9 Das Gehirn braucht weniger Leptin, um satt zu melden. Alle Fastenden berichten das. Weniger Nahrung, dieselbe Zufriedenheit. Das Gehirn hat sich neu kalibriert.
Wer das versteht, kann warten. Der Hunger geht vorbei. Es dauert nicht lange. Was er sagt, ist gelogen. Fasten bedeutet, den Wecker zu ignorieren und zuzusehen, was passiert. Er klingelt. Man reagiert nicht. Er klingelt lauter. Man reagiert nicht. Er verstummt. Und in der Stille wird klar, dass der Lärm nie von außen kam.
Wer trockenfasten will, muss das wissen. Die Hürde sind die Geschichten, die der Körper erzählt, und dieselben Geschichten treiben Binge Eating, Übergewicht, jede Essstörung. Fettleibigkeit ist keine biologische Notwendigkeit. Sie ist Psyche, verkleidet als Körper. Ohne Frühstück zittert der Körper, und er nennt es Hunger, obwohl es Entzug ist. Das fühlt sich körperlich an, und genau das ist die Täuschung. Die Psyche hat gelernt, sich als Körper auszugeben, und wir folgen Narrativen, die wir uns unbewusst erzählen. Es ist nicht Hunger nach Nahrung, der uns essen lässt, es ist Hunger nach Dopamin. Die Symptome sind real. Der Hunger dahinter ist es längst nicht mehr.
Ich kenne das an mir selbst. Ohne gesalzene Nüsse komme ich gegen eine Wand. Mit ihnen löst sich etwas, und ich kann weiterarbeiten. Eine halbe Stunde später fühle ich mich elend vom Salz. Das Muster wiederholt sich täglich. Ich spüre ein Symptom, ich esse, das Symptom verschwindet. Also war es körperlich. Diese Schlussfolgerung ist so naheliegend wie falsch. Bei vierzig Kilo Übergewicht gibt es keinen körperlichen Hunger. Es gibt ein Narrativ, das sich als Körper ausgibt. In den Nüssen ist nichts, was die Denkblockade löst. Die Geschichte, warum ich essen muss, erzähle ich mir selbst, und ich höre sie nicht einmal. Sie ist vollständig unbewusst. Und sie ist stärker als jeder Vorsatz.
Denkblockade, Nüsse, Erleichterung. Eine halbe Stunde Ruhe, dann kehrt alles zurück. Mein Gehirn liest das als biologische Notwendigkeit. Aber das ist Negativverstärkung. Der aversive Zustand verschwindet, sobald ich esse, und ich verwechsle Erleichterung mit Bedürfnis. Mein Kopf erzählt mir, mein Körper brauche Nahrung. Die Schlussfolgerung ist falsch. Der Körper brauchte gar nichts. Die Geschichte in meinem Kopf will gefüttert werden, und wenn ich sie hungern lasse, schickt sie körperliche Symptome. Ich spüre sie im Bauch, in den Händen, im Kopf. Nur ihre Ursache liegt woanders. Sie liegt in einer Geschichte, die ich mir erzähle, ohne sie zu hören.
Was wie Hunger aussieht, ist oft Negativverstärkung. Ich esse, um einen unerträglichen Zustand zu beenden. Das Essen lindert den Distress, und der Distress kehrt zurück, sobald das Essen aufhört. Die Nahrung ist Medikament, und das Medikament erzeugt das Problem, das es löst. Koob und Le Moal haben diesen Kreislauf für Substanzabhängigkeit beschrieben.10 Für Essen gilt derselbe Mechanismus.
Der Körper unterscheidet, auch wenn der Kopf es nicht tut. Echte Signale melden echte Mängel. Salzwasser bei Natriummangel. Wasser bei Dehydration. Kaffee am Morgen, Alkohol am Abend, Zigarette nach dem Essen sind Imitate. Sie fühlen sich an wie Bedürfnis, weil der Körper gelernt hat, sie zu fordern. Sie fühlen sich identisch an. Sie sind konditioniert.
Dieses Prinzip durchzieht alles. Wer es versteht, kann fasten. Wer es ignoriert, bricht ab. Der Körper protestiert, und wir glauben ihm, weil wir gelernt haben, ihm zu glauben. Genau das muss aufhören. Wir trennen psychisch und körperlich, als wären das Gegensätze. Beim Essen ist diese Trennung eine Lüge. Was sich körperlich anfühlt, hat fast immer psychische Ursachen. Der blinde Fleck ist die Kategorie selbst.
Körperlicher Schmerz fühlt sich körperlich an. Psychischer Schmerz fühlt sich psychisch an. Beide Annahmen sind falsch. Fast jeder körperliche Schmerz ist psychisch durchdrungen. Jeder psychische Schmerz manifestiert sich im Körper. Die Trennung existiert nur in unseren Köpfen. Das scheinbar Natürliche ist konstruiert. Mein Körper ist psychisch gebaut. Meine Empfindungen sind psychisch gebaut. Was ich für Natur halte, ist Erzählung.
Die Körperselbstverachtung kommt aus dem Protestantismus und hat sich durch Descartes, Kant und ihre Nachfolger fortgeschrieben bis heute. Die Fettleibigkeitsepidemie ist ihre Kulmination. Wie wir essen, wie wir mit uns umgehen, alles folgt aus dieser Spaltung. Wer begreift, dass die Signale pseudobiologisch sind, kann sie ignorieren. Sie sind Ausdruck einer psychischen Architektur, und Architektur lässt sich umbauen. Die Veränderung beginnt damit, dass ich aufhöre, mir die Geschichte zu erzählen, die mich zum Fressen zwingt.
Die nächste Schicht betrifft das Verstehen selbst. Wer sagt, ich esse aus Stress, hat etwas verstanden und das Entscheidende verpasst. Der Hunger selbst ist Stress. Das körperliche Symptom ist psychisch erzeugt. Der Hunger hat sich als Körper verkleidet. Solange ich das nicht sehe, bekämpfe ich Symptome und füttere die Ursache.
Die letzte Schicht betrifft die Umgebung. Ein Fisch bemerkt das Wasser nicht. Die Gesellschaft ist das Wasser. Sie frisst, sie säuft, sie erzählt sich dieselbe Geschichte, und wer darin schwimmt, hält die Geschichte für Natur. Individueller Ausstieg verlangt, das Wasser zu sehen. Das ist schwer, wenn alle anderen behaupten, es gebe keins.
Die Unterscheidung zwischen homöostatischem und hedonischem Hunger ist klinisch relevant, besonders bei Binge-Eating-Störungen. Kaum ein Betroffener weiß, dass sein Hunger kein Hunger ist. Ich hatte jahrzehntelang dieselbe Störung und kannte die Unterscheidung nicht. Und im Grunde ist unsere ganze Gesellschaft Binge-Eating-gestört, nur ohne Diagnose. Willenskraft versagt beim Essen wie bei jeder Sucht. Kontrolle entsteht durch Verstehen. Wer die Mechanismen durchschaut, muss nicht mehr kämpfen.
Die Debatte kreist um Diagnosen. Essstörung, psychische Krankheit, Trauma. Alles möglicherweise wahr. Alles vollständig irrelevant im Moment, in dem die Hand zum Essen greift. Psychotherapie hilft irgendwann. Vielleicht. Im Moment des Fressanfalls hilft sie nicht. Was hilft, ist Verstehen. Die Körper-Geist-Trennung ist Schwachsinn. Mein Geist manifestiert sich in meinem Körper. Und was ich für körperlichen Hunger halte, ist meine Psyche, die sich verkleidet hat.
Das Gehirn von Übergewichtigen sieht aus wie das Gehirn von Kokainabhängigen.11 Die Bildgebung zeigt dieselben Muster, dieselbe Reduktion der D2-Rezeptoren, dieselbe Abstumpfung des Belohnungssystems. Der Körper nimmt keine illegale Substanz. Die Wirkung ist identisch. Die Mehrheit der Bevölkerung ist übergewichtig. Und ein Teil derer, die als normalgewichtig gelten, trägt viszerales Fett, das keine Waage misst und kein Spiegel zeigt. Der BMI ist wissenschaftlich überholt, aber er bleibt in Gebrauch, weil er beruhigt.12 Die Statistik lügt, und die Lüge ist bequem.
Das Übergewicht selbst ist die Droge. Das Fett als permanente Betäubung, ein Anästhetikum, das der Körper selbst produziert. Die Essattacke betäubt für Minuten. Das Fett betäubt für Jahre. Die Suche danach ist unbewusst. Das Ergebnis ist sichtbar. Entzündungsstoffe aus dem Fettgewebe überwinden die Blut-Hirn-Schranke und entzünden das Gehirn. Langsameres Denken, flachere Emotionen, weniger Antrieb.13 Die Welt wird grauer. Für manche ist das ein Preis. Für andere ist es der Gewinn. Kokain fährt die D2-Rezeptoren herunter. Übergewicht tut dasselbe. Das Belohnungssystem wird stumpf. Die Freude geht, aber der Schmerz geht mit. Das Nervensystem findet ein Gleichgewicht auf niedrigerem Niveau. Wer genug gelitten hat, erlebt das als Frieden.
Wer als Kind missbraucht wurde, wird mit höherer Wahrscheinlichkeit übergewichtig.14 Die Erklärung liegt nahe. Das Fett ist Panzer. Es macht den Körper unsichtbar, unbegehrenswert, unangreifbar. Das Fett entsexualisiert. Es schafft Distanz zur Welt. Joyce McDougall beschrieb den Körper als Container für unerträgliche Affekte.15 Wer Gefühle nicht verarbeiten kann, lagert sie somatisch ein. Das Fett ist eine Funktion. Somatisierung statt Symbolisierung. Der Körper trägt, was die Psyche nicht halten kann.
Kompensatorisches Überessen bei abgestumpfter striataler Sensitivität. So nennt die Forschung, was der Körper täglich tut. Das Striatum ist taub. Das Essen soll es aufwecken. Es weckt nichts auf. Also isst man weiter.
Stice und Kollegen zeigten 2008 im fMRI, dass bei Adipösen das Belohnungssystem schwächer feuert als bei Normalgewichtigen.16 Adipöse haben eine abgestumpfte Belohnungsreaktion auf Essen. Je stumpfer die Reaktion, desto mehr essen sie. Je weniger sie fühlen, desto mehr brauchen sie. Das Überessen ist der Versuch, ein taubes System auf Normalniveau zu bringen. Es gelingt nicht.
Der Kokainabhängige braucht immer mehr, um dasselbe zu fühlen. Der Übergewichtige braucht immer mehr, um überhaupt noch etwas zu fühlen. Der Mechanismus ist identisch. Mehr Substanz, weniger Wirkung. Mehr Essen, weniger Gefühl. Das Essen ist das Anästhetikum.
Ratten mit unbegrenztem Zugang entwickelten innerhalb von Wochen kompulsives Essverhalten. Elektroschocks stoppten sie nicht mehr. Ihre D2-Rezeptoren fielen auf das Niveau kokainabhängiger Ratten. Die Ratten waren nicht willensschwach. Das Futter hatte sie neurologisch umgebaut.17
Der Kreislauf braucht keinen Anstoß von außen. Jede Mahlzeit füttert die nächste. Essen erzeugt eine Dopaminspitze. Die Spitze baut D2-Rezeptoren ab. Die Abstumpfung verlangt mehr Essen. Mehr Essen baut weitere Rezeptoren ab. Die Spirale dreht sich nach unten, und sie dreht sich von allein. Das Belohnungssystem ist strukturell unterversorgt. Blum und Kollegen nannten es Reward Deficiency Syndrome.18 Wer zu wenig D2-Rezeptoren hat, sucht unbewusst alles, was Dopamin bringt. Koffein, Alkohol, Essen, Scrolling, Computerspiele, Pornografie. Die Form ist austauschbar. Der Hunger dahinter ist derselbe.
Übergewicht ist kein Kontrollverlust. Es ist Selbstmedikation gegen ein Nervensystem, das zu wenig fühlt. Der Körper sucht Betäubung, weil er Normalität nicht mehr erreichen kann. Das Essen füllt ein Loch, das es selbst gegraben hat. Gehirne von Adipösen sehen aus wie die von Kokainabhängigen. Stice zeigt, warum sie essen — ihre Gehirne sehen so aus. Johnson und Kenny zeigen, warum ihre Gehirne so aussehen — sie essen. Sie essen, weil das Gehirn taub geworden ist. Das Gehirn ist taub geworden, weil sie essen. Ein geschlossener Kreislauf. Er gleicht dem Alkohol-Darm-Hirn-Kreislauf, den Rupprecht und Bishehsari beschrieben haben.
Es fühlt sich an wie Bedürfnisbefriedigung. Es ist der Versuch, ein System zu reparieren, das durch vorheriges Überessen kaputtgegangen ist. Die Befriedigung ist real. Sie befriedigt ein Bedürfnis, das sie selbst erzeugt hat.
Das Schwierige ist die Umgebung. Man kann mit einer Geschichte schwer aufhören, wenn alle sie erzählen. Wir leben in einer fressenden Gesellschaft, ununterbrochen fressend, ununterbrochen trinkend. Auch das Wasser ist Teil der Obsession. Sie säuft Wasser, als wäre Verdursten eine reale Gefahr. Die Geschichte ist kollektiv, und das macht sie schwerer zu verlassen. Eine Frau kommentierte, sie habe gedacht, nach drei Tagen ohne Wasser sterbe man. Ich wusste, dass es solche Menschen gibt. Es trotzdem zu erleben, ist verstörend. Wüsste ich es nicht besser, würde ich auf Intelligenzdefizit tippen. Aber diese Frau ist wahrscheinlich hochintelligent. Sie ist gehirngewaschen. Sie hat keinen Kontakt mehr zu ihrem Körper. Was sie für Wissen hält, ist eine Geschichte, die sie sich erzählt.
Der Mensch rebelliert gegen Fasten, weil er seine eigene Geschichte glaubt. Mein Körper braucht das, sagt die Geschichte. Dein Körper braucht jetzt nichts, sagt die Forschung. Was du spürst, ist konditioniertes Verlangen. Das Belohnungssystem hat gelernt, zu fordern. Die Psyche hat gelernt, sich als Körper auszugeben. Und wir haben gelernt, ihr zu gehorchen. Der Körper-Geist-Dualismus ist die Ur-Geschichte. Aus ihr wachsen alle anderen. Wer die Trennung glaubt, kann nicht fasten. Wer sie durchschaut, kann es.
Die Geschichte lautet: Ich brauche das, mein Körper verlangt danach. Die Wahrheit lautet: Dein Körper verlangt danach, weil du es ihm beigebracht hast. Das Verlangen ist echt. Die Notwendigkeit ist erfunden.



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Redaktioneller Hinweis: Die wissenschaftlichen Aussagen in diesem Text basieren auf begutachteter Fachliteratur. Biografische Passagen sind Erfahrungsbericht, keine Verallgemeinerung. Es bestehen keine Interessenkonflikte. Meinungen sind kein Ersatz für Daten. Pascal Saker, Michael J. Farrell, Gary F. Egan, et al., »Overdrinking, swallowing inhibition, and regional brain responses prior to swallowing«, in: PNAS, Vol. 113, Issue 43, 10.10.2016, 12274—9.
Michael R. Lowe, Maya L. Butryn, »Hedonic hunger: A new dimension of appetite?«, in: Physiology & Behavior, Vol. 91, Issue 4, 24.07.2007, 432—9.
Julie M. Frecka, Richard D. Mattes, »Possible entrainment of ghrelin to habitual meal patterns in humans«, in: American Journal of Physiology — Gastrointestinal and Liver Physiology, Vol. 294, Issue 3, 01.03.2008, G699—G707.
Frecka-Mattes 2008.
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Adipöses Gewebe produziert Zytokine (IL-1β, IL-6, TNFα), die über die gestörte Blut-Hirn-Schranke Neuroinflammation auslösen. Folge sind kognitive Defizite, insbesondere Arbeitsgedächtnis und Lernen.
Vincent J. Felitti, Robert F. Anda, Dale Nordenberg, et al., »Relationship of Childhood Abuse and Household Dysfunction to Many of the Leading Causes of Death in Adults: The Adverse Childhood Experiences (ACE) Study«, in: American Journal of Preventive Medicine, Vol. 14, Issue 4, Mai 1998, 245—58.
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Adipöse zeigen abgestumpfte striatale Reaktion auf Nahrungsaufnahme. Je stumpfer die Reaktion, desto mehr Gewichtszunahme.
Paul M. Johnson, Paul J. Kenny, »Addiction-like reward dysfunction and compulsive eating in obese rats: Role for dopamine D2 receptors«, in: Nature Neuroscience, Vol. 13, Issue 5, 28.03.2010, 635—41.
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